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  • 04.10.2017
  • von Oliver Voss

Potsdam: SAP macht Tempo

von Oliver Voss

Foto: Uli Deck/dpa

Deutschlands Softwareriese erfindet sich neu – viele der Entwicklungen entstehen in Potsdam und Berlin.

Potsdam - Wenn man Sportübertragungen aus dem Blickwinkel von Sponsoren betrachtet, wird es schnell unübersichtlich. Ob Eishockey oder Motorsport: Überall sind die Protagonisten mit bunten Logos gepflastert, dazu kommen Werbebanden, die so schnell im Hintergrund auftauchen, wie sie wieder verschwinden, wenn Autos oder Spieler an ihnen vorbeirasen. Zu messen, wie oft welches Logo letztlich zu sehen ist, scheint da ein Ding der Unmöglichkeit. Versucht wird es trotzdem, bislang werden dafür manuell mühselig Strichlisten geführt.

Wie es anders geht, demonstriert Sebastian Wieczorek. Auf seinem Laptop startet der SAP-Manager das Video eines Autorennens, sofort legen sich rote und blaue Rechtecke über die zahlreichen Logos. Auch wenn sie nur Sekundenbruchteile zu sehen sind, erkennt die Software die Sponsoren und zeichnet auf, wie oft, wie lange und wie prominent sie zu sehen sind.

Eigentlich ist SAP für Software zur Steuerung von Unternehmensprozessen bekannt

Das Programm ist eine der ersten Anwendungen von SAP Leonardo, dem Hoffnungsträger des deutschen Softwareriesen. „Leonardo kann in zehn Jahren größer sein als das bisherige SAP“, hatte Unternehmenschef Bill McDermott im Interview mit dieser Zeitung erklärt.

Eigentlich ist der Konzern aus dem baden-württembergischen Walldorf mit Dependancen unter anderem in Potsdam vor allem für seine Software zur Steuerung von Unternehmensprozessen bekannt. So wie Microsoft das Betriebssystem für die meisten Bürorechner stellt, liefert SAP das Betriebssystem für die Unternehmenssteuerung. Doch die Industrie wandelt sich in vielen Branchen rasant und so versucht auch SAP die Geschwindigkeit zu erhöhen, mit der neue Programme und Anwendungen für die Kunden entwickelt werden. „Wir müssen uns bewegen, sonst werden wir scheitern“, hatte Firmengründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner bei der Eröffnung des Innovationscenters in Potsdam gesagt. Denn während das Herz des Konzerns weiterhin im südlich von Heidelberg gelegenen Städtchen Walldorf schlägt, setzt SAP bei der Neuerfindung auf Hirne an vielen Standorten. Und ein Großteil der Neuentwicklungen entsteht in Potsdam und Berlin. Am Ufer des Jungfernsees im Potsdamer Norden steht ein modernes Glasgebäude. Ein Mähroboter surrt leise über den Rasen, im Inneren des Hauses sitzen kleine Grüppchen junger Leute in verglasten Räumen zusammen und tüfteln an neuen Konzepten.

Das Innovationscenter wird mit Schnellbooten vergliechen.

Andre Wenz trägt hier den Titel Direktor für Innovationsstrategie. Um das Konzept zu erklären, zeigt er das Bild eines großen Tankers. Die Metapher ist so alt wie der 1972 gegründete Konzern selbst, das weiß natürlich auch der gelernte Physiker. „Doch es gibt trotzdem kaum ein treffenderes Bild“, sagt Wenz. Die Innovationscenter vergleicht er mit Schnellbooten, die ausschwärmen und Informationen über neue Entdeckungen zum Mutterschiff bringen. „Das kann dann entscheiden, ob es seinen Kurs ändert.“

Vor drei Jahren hat SAP hier sein erstes Innovation Center eröffnet, seither kamen weltweit von Brisbane bis Bangalore noch elf weitere Standorte dazu. Doch das Zentrum des Innovation Center Network befindet sich in Potsdam. Von hier wird die Arbeit der Teams aus den verschiedenen Ländern koordiniert, die gemeinsam an bestimmten Themen arbeiten, im Fokus stehen dabei derzeit die Blockchain-Technologie, Chatbots und künstliche Intelligenz.

SAP setzt künstliche Intelligenz praktisch ein

So ist auch die Bilderkennung für Sportsponsoring entstanden, die nun von Audi und einem großen TV-Sender genutzt wird. Eine weitere Anwendung zeigt Wieczorek, Leiter der Leonardo Machine Learning Foundation. Es ist das Bild einer Teddyfigur aus Kristall, dem der Kopf abgebrochen ist. Mehr als Hundert Kunden melden sich jeden Tag bei Swarovski, weil ihnen genauso ein Malheur passiert ist und sie nach Reparaturmöglichkeiten oder Ersatz fragen. Doch die Österreicher haben mehr als 40 000 Kristallobjekte im Angebot, da dauert es, genau das Richtige zu identifizieren. SAP hat daher den Swarovski-Katalog mit einer Bilderkennung verknüpft, die Algorithmen können dadurch eingeschickte Kundenfotos sofort identifizieren.

