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  • 21.03.2017
  • von Josephin Hartwig

Graureiherkolonie im Wildpark Potsdam: Die Kolonisten sind zurück

von Josephin Hartwig

Eingeflogen. Die größte Graureiherkolonie Brandenburgs befindet sich im Potsdamer Wildpark. Dort sind die Tiere jetzt schon damit beschäftigt, Horste zu bauen. Über 200 Horste wurden im vergangenen Jahr gezählt. Fotos: Andreas Klaer

Im Potsdamer Wildpark befindet sich Brandenburgs größte Graureiherkolonie. Jedes Frühjahr kehren die Vögel wie jetzt hierhin zurück, oft sogar in den gleichen Horst.

Potsdam - Laut knacken die Zweige unter den Schuhsohlen von Adolf Kaschube, als er durch den Potsdamer Wildpark streift. Entfernt sind die ersten Graureiherschreie zu hören. „Sobald die Jungtiere ein paar Wochen alt sind, klingen sie fast wie quietschende Ferkel“, sagt Adolf Kaschube und biegt einen Ast zur Seite. Der 84-jährige Stadthistoriker aus Potsdam macht sich auf den Weg zu den ersten ankommenden Graureihern in diesem Jahr.

Hier im Wildpark befindet sich Brandenburgs größte Graureiherkolonie, seit den 1930er-Jahren gibt es sie schon. „Die Vögel ziehen inzwischen immer weiter in den Norden des Wildparks“, erklärt Kaschube. Das liege auch daran, dass die Alt-Bäume, die die Vögel für die Brut bevorzugen, zum Teil nicht mehr für die Graureiher nutzbar sind. Adolf Kaschube streicht mit der flachen Hand über die Rinde einer Kiefer. Seinen Blick richtet er nach oben, in Richtung Baumkrone. „Durch die Exkremente der Vögel sterben die Bäume ab. Dann ziehen die Graureiher weiter und bauen ihren Horst woanders“, sagt er. Dafür suchen sich die Vögel besonders stabile Bäume aus, denn die Horste, die sowohl vom Männchen als auch vom Weibchen gebaut werden, sind massiv und schwer. Auch Stürme, die so manchen Baum in dem naturbelassenen Wald umgerissen haben, trugen zur Wanderung der Graureiher bei.

"Wir bleiben unserer Heimat treu"

Jetzt kreisen sie in 20 Metern Höhe über den Baumkronen des Wildparks. Wo sie ihre Winter verbracht haben, ist schwer zu sagen. Weite Strecken in den Süden legen sie angesichts der milden Winter hierzulande wohl aber nicht mehr zurück. Bald soll mehr über die Potsdamer Reiher bekannt sein: 2015 wurden die ersten 30 Exemplare mit einem Ring versehen, weitere sollen folgen. Schon jetzt bekannt ist, dass sie sehr standorttreu sind, was ihr Brutrevier angeht. Immer wieder kehren sie zu ihrer Kolonie und je nach Beschaffenheit auch zum Horst des Vorjahres zurück. „Das haben wir gemein: wir bleiben unserer Heimat treu“, sagt Adolf Kaschube, der sich seit vielen Jahren mit den anmutigen Tieren beschäftigt. Der 84-Jährige lebt seit 60 Jahren in Potsdam.

Weit breiten die Graureiher ihre Flügel aus, ziehen elegant ihre Kreise über den Köpfen der Spaziergänger hinweg. Doch nicht nur sie kehren jetzt in die Kolonie zurück, auch ihre natürlichen Feinde sind schon auszumachen: Ein Rotmilan und andere Greifvögel haben sich unter die Potsdamer Kolonisten gemischt. „Die greifen sich später Jungtiere aus dem Nest“, weiß Kaschube. Vor einigen Jahren habe er beobachtet, wie ein Greifvogel ein Jungtier aus dem Nest warf und dann das durch den Aufprall verendete Tier vom Boden klaubte. In den ersten sechs Monaten ist die Sterblichkeit bei Graureihern am höchsten.

Neben dem festeren Hirschweg haben die zuständigen Förster Schneisen geschlagen, die den Zugang zur Kolonie für Vogelliebhaber ermöglichen. Einige moosbedeckte Stellen sind hier bereits weiß gesprenkelt, ein erstes Indiz für den Anfang der Kolonie. „Je mehr Tiere hier sind, desto weißer wird der Boden. Irgendwann ist hier alles mit den Exkrementen bedeckt“, sagt Kaschube. Von Weitem sehe das fast aus wie Schnee.

2015 war kein gutes Graureiher-Jahr

Etwa drei bis vier Mal im Jahr macht sich auch Stefanka Engst auf den Weg in den Wildpark. Die 71-Jährige hat das etwa drei Hektar große Koloniegebiet kartiert und kennt inzwischen jeden Baum, auf dem ein Horst gebaut wird. „Im vergangenen Jahr sind 222 Horste gezählt worden“, sagt sie. Die Zahl sei im Laufe der Jahre gestiegen, nur 2015 habe es weniger Nachwuchs gegeben. Später Schneefall habe nicht nur manche Horste zum Einsturz gebracht, die kalten Temperaturen setzten auch dem Nachwuchs selbst zu. Insgesamt sind vor zwei Jahren 184 Brutpaare gezählt worden, im Jahr zuvor 202. Stefanka Engst ist Ornithologin, interessiert sich seit elf Jahren für die Graureiherkolonie. Schon oft sei sie in den Wildpark gekommen, habe vor allem Ende April am Eingang des insgesamt 875 Hektar großen Wildparks an der Waidmannspromenade die ersten Laute der Graureiher gehört, erzählt sie. „Spaziert man in dieser Zeit durch den Wildpark in nördlicher Richtung, sind die Baumkronen alle voller Nester.“

Die Graureiher lassen sich durch wenig aus der Ruhe bringen, haben sich sogar an die Geräusche der Recyclingfirma gewöhnt, deren Sitz an die Graureiherkolonie angrenzt. Denn von einem Rückgang der Brutpaare kann keine Rede sein. Seit 1983 wird der Brutbestand der Kolonie jährlich erfasst. Einige Aufzeichnungen, die die Fachgruppe Ornithologie Potsdam zusammen getragen hat, haben sogar Zahlen, die noch weiter zurück liegen. Demnach nisteten schon 1978 50 Brutpaare im Wildpark, nur sieben Jahre später waren es bereits 172. Seitdem vergrößert sich die Kolonie kontinuierlich. „Sie haben hier sehr gute Lebensumstände, genug Nahrung durch Gewässer in der Nähe“, erklärt Engst. Fische, Mäuse und auch Amphibien stehen auf der Speisekarte der Graureiher. „Sie passen sich aber auch immer mehr an die veränderten Lebensbedingungen an“, so die Expertin. So ernähren sich Graureiher zunehmend auch von Essensresten, finden Nahrung zum Beispiel in herüberwehendem Verpackungsmüll.

Zwischen März bis Oktober ist besondere Vorsicht geboten

1989 ist die Potsdamer Graureiherkolonie als Flächennaturdenkmal unter Schutz gestellt worden. „Das war ein wichtiger Schritt, um auf den besonderen Schutz der Kolonie aufmerksam zu machen“, sagt Adolf Kaschube. Eine Informationstafel am Rand des Weges deutet darauf hin. Von März bis Oktober ist besondere Vorsicht geboten, um die Brutzeit und die Aufzucht des Nachwuchses nicht zu stören. Besuchen kann man die Tiere aber trotzdem.

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