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  • 10.04.2017
  • von Sarah Stoffers

Barrierefreiheit in Potsdam: Plötzlich eine Odyssee

von Sarah Stoffers

Über diesen Uferweg an der Speicherstadt konnte Thomas Lehmann bisher allein nach Hause fahren, wenn er seine Eltern besucht hatte. Seit der Weg gesperrt ist, muss er eine umständliche Umleitung fahren – die er nicht mehr allein bewältigt. Foto: A. Klaer

Seit der Sperrung des Uferweges von der nördlichen Speicherstadt zum Hauptbahnhof kann der Rollstuhlfahrer Thomas Lehmann seine Eltern nicht mehr einfach so besuchen. Er ist fortan auf Hilfe angewiesen.

Innenstadt/Templiner Vorstadt - Der Weg von der nördlichen Speicherstadt bis zum Hauptbahnhof ist eigentlich nur wenige Hundert Meter lang. Für Thomas Lehmann ist die kurze Strecke jedoch zu einer wahren Odyssee geworden. Seit etwa zwei Wochen versperrt ein hoher, langer Gitterzaun den Uferweg zwischen dem Stadtquartier an der Havel und der Langen Brücke – bislang war der Weg die einzige Möglichkeit für den jungen Mann, alleine und gefahrlos die Strecke zum Hauptbahnhof zurückzulegen. Der 33-Jährige sitzt im Rollstuhl und kann seit der Sperrung seine Eltern in der Speicherstadt nur noch mit Hilfe besuchen.

Uferweg wird bis 2018 gesperrt sein

Der Grund: Auf dem Teilstück des Uferweges hat die Stadtwerke-Tochter Energie und Wasser Potsdam (EWP) mit Vorbereitungen für den Bau einer Regenwasser-Entreinigungsanlage begonnen. Die Anwohner der nördlichen Speicherstadt seien über die Maßnahmen erst vor wenigen Tagen informiert worden, erklärt Vater Karl Lehmann. Die Firma Implenia Regiobau GmbH, die den Bau für die EWP übernimmt, hatte Informationsblätter an die Hauseingänge angebracht. Die Arbeiten sollen demnach bis November 2018 dauern. Auch der Uferweg wird so lange gesperrt sein, wie die Stadtverwaltung auf PNN-Anfrage bestätigte.

Der 33-jährige Thomas Lehmann wohnt unweit des Hauptbahnhofs. Speziell wenn er nun von seinen Eltern nach Hause will, wird es schwierig. Denn das Ende der Leipziger Straße in Richtung Lange Brücke ist für ihn und seinen Rollstuhl einfach zu steil. Die Steigung dort läge über der Norm von sechs Prozent Höhenunterschied, die für barrierefreie öffentliche Verkehrswege eigentlich vorgesehen ist, sagt Vater Karl Lehmann. „Das ist von der EU so vorgegeben und die Stadt weiß das auch.“ Alles darüber hinaus sei für Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte oder auch ältere Menschen ohne Hilfe nur schwer zu bewältigen. „Die Steigung hat keinerlei Punkte zum Ausruhen. Das ist für Leute wie mich zu anstrengend“, sagt Thomas Lehmann.

Nur eine kurze grüne Ampelphase, die Lehmann kaum schafft

Er muss also nun, wenn er die Strecke in seinem Rollstuhl zurücklegen will, von seiner Familie oder anderen Helfern geschoben werden, um dann über die Lange Brücke und durch den Bahnhof zu seiner Wohnung zu kommen. Denn auch die Kreuzung an der Leipziger Straße in Richtung Friedrich-Engels-Straße, in der seine Wohnung liegt, ist ein Problem für den jungen Potsdamer. Er schaffe es in den kurzen Grünphasen nicht über die Ampel. „Im schlimmsten Fall werde ich von den ungeduldigen Autofahrern erschreckt, fange an zu krampfen und werde so noch langsamer.“ Eigentlich, so erzählt Thomas, seien es nur 900 Meter zu seinen Eltern.

Nicht nur die Familie Lehmann ist wegen der Sperrung verärgert – vor wenigen Tagen haben nun Wohnungseigentümer in der Speicherstadt ein Schreiben an die Fraktionen im Stadtparlament geschickt. Darin wird die Sperrung kritisiert und um alternative Vorschläge für Rollstuhlfahrer und Fußgänger in der Zeit der Bauarbeiten gebeten. Auch das Grundstück neben dem Wohnkomplex, an dem der Uferweg anliegt, ist verriegelt worden. Das Areal gehört wiederum der kommunalen Bauholding Pro Potsdam, die das Gelände entwickeln lassen will. Die Eigentümer fürchten, dass der Uferweg auch über 2018 hinaus unzugänglich sein könnte, wenn neben der Regenwasser-Entreinigungsanlage auch die Bauarbeiten für geplante Wohnungen auf dem abgesperrten Nachbargrundstück beginnen. Kein Ansprechpartner bei den kommunalen Bauherren fühle sich bisher zuständig, eine Lösung für den verschlossenen Weg entlang der Havel zu finden, so die Kritik.

Kann ein alternativer Weg angelegt werden?

Auf PNN-Anfrage erklärte Stadtsprecher Jan Brunzlow, dass bereits bei der Eröffnung des Uferweges vor zwei Jahren mitgeteilt wurde, dass dieser nicht an der jetzigen Stelle bleiben würde, da das Gebiet der Speicherstadt sich noch entwickelt. Zur Frage, warum die Anwohner erst vor wenigen Tagen über die Bauarbeiten umfassend informiert worden sind, verwies der Stadtsprecher auf den dafür verantwortlichen Bauherrn EWP und teilte mit, dass die Maßnahmen bereits seit einigen Wochen im Internet angekündigt waren. Die Linke hat inzwischen angekündigt, das Thema bei der nächsten Sitzung des Hauptausschusses am Mittwoch zu thematisieren. Stadtsprecher Brunzlow erklärte, dass die Bauverwaltung jetzt prüfe, ob ein alternativer Weg angelegt werden kann.

Für Thomas Lehmann bedeutet die Sperrung jedenfalls einen Einschnitt in seine Selbstständigkeit. „Ich möchte die Dinge möglichst alleine machen“, erzählt er. Lehmann ist aktiv. Oft gehe er raus, klappere die Stadt alleine ab. „Ich brauche an vielen Stellen dennoch Hilfe. Mittlerweile weiß ich aber, wen ich dafür anquatschen kann.“ Als Schüler war er für ein Jahr in Amerika, ist später nach Irland gereist, war mit Freunden auf Teneriffa und hat eine Zeit lang in Leipzig Amerikanistik studiert. In anderen Ländern funktioniere das deutlich besser mit dem behindertengerechten Bauen, sagt Thomas Lehmann. Die Sperrung des Weges ist für ihn Ausdruck purer Gedankenlosigkeit. Und er sagt: „Gleiches Recht für alle besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt.“ 

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