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  • 10.09.2016
  • von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Die Lange Brücke in Potsdam: Die Brücken am Schloss

von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Erst Holz, dann Eisen, später Stein. Die Lange Brücke in Potsdam um 1896. Im Juli 1888 wurde erstmals eine steinerne Konstruktion für den Verkehr freigegeben. Sie wurde von Pferdefuhrwerken, Pferdebahnen und bald von der ersten elektrischen Straßenbahn genutzt. Foto: Privatarchiv H. Knitter

Die Lager ächzen, der Spannbeton ist strapaziert, die Stadt Potsdam will bald neu bauen: Ein Besuch im Inneren der Langen Brücke.

Potsdam - Über eine schmale wackelige Leiter geht es unter die 20 Zentimeter starke Brückendecke. Hier ist es erstaunlich still. Von den mehr als 50 000 Fahrzeugen, die die Lange Brücke täglich überqueren, ist kaum ein Brummen, kaum ein Vibrieren zu vernehmen. Zur Mitte hin wird der Gang niedrig, man kann nur noch durchkrabbeln. Ein Ort der Ratten und Spinnen, sagt Elke Reuschel. Ein Ort, der nun jährlich auf Schäden überprüft werden soll: Noch habe die 55 Jahre alte Lange Brücke keine Risse, sagt die Brückeningenieurin. „Normalerweise halten gut gebaute Brücken 80 bis 100 Jahre.“

600 Jahre alte Geschichte der Langen Brücke

Am vergangenen Freitag öffnete die Stadtverwaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Hinter den Kulissen“ kurzzeitig das Innere der Langen Brücke, Ingenieurin Reuschel führte die Besucher an den sonst verschlossenen Ort. Mit der Besichtigung sollte nicht nur an die 600 Jahre alte Geschichte der Brücke und ihrer fünf Vorgängerbauten erinnert werden. Sie war offenbar auch als Vorbereitung auf eine neue Großbaustelle in der Stadt gedacht: Die Verwaltung plant, das Bauwerk für Fahrzeuge über 30 Tonnen zu sperren, es häufiger als bisher auf Schäden zu überprüfen – und „mittel- bis langfristig einen Ersatzbau“ vorzubereiten.

Der Spannbeton-Bau aus der Zeit vor dem Mauerbau 1961 erweist sich weder als besonders schön noch als besonders langlebig. Zwar handelt es sich – wie bei seinen optisch ansprechenderen Vorläufern aus Holz, Gußeisen und Stein – um eine gemessen an der damaligen Zeit „beeindruckende technische Konstruktion“, betont Elke Reuschel. Die Professorin für Brückenbau an der Uni Leipzig muss aber die 220 Meter lange, durch „Geburtsfehler“ belastete Brücke regelmäßig warten. 2008 musste, nach größeren Sanierungsarbeiten Ende der 1990er-Jahre, der Straßenbahn- und Busverkehr auf eine neue, unmittelbar daneben gesetzte und viel schmalere Stahlkonstruktion verlagert werden. Wie lange die alte Lange Brücke noch hält, darauf wollten sich die Experten bei der Begehung nicht festlegen.

Der Zugang ins Innere der Brücke ist versteckt

Den Zugang zur Langen Brücke muss man erst finden. Er liegt versteckt unterhalb der Verkehrsschlaufe „Meyer-Ohr“, gleich neben einem steinernen Fundament, das vor Jahrhunderten eines der Torhäuser trug. Hinter einer niedrigen Eisentür müssen die Besucher ihre Köpfe einziehen. Angenehm kühl ist es zwischen den hellgrau gestrichenen Betonwänden. In einem Quergang reihen sich waschmaschinengroße, knallblau angemalte Lager aneinander. Sie gleichen die Druck- und Zugkräfte aus, die durch das ungleichmäßige Fahren von Autos und Lastern auf die Brücke wirken. Sie spannt sich über die Alte und die Neue Fahrt mit dazwischen liegender Freundschaftsinsel und ist als Verbindung zwischen Innenstadt, Babelsberg und der Teltower Vorstadt eine zentralen Verkehrsader.

