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  • 20.04.2017
  • von Kathrina Wiechers

Konrad-Adenauer-Platz in Potsdam: Zwischenstation Babelsberg

von Kathrina Wiechers

Unweit des neuen Konrad-Adenauer-Platzes lebte der spätere Kanzler 1933/34 in einer Villa. Foto: A. Klaer

In Potsdam wurde am Mittwoch ein Platz nach Konrad Adenauer benannt. Dorthin hatte er sich während der NS-Zeit zurückgezogen. Daran gab es auch Kritik.

Babelsberg - Potsdam hat seit gestern einen Konrad-Adenauer-Platz. Die bislang namenlose Kreuzung zwischen Rosa-Luxemburg-, Dom- und Robert-Koch- Straße in Babelsberg wurde am Mittwoch nach dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland benannt. Unweit der Kreuzung, in der Rosa-Luxemburg- Straße 40, hatte Adenauer vom 1. Mai 1934 bis 25. April 1935 mit seiner Familie gewohnt. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) enthüllte das neue Schild, zahlreiche Brandenburger und Potsdamer CDU-Politiker verfolgten die Neubenennung. Anlass war der 50. Todestag Adenauers.

Adenauer habe zu den Verfolgten des NS-Regimes gehört, so Jakobs in seiner Ansprache. „Diese Zeit ist mit seinem Aufenthalt in Potsdam unmittelbar verbunden.“ Kurz vor seinem Umzug in die stattliche Babelsberger Villa, die heute die Galerie Bauscher und das Institut für Physiotherapie Potsdam beherbergt, war Adenauer in Köln von den Nationalsozialisten aus dem Amt des Oberbürgermeisters gedrängt worden. Von einem Tag auf den anderen bekam er kein Gehalt mehr, seine Konten wurden gesperrt.

Adenauer wählte Potsdam als Wohnort, um nah an Berlin, aber dennoch zurückgezogen zu leben

Um zu verhindern, dass ihm auch die Pensionsansprüche gekürzt werden, klagte Adenauer in Berlin, wie der Brandenburger Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Stephan Raabe, sagte. Um nah an der Hauptstadt, aber dennoch zurückgezogen leben zu können, wählte er wohl Potsdam als Wohnort – und um sich nach einer neuen Arbeit in der Region umzusehen. Damit war Adenauer nicht erfolgreich, wohl aber mit dem sogenannten Dienstverfahren: Zumindest einen Teil seiner Pensionsansprüche konnte er durchsetzen, so Raabe.

Ebenfalls in die Potsdamer Zeit fiel Adenauers erste Verhaftung durch die Nazis. In Folge des sogenannten Röhm-Putsches wurde er am 30. Juni 1934 von der Gestapo festgenommen, im Polizeipräsidium Potsdam verhört und kurze Zeit später ohne weitere Erklärungen wieder freigelassen. Sein Sohn Paul erinnerte sich anschließend daran, dass der Vater nach einigen Tagen blass und schweigsam zur Familie zurückkehrte, wie Jakobs in seiner Ansprache zitierte. Er habe damit gerechnet, erschossen zu werden, als der Gestapo-Wagen an einem Waldstück hielt, so der Sohn. Tatsächlich wurden in jenen Tagen zahlreiche Hitler-Gegner ermordet. Adenauer blieb verschont – wohl wegen seines Rückzugs aus der Öffentlichkeit, wie Raabe vermutet.

Kritik kam von den Linken

Zweifel daran, dass Adenauer ein überzeugter Gegner der Nationalsozialisten war, hat hingegen die Potsdamer Linke. So kritisiert Christian Wienert, Vorstandsmitglied des Linke-Kreisverbands Potsdam, in einem Artikel auf der Linken-Website unter anderem, dass Adenauer als CDU-Kanzler sein Kabinett auch mit früheren „mehr oder weniger hochrangigen Nationalsozialisten“ besetzt habe. Dies sei realpolitisch zwar nachvollziehbar, aber moralisch fragwürdig, so Wienert – und im Zusammenhang mit einer Ehrung in Potsdam durchaus relevant. Er wirft Adenauer auch vor, an der Spaltung Deutschlands mitgewirkt zu haben, was gerade in Ostdeutschland schwer wiege.

Die Linke Babelsberg brachte zudem die jüngsten Enthüllungen über Adenauer ins Spiel, die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ kürzlich veröffentlicht hat. Demnach habe Adenauer unter anderem Oppositionspolitiker bespitzeln lassen und ein „autoritäres Staatsverständnis“ gehabt. Die Enthüllungen legten nahe, dass es Adenauer mit der Demokratie nicht ganz so ernst genommen habe, so der Babelsberger Linke-Stadtverordnete Michél Berlin. Einen Platz in Babelsberg nach ihm zu benennen, verbiete sich daher. „Dieser Vorschlag passt nicht in die Zeit.“

Jakobs: Adenauer muss im Zeitkonzept gesehen werden

Historiker wie der Potsdamer Geschichtsprofessor Manfred Görtemaker wiesen diese Kritik hingegen zurück und auch SPD-Politiker Jakobs verteidigte Adenauer – trotz CDU-Parteibuch. Adenauer habe die demokratischen Grundprinzipien wie etwa die Gewaltenteilung in der Bundesrepublik Deutschland entscheidend geprägt, so Jakobs. Durch die Aussöhnung mit dem einstigen „Erzfeind“ Frankreich habe er zudem die Grundlage für den bis heute anhaltenden Frieden in Europa gelegt. Adenauer müsse im Zeitkontext gesehen werden, so Jakobs. Zwar dürfe sich ein Politiker heute keinesfalls mehr so verhalten wie Adenauer, andernfalls müsse er sofort seinen Posten räumen. Doch auch das sei eine Errungenschaft der Demokratie, die unmittelbar mit Adenauer verbunden sei.

Den Antrag auf die Platzbenennung hatte übrigens – naheliegenderweise – die Potsdamer CDU gestellt. Vor zehn Jahren sei dies schon einmal versucht worden, doch damals habe es keine Chance für einen Adenauer-Platz in Potsdam gegeben, so der CDU-Stadtverordnete Götz Friederich gegenüber den PNN. Nun sei dies dank der Rathauskooperation möglich gewesen. Angesprochen auf die unmittelbare Nachbarschaft zur Rosa-Luxemburg-Straße und der nicht weit entfernten Karl-Marx-Straße konnte sich Friedrich am Mittwoch ein Lächeln nicht verkneifen. Dass diese politischen Größen nun hier vereint seien, werte er als „demokratischen Erfolg“.

Neu ist auch ein Blauglockenbaum

Neu auf der Kreuzung ist übrigens nicht nur das Straßenschild, sondern auch ein Bäumchen, das am Mittwoch gepflanzt wurde. Ein Blauglockenbaum, wie er auch in Adenauers Babelsberger Garten stand. In dem verbrachte der spätere Kanzler viel Zeit, wie aus einem von Jakobs zitierten Brief aus jener Zeit hervorgeht. Erwähnenswert schien ihm dabei vor allem der viele Sand und die Trockenheit. Brandenburger Erde eben.

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