Es ist ein Beispiel dafür, wie künstliche Intelligenz (KI) praktisch eingesetzt wird. Denn im Kern geht es dabei darum, dass Computer selbst lernen, Dinge zu erkennen und Entscheidungen zu treffen. Also beispielsweise ob der Vierbeiner auf dem Bild ein Pferd oder ein Hund ist. „Das ist genauso, wie Kindern etwas beizubringen“, sagt Wieczorek. „Die Algorithmen sind dabei kein Geheimnis, der Schlüssel sind die Daten.“ Denn nur mit riesigen Datenmengen können die neuronalen Netze einer KI-Software sinnvoll trainiert werden. Und die meisten SAP-Kunden sind Großkonzerne, die riesige Datenmengen besitzen. Mit Leonardo will SAP ihnen die Werkzeuge geben, die Daten intelligenter zu nutzen. Es ist eine Art KI-Baukasten für den Hausgebrauch: „Wir geben unseren Kunden demnächst die Möglichkeit, eigene Modelle zu erstellen und so die Algorithmen selbst zu trainieren.“

Viele Innovationen werden durch Start-ups vorangetrieben

Doch SAP holt sich auch fremde Schnellboote in die Flotte. „Viele Innovationen werden durch Start-ups vorangetrieben“, sagt Alexa Gorman, die das im Frühjahr gestartete SAP.io Programm leitet. Sie hat dabei 35 Millionen Dollar für Investitionen zur Verfügung. Zudem hat der Konzern vier neue Accelerator-Programme gestartet: in San Francisco, New York, Tel Aviv und Berlin.

In der Hauptstadt hat SAP wieder Start-ups ausgesucht, die sich mit KI beschäftigen. „Das ist ein strategischer Produktschwerpunkt von SAP“, sagt Gorman. Das Unternehmen hat sich beim Co-Working-Anbieter Mindspace in der Krausenstraße in Berlin-Mitte eingemietet und dort das ganze Dachgeschoss in Beschlag genommen. Zehn Start-ups sind gerade eingezogen und werden bis Dezember bei der Entwicklung ihrer Geschäftsidee gefördert. Dabei arbeitet SAP mit Techstars zusammen. Das Unternehmen ist eine regelrechte Accelerator-Fabrik und betreibt allein oder gemeinsam mit großen Unternehmen weltweit inzwischen mehr als 30 solche Start-up-Förderprogramme. Gleich drei der Start-ups kommen aus Indien, andere aus Finnland, Estland oder Bulgarien. In der Vorauswahl waren natürlich auch deutsche Gründer dabei, doch von denen schaffte es keiner unter die Top20. Dafür wurde das Team von Wise Athena aus Madrid ausgewählt. Die Spanier entwickeln ein Programm, mit dem Unternehmen ihre Preise optimieren können, die Software kalkuliert dabei auch die Reaktion von Konkurrenten und prognostiziert Absatzmengen und Margenänderungen. Zu den ersten Kunden gehören die Muttergesellschaften der Biermarke San Miguel oder des Lutscherherstellers Chupa Chups. Dabei zeigt sich auch, warum sich eine Kooperation mit dem deutschen Softwareriesen anbietet: „Wir haben sieben Kunden und fünf davon nutzen SAP“, sagt Ricardo Flores von Wise Athena. Er und die meisten anderen hoffen, dass ihnen die Deutschen die Türen zu großen Kunden öffnen. SAP selbst lotet aus, ob es in Zusammenarbeit mit den Start-ups die eigenen Produkte ergänzen kann. Der Großteil der Start-ups aus dem Accelerator ist daher an diesem Tag auch nicht in Berlin, sie sind nach Bremen zu einer SAP-Entwicklerkonferenz gereist.

SAP lockte sogar ein Start-up aus dem Silicon Valley nach Berlin

SAP.io ist schon der zweite Accelerator der Walldorfer in Berlin. Der erste wurde Anfang des Jahres im Data Space am Hackeschen Markt gestartet, Schwerpunkt dort ist das Internet der Dinge. Auch hier ziehen jetzt drei neue Start-ups ein: Park Here entwickelt Sensoren für Parkplätze, die sich selbst mit Energie versorgen. Das Team von Attenio visualisiert Baupläne von Maschinen und das von Rocket Internet finanzierte Start-up Instafreight entwickelt eine Online-Spedition.

Im Frühjahr hatte SAP mit XMPro sogar ein Start-up aus dem Silicon Valley nach Berlin gelockt. Das Team entwickelt Lösungen, mit denen Unternehmen einfacher ihre Sensoren vernetzen können – auch mit SAP-Systemen. Dabei testen sie auch einen Chatbot, der Maschinen buchstäblich zum Sprechen bringen soll. XMPro-Gründer Pieter van Schalkwyk zeigt eine Beispielnachricht: „Hier ist die Kühlerpumpe HVAC 335, ich habe Probleme und werde voraussichtlich in vier Stunden ausfallen.“ Auf die Rückfrage, woran das liegen könne, antwortet die Pumpe dann im Chat mit einer Problemdiagnose und Reparaturvorschlägen.

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