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  • 10.04.2017
  • von Klaus Kurpjuweit

Helmholtz-Zentrum in Wannsee: Umstrittener Wannsee-Reaktor wird bis 2028 endgültig stillgelegt

von Klaus Kurpjuweit

Hier wird geforscht. Die Tage des Wannsee-Reaktors sind gezählt. Foto: Thilo Rückeis

Die Stilllegung des Reaktors in Wannsee ist auf den Weg gebracht. Sie dauert aber noch elf Jahre.

Berlin/Potsdam - Das Ende kommt in Sicht. Um den Reaktor des Helmholtz- Zentrums in Berlin-Wannsee wie geplant Ende 2019 abschalten zu können, ist die Senatsumweltverwaltung jetzt einen weiteren Schritt vorangekommen. Sie hat – nach einer Ausschreibung – den Tüv Nord als Sachverständigen beauftragt, der den gesamten Abschalt- und Abbauprozess begleiten soll. Der Gesamtwert des Auftrages ist mit sechs Millionen Euro veranschlagt, die nach Angaben der Berliner Senatsumweltverwaltung das Helmholtz-Zentrum tragen muss.

Zu den Aufgaben der Sachverständigen gehört laut Ausschreibung das „Begutachten von vorgelegten Plänen, Entwürfen und Absichtserklärungen“. Sie müssen auch das Sicherheitsgutachten erstellen und die Umweltverträglichkeit des Vorhabens prüfen. Zudem treten sie als atomrechtliche Sachverständige an. Um den Auftrag hatten sich vier Institutionen beworben.

Betrieb des Wannsee-Reaktors soll zum 31.12.2019 beendet werden

Der Betrieb des Forschungsreaktors BER II, in dichter Nachbarschaft zu Potsdam, soll am 31. Dezember 2019 beendet werden. Danach erfolgt zunächst eine „Nachbetriebsphase“. Erst anschließend wird der Reaktor dann endgültig stillgelegt. Der gesamte Prozess dauert nach Angaben des Sprechers der Senatsumweltverwaltung, Matthias Tang, voraussichtlich bis etwa 2028.

Das Helmholtz-Zentrum hatte schon 1958 einen ersten Forschungsreaktor in Betrieb genommen. Der damalige Regierende Bürgermeister Otto Suhr (SPD) hatte bei der Grundsteinlegung 1957 erklärt, die Sorgen, die man sich wegen möglicher Gefährdungen in der Nähe des Instituts gemacht habe, sei völlig unbegründet. Man habe nicht nur jede erdenkliche Vorsorge getroffen, sondern Berlin habe geradezu den Ehrgeiz, sich an die Spitze aller Schutzbestrebungen gegen mögliche Gefährdungen bei der friedlichen Atomenergienutzung zu stellen, berichtete diese Zeitung damals. Die Stadt, in der Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann die Kernspaltung entdeckt hätten, würde ihrer großen Tradition als Forschungszentrum und ihrer Zukunftsaufgabe als deutsche Hauptstadt nicht gerecht werden, wenn sie nicht alle Kräfte daransetzte, auch auf diesem Feld den Anschluss an die Welt wiederzugewinnen.

Reaktoren dienten nur der Forschung, produzieren aber dennoch strahlenden Abfall

Schon damals bestand die Absicht, später einen weiteren Reaktor in Betrieb zu nehmen. 1973 war es so weit: Der BER II wurde eingeschaltet. Einsprüche aus der Bevölkerung hatte es nicht gegeben. Der leistungsschwächere Vorgänger war ein Jahr zuvor vom Netz gegangen. Die Reaktoren dienten nur der Forschung; Strom lieferten und liefern sie nicht. Dazu waren und sind sie zu leistungsschwach. BER II bringt es auf zehn Megawatt – ein Atomkraftwerk schafft dagegen weit über 1000 Megawatt. Wie ein Kraftwerk produzieren die Anlagen in Wannsee aber auch strahlenden Abfall: Rund sieben Kilo Uran hängen im Reaktorbecken, weitere Brennelemente sind gelagert. Die Suche nach einem Endlager in Deutschland hat jetzt erst wieder begonnen.

Im rot-grünen Senat gab es 1989 Streit um die Betriebsgenehmigung, doch am Ende durfte die Anlage weiter laufen. Im Januar 2013 kippte das Oberverwaltungsgericht die vorgesehenen Flugrouten vom BER-Flughafen über Wannsee, weil die Risiken beim Überfliegen des Reaktors nicht ausreichend geprüft worden seien. Das Bundesverwaltungsgericht forderte anschießend eine neue Verhandlung, die noch nicht stattgefunden hat. Im November 2013 musste der Reaktor kurzfristig heruntergefahren werden, weil sich ein seit 2010 bekannter Riss im Kühlsystem schneller als erwartet vergrößert hatte. Die Sicherheit sei nie gefährdet gewesen, versicherten die Verantwortlichen.

Anwohner fordern seit Jahren das Ende des Reaktors

Für die Anwohner, auch in Potsdam, gibt es einen Katastrophenschutz-Plan, der unter anderem nach dem Austreten von Radioaktivität das Verteilen von Jodtabletten vorsieht. Anwohner fordern seit Jahren das Ende des Reaktors. Die Initiativen reichen bis Potsdam. Erst im Januar waren die Grünen im Stadtparlament mit einem Vorstoß gescheitert, dass die Stadt gegen die Betriebsgenehmigung für die Anlage, die das Land Berlin erteilt hat, klagen soll. Ein Gutachten gegen den Weiterbetrieb des Reaktors hatte auch knapp 3500 Stimmen im letzten Bürgerhaushalt.

Der Reaktor wird aber nicht wegen der Proteste abgeschaltet: Für die Neutronenforschung gibt es kein Forschungsgeld mehr. Die rund 800 Mitarbeiter müssen sich andere Schwerpunkte suchen – vor allem im Bereich erneuerbarer Energie. Niemand solle seinen Job verlieren, heißt es beim Helmholtz-Zentrum. (mit Henri Kramer)

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