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  • 24.08.2017
  • von Sandra Calvez

Nikolaikirche in Potsdam: Feinstarbeit im Orgelbauch

von Sandra Calvez

Matthias Ullmann arbeitet mehrere Wochen an der Intonation der Orgel in der Nikolaikirche in Potsdam. Foto: S. Gabsch

Zwei Monate dauert das Stimmen der neuen Orgel der Nikolaikirche. Intonateur Matthias Ullmann gibt den Pfeifen mit Zahnarztbesteck und feinem Gehör die richtige Klangfarbe.

Potsdam - Wer in der Nikolaikirche zur neuen Orgel blickt, sieht die Pfeifen imposant empor ragen. Mächtig stehen die metallisch glänzenden Röhren nebeneinander. Doch was Matthias Ullmann derzeit hinter der 1,25 Millionen Euro teuren Orgel tut, ist Feinstarbeit. Ullmann ist Intonateur, er stimmt die Orgel. Rund zwei Monate dauert das. Im Juni hat er angefangen, zur Einweihung am 23. September will der Orgelstimmer fertig sein. Ein seltener Beruf – nach Ullmanns Schätzung sind sie bundesweit etwa 20 – der nicht nur ein feines Gehör, sondern auch viel Fingerspitzengefühl verlangt und nicht zuletzt einiges an Kraft.

Die sieht man den Oberarmen des 59-Jährigen an. Er selbst trägt die einzelnen Pfeifen durch die kleine Tür neben dem Spieltisch in den von vorne nicht sichtbaren Teil der Orgel. Über schmale, steile Holztreppen geht es im Zickzack nach oben. Die größten Pfeifen, knapp fünf Meter lang, hat die Orgelbaufirma Kreienbrink aus Georgsmarienhütte bei Osnabrück aufgebaut, um die kleineren kümmert sich Ullmann. Reihe für Reihe stellt er sie in mit Filz ausgekleidete Löcher in einer Holzplatte.

3600 Pfeifen müssen einzeln gestimmt werden - eine echte Fleißarbeit

Dann beginnt das eigentliche Intonieren. Eine echte Fleißarbeit: Jede der 3600 Pfeifen muss Ullmann einzeln stimmen. Zur Hand geht ihm sein kleiner elektronischer Helfer, ein so genannter Orgamat. Das Gerät wird auf die Tastatur gestellt, per Fernbedienung drückt es die gewünschte Taste. So kann der Intonateur in seinem Kämmerchen bei den Pfeifen ihren Klang hören.

Zuerst kommt der mechanische oder „mathematische“ Teil, wie es Ullmann nennt. Mit einem Stimmgerät prüft er, ob der Ton stimmt. Wenn nicht, kann er die Höhe verändern. Vor ihm liegen allerlei seltsame Gerätschaften. Ein umfunktioniertes Zahnarztbesteck, Zangen, eine Art dicker Metallpfeil mit Spitze auf der einen und gebogenem Hütchen auf der anderen Seite. Je nach Art der Pfeife – abhängig vom Register gibt es Pfeifen aus Holz oder Metall in verschiedenen Formen – kann er damit durch Verformen der Öffnung oben oder des Seitenschlitzes den Klang ändern.

Dann folgen die zeitintensiven Feinheiten, das Intonieren der nicht messbaren Klangfarben. Denn zunächst klinge es noch „wie Kraut und Rüben“, so Ullmann. Sein Ziel: „Ich möchte, dass jede Pfeife einen kultivierten Ton erzeugt.“

Intonieren in ganz Europa: „Meine Auftragsbücher sind bis Ende 2018 schon voll“

Während er die verschiedenen Gerätschaften zeigt, die er in sechs Metallkoffern quer durch Europa von Auftrag zu Auftrag mitnimmt, erzählt er von seinem ungewöhnlichen Arbeitsleben. „Seit der Wende bin ich selbstständig, ich fahre immer einige Wochen zu den Orgeln, übernachte solange in einer Ferienwohnung.“ Bis nach Tallinn und Helsinki hat ihn die Stimmarbeit schon gebracht, nach Rumänien, Polen und Österreich und in viele Städte Deutschlands. Seine Dienste sind gefragt: „Meine Auftragsbücher sind bis Ende 2018 schon voll“, so der 59-Jährige.

Trotzdem ist der Auftrag in der Potsdamer Nikolaikirche für ihn etwas besonders. „Ich habe mich schon seit zwei Jahren darauf gefreut. Die Akustik hier ist irre, der Raum veredelt den Klang“, schwärmt er. Außerdem ist die Orgel nagelneu, „dann liegt die Klangfarbe ganz in meinen Händen“. Neben Neubauten stimmt Ullmann vor allem restaurierte Orgeln und pflegt bestehende Instrumente. Alle zwei Jahre muss der Klang überprüft werden. In ein bis zwei Tagen sei er alle Pfeifen durch und justiert nach. „Durch Staub oder wenn mal eine Fliege in die Pfeife fällt verändert sich der Klang, da muss die Stimmung regelmäßig kontrolliert werden“, erklärt er.

„Nach der Schule bin ich immer sofort in die Kirche gerannt"

Wer mit Matthias Ullmann hinter der Orgel steht und sieht, wie er die Pfeifen fast zärtlich anblickt, versteht, dass sie für ihn nicht nur ein Beruf sind. Schon als Kind zog ihn die Orgel beim Kirchgang mit der Mutter magisch an. Sobald die Beine lang genug waren, lernte er selbst spielen. „Nach der Schule bin ich immer sofort in die Kirche gerannt und habe geübt“, erinnert sich der Cottbuser. Ein Außenseiter sei er gewesen, aber glücklich damit, die Orgel klingen zu lassen, während die Klassenkameraden draußen etwas anstellten oder in die Disko gingen. Kirchenmusik wollte er studieren, als ihm durch Zufall ein Orgelbauer aus Frankfurt über den Weg lief – bei ihm ließ er sich dann stattdessen zum Orgelbauer ausbilden. Nach zehn Jahren durfte er sein erstes Instrument stimmen, die Orgel der Nikolaikirche in Leipzig. 1987 war das, „da habe ich die ganzen Stasiattacken nebenbei miterlebt“, so Ullmann.

„Die Orgeln sind mein Leben“, sagt er selbst. Ein bisschen mag das auch daran liegen, dass das ständige Unterwegssein es schwierig macht, Freunde und Familie zu sehen. Ullmann lebt geschieden. Sein Wohnsitz, in dem er rund 20 Nächte pro Jahr lebt, ist in der Nähe der Tochter in Templin. „Eine Zeit lang habe ich das alles verflucht“, gibt Ullmann zu. „Aber jetzt habe ich meinen Frieden damit gemacht und bin sehr zufrieden.“ In der Freizeit macht er täglich Sport, um sich fit zu halten für den auch physisch anspruchsvollen Job. Rente? „Nein, zehn Jahre will ich das mindestens noch machen. Ich kann nicht ohne“, sagt der Intonateur.

Bevor er weiterzieht zur nächsten Orgel in Sachsen, freut sich Ullmann noch auf die Orgelweihe. „Wenn die Kirche im Klang der Orgel erbebt, jagt mir das einen Schauer über den Rücken.“

Am 23. September um 16.30 Uhr findet die Orgelweihe statt, ein Gottesdienst mit zwei Orgeln, Chor und Bläserquintett. Ab 21 Uhr folgt eine Orgelnacht. In der Woche danach sind weitere Konzerte geplant, darunter das Festkonzert zum Tag der Einheit am 2. Oktober um 19 Uhr. Eintritt ist frei, außer für das Festkonzert

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