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  • 26.08.2017
  • von Steffi Pyanoe

20 Jahre Radioeins: Nie wieder Holzmesse

von Steffi Pyanoe

Robert Skuppin, 53, studierte in Berlin Publizistik, Politologie und Geschichte, arbeitete bei Radio 100, Radio 4U und Fritz, bevor er zu Radioeins kam. Seit 2011 ist er Programmchef. Foto: Sebastian Gabsch

Vor 20 Jahren ging Radioeins auf Sendung. Alle wollten was Neues – aber was genau war das? Heute ist der Sender überaus erfolgreich und mehrfach ausgezeichnet.

Was gibt es in Potsdam, das Berlin nicht hat? Das Studio von Radioeins. Berlin hat die Radioeins-Dachlounge und „Die schöne Party“, das Radio aber kommt aus Babelsberg. Seit 20 Jahren. Der vielleicht coolste öffentlich-rechtliche Sender ging hier am 27. August 1997 on Air. Ein zusammengewürfeltes Team, hervorgegangen aus der Fusion von ORB und SFB, sendete aus einer Baracke auf dem Babelsberger Studiogelände. Robert Skuppin war schon damals dabei, als Moderator und Marketingmacher. Heute ist der 53-Jährige seit 2011 Programmchef mit Büro im Radiohaus, dritte Etage, Blick ins Grüne. Schön, idyllisch, sagt Skuppin, der kein Hehl daraus macht, dass er selbst gerne Berliner ist. Potsdam ist hübsch, aber in Berlin landen schon mal Flieger mit Fußballweltmeistern und die ganze Stadt ist aus dem Häuschen. „Davon haben wir hier in Potsdam nichts mitgekriegt“, sagt er, ein wenig weinerlich, als tue es ihm und dem Sender immer noch weh.

Das ist natürlich Quatsch. Radioeins geht es gut, mit 101 000 Hörern deutschlandweit in der „Durchschnittsstunde“ der Zuhörer-Analyse, davon 85 000 in Berlin und Brandenburg. „Eigentlich sind wir schon ganz erfolgreich, kann man so sagen“, sagt Skuppin mit knurrigem Grinsen. Und klingt für einen Moment wieder wie der lustige Mann, der in der Anfangszeit im Duo mit Volker Wieprecht moderierte. Nach einem eher bescheidenen und schwierigen Start.

„Start me up“ von den Rolling Stones war der erste Song am 27. August, die erste Katastrophe passierte am 31. August, der Sonntag, als Prinzessin Diana starb. Skuppin warnte die Kollegen: Achtung, das wird am Montag auch noch ein Thema! „Und was macht Radioeins? Wir berichten, dass die Holzmesse in Leipzig eröffnet wurde.“ In den ersten eineinhalb Jahren habe man viele Fehler gemacht. Alle wollten was Neues, aber es war unklar, was genau das ist. Das schlug sich in den Hörerzahlen nieder – die waren so niedrig, dass sie in der halbjährlichen Media-Analyse praktisch gar nicht existierten. Nicht messbar. „Also, das war schon peinlich“, erinnert sich Skuppin.

Der Durchbruch kam etwa 1999 mit der Morgenshow von Skuppin und Wieprecht. Er wolle ja nicht eitel sein, sagt Skuppin und schaut durch das bodentiefe Fester des Büros raus ins Grüne, aber von dem Punkt an ging es dem Sender besser. Eine Linie kam rein. Der „Schöne Morgen“ war der Beweis, dass man gleichzeitig blödeln und anspruchsvoll sein konnte. Damals begann auch „Die Schöne Party“ in der Berliner Kalkscheune. „Ich dachte, wir haben kaum Hörer, also kommen auch nur ein paar Leute, die frühstücken wir gleich an der Tür ab“, sagt Skuppin. Dann aber standen die Gäste Schlange. „Da wussten wir, es ist was passiert.“