„Die Potsdamer haben zur heutigen Brücke kein besonderes Verhältnis“, sagt Stadthistoriker Hartmut Knitter. „Sie latschen drüber.“ Die Bedeutung der Langen Brücke aber könne man gar nicht hoch genug einschätzen: Die erste Brücke über die Alte Fahrt wird urkundlich bereits für das 14. Jahrhundert erwähnt. Sie hielt nicht lange. 1416 erlaubte Kurfürst Friedrich I. den Bau eines hölzernen Übergangs „über die Havel in der Richtung nach dem Teltow“ und sprach der Stadt das Brückengeld zu. An den Torhäusern wurden auch später nicht nur Zölle und Steuern etwa für Fleisch und Geflügel kassiert, sondern auch die Passanten und Fuhrwerke kontrolliert. „Ein Übergang über die Havel war entscheidend für die Stadtgründung und -entwicklung.“ Wer, von Südosten kommend, den Fluss querte, landete bei der Burg, die später zum Stadtschloss ausgebaut wurde. „Die Brücke und das Stadtschloss sind das Ursprünglichste von Potsdam. Um den unbedeutenden Ort gruppierten sich nur wenige Häuser“, erzählt Historiker Knitter. Zu Kriegszeiten war die Brücke ein bedeutender Übergang: So marschierten im Dreißigjährigen Krieg mehrmals Soldaten über die Havel und verwüsteten die Stadt.

Viele kleine Inseln in der Alten Fahrt

Die älteste Abbildung von 1683 zeigt, dass sich in der Alten Fahrt viele kleine Inseln befanden. Die Nuthe lagerte dort immer mehr Schwemmland ab. Nachdem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Potsdam zur Garnisonstadt machte und deshalb einen Palisadenzaun errichtete, entstand – auch mit Hilfe zusätzlicher Aufschüttungen – die heutige Freundschaftsinsel. 1664 wurde die Lange Brücke als hölzerne Zugbrücke erneuert, um dem immer regeren Schiffsverkehr Durchgang zu gewähren.

Nach einer kurzlebigen Variante aus Gußeisen, für die Baumeister Schinkel die Torhäuser entwarf, unterschied sich die Steinbrücke von 1888 signifikant von ihren Vorgängerinnen. Sie war in zwei Teilen gebaut und auf den modernen Verkehr ausgerichtet: für Pferdefuhrwerke und mit so hohen Bögen, dass die Dampfschiffe durchfahren konnten. 1907, mit der ersten elektrischen Straßenbahn, wurde sie in Kaiser-Wilhelm-Brücke umbenannt, erzählt der Potsdamer Historiker Klaus Arlt. 1936 strichen Potsdamer Nationalsozialisten den Namen wieder.

Potsdamer Bombennacht: Die Brücke stand noch, das Schloss brannte

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurde das Ensemble aus Brücke und Schloss stark beschädigt. Horst Goltz, der auf Hermannswerder wohnte, hat die Potsdamer Bombennacht vom 14. auf den 15. April erlebt. Der damals 15-Jährige nahm in der Innenstadt an einem Funkerlehrgang der Hitler-Jugend teil und ließ sich früh morgens vom Fährmeister noch nach Hermannswerder übersetzen. Nach wenigen Stunden Schlaf lief er aus Neugier über die Brücke Richtung Stadt : „Da stand sie noch, aber das Schloss brannte.“ Kurz bevor die Russen einmarschierten, sprengte die deutsche Wehrmacht am 24. April 1945 die Brücke über die Neue Fahrt. Der Teil über die Alte Fahrt stand noch – mitsamt den alten Soldatenfiguren.

Bei der ersten Wahl 1946 hingen am Sockel der Skulpturen noch die Wahlplakate, erzählt Klaus Arlt: „Junge Linke stürzten einen Teil von ihnen in die Havel.“ Nach dem Bau einer Behelfsbrücke nutzte die SED 1958 den Neubau der Langen Brücke als Argument, um die Ruinen des Schlosses zu sprengen.

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