Viel ist passiert seit damals. Radioeins ist eine Marke, in der Region aber auch darüber hinaus. Mit einem vielfältigen Auftritt, längst nicht nur im Radio, sondern mit einem realen Kulturprogramm zum Sehen und Anfassen. Mit Lesungen, Konzerten und Hörspielkino, mit einer eigenen Farbe – Radioeins ist Orange. Vor allem aber mit einer ganz eigenen Idee, was Radio sein sollte und kann. Schließlich sind beim Radio alle hinter der Zielgruppe der 30- bis 50-Jährigen her. Aber: „Die spielen alle dasselbe, weil alle auf dieselben Research-Dienste hören.“

Bei Radioeins entscheidet die Musikredaktion, was in die Playlist kommt. In sogenannten Abhörsitzungen packt jeder Redakteur auf den Tisch, was er gern spielen würde und dann wird diskutiert. Phil Collins gilt als verbrannt und schafft es nie. Dafür entdeckte Radioeins die Band 2raumwohnung. Weiterhin gibt es diverse Themensendungen, in denen die Moderatoren ihr eigenes Ding machen und keine Musikredaktion etwas vorschreibt. Ein personalisiertes Programm – die Hörer schätzen das. Dafür gab es 2003 den Echo für die beste Medialeistung und 2016 den Radiokulturpreis der Gema. Typisch Radioeins ist auch das vergleichsweise freie Moderieren. Klar gibt es Strukturen und Abläufe, aber am Mikro klingt es, als würden die Moderatoren neben einem im Bus sitzen. Authentisch soll es sein, sagt der Chef. Keine Performance. Und wenn ein Interview gut läuft und mal länger als zweieinhalb Minuten dauert, dann wird eben der nächste Titel geopfert. „Man kann mit einem Format auch mal brechen.“ Mittlerweile hören weltweit „Erwachsene“ übers Internet mit, holen sich ein Stück Berlin nach Kabul oder Tel Aviv. Das ist ein bisschen wie das Gefühl beim Zurückkommen nach Brandenburg, wo sich Radioeins wieder einstellt. Denn: Fremdradiohören auf Deutschlands Autobahnen – „boah, das ist schon hart“, findet Skuppin.

Von den Hörern kommt viel Lob, noch mehr Kritik, aber so sei das ja immer und er findet das gut. Man muss ja wissen, was die da draußen denken. Manche zum Beispiel jammern über die viele Werbung, die eingespielt wird. Aber ohne Werbung gehe es auch bei den Öffentlich-Rechtlichen nicht, sagt Skuppin. Kurioserweise sind die Hörer daran selbst ein bisschen schuld, denn laut Media-Analyse sind Radioeins-Hörer gebildeter und kaufkräftiger. Ein guter Platz für Werbung. „Man wird aber nicht automatisch reich, wenn man Radioeins hört, das sollte man an dieser Stelle vielleicht erwähnen“, sagt der Chef.

Was macht er sonst so als Programmchef? Präsentieren, Vernetzen, Interviews geben. Die Kommunikation intern zum RBB pflegen. Und natürlich die Redaktionen leiten, Chef-Entscheidungen fällen. Skuppin grinst. Eigentlich sei er ein selbstbeauftragtes Mädchen für alles. Vor allem wird er den Sender weiter begleiten, Neues ausprobieren. Der Song von den Rolling Stones ging ja auch weiter: If you start me up, I'll never stop. Am 11. September beginnt das Experiment, den „Schönen Morgen“ vier Wochen lang mit Kameras live zu begleiten. Die Sendung soll ein Hybrid aus Ton und Bewegtbild werden. Neue Ausspielwege findet er interessant, sie werden immer wichtiger. Ist das also das Ende der Zeit, in der Moderatoren unrasiert und im Schluffi-Look am Mikro sitzen dürfen? Nein, sagt der Radioexperte. So leicht lassen sich Moderatoren nicht umerziehen. Aber wenn es der Authentizität dient, „dann können die ebenso im Anzug im Studio sitzen, ist mir auch Recht."

Robert Skuppin selbst sitzt nur noch selten am Mikro, dann meist als Gast in Sondersendungen. Vermisst er das Radiomachen? Ja, hin und wieder schon, sagt er, und zwar meistens dann, wenn es als Chef mal zu stressig wird. Dann komme die Wehmut: „Damals mit Volker im Studio, was war das für ’ne schöne Zeit.“

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