17.07.2018, 27°C
  • 09.07.2018
  • von Heidi Jäger

Kultur in Potsdam: Selbst in Rot

von Heidi Jäger

Der Blick fürs Detail. Bettina Moras „Amaryllis“ zeigt das Große im Kleinen.

Bettina Moras malt Selbstporträts, die alles andere als Tribute an die Eitelkeit sind.

Selbstbildnisse sind keine Tribute an die Eitelkeit. Jedenfalls nicht bei Bettina Moras. Ihr „Selbst in Rot“ zeigt eine zarte Frau, die wild und herb, aber auch müde und abgekämpft wirkt. Ihr Blick ist auffordernd und zugleich in sich gekehrt, schafft Distanz und Nähe. Die hohen Wangenknochen und großen blauen Augen sind umrahmt von struppigem Haar, das wie geschnittenes Schilf fällt. Das Rot des Kleides vor dem roten Hintergrund hat die Kraft eines Leuchtfeuers.

Die Farbe Rot gab mit den Ausschlag, dass Bettina Moras’ Bildnis nun in der Sommerausstellung der Galerie Kunst-Kontor hängt: im Zehnerbund mit anderen Künstlern, die sich unter der Überschrift „Die Farbe Rot“ versammeln. Liebe und Hass, Energie und Zorn, Leidenschaft und Verführung – diese roten Bilder sprechen viele Sprachen. Sie tönen schrill, dann wieder sanft, sind von aufreizender Provokanz oder blumiger Harmonie.

Bei Bettina Moras trägt das Rot den Schatten der Vergänglichkeit. Die 43-jährige Künstlerin aus Berlin, die im Kunst-Kontor inzwischen ihren festen Galerieplatz hat, laboriert lange, um die Farben zum Leuchten zu bringen. Sie steigert den Effekt, indem sie sie vielfach schichtet und verschiedene Töne gegeneinander setzt. Das rote Kleid auf diesem „Selbst in Rot“ von 2009 ist ihr Lieblingskleid. Sie trug es vor und während der Schwangerschaft. Es wuchs mit, umschmeichelte den Bauch, und war auf einem ihrer weiteren Selbstbildnisse, „In Erwartung“, Kontrast zu dem erschöpften Gesicht, das die Last der werdenden Mutter hervorkehrt. „So ein Selbstporträt entsteht in großer Intimität. Während ich male, denke ich nicht an eine Ausstellung. Erst wenn das Bild hängt, wird mir klar, dass ich viel von mir preisgebe“, sagt Bettina Moras in ihrer leisen, nachdenklichen Art.

Wenn sie sich traurig male, geschehe das nicht bewusst. Sie malt, was sie sieht. Kein Ideal, sondern das, was feinnervig den Weg von innen nach außen findet. Selbstporträts begleiten sie seit den Anfängen ihrer Malerei. „Sie haben den Vorteil, dass man sein Modell immer dabei hat – und dieses Modell steht dann auch so lange, wie man es braucht.“ Und das ist bei Bettina Moras oft bis zur Erschöpfung lange. Diese Doppelbelastung des Modellstehens und Malens merkt sie meist erst, wenn sie den Pinsel beiseitelegt. „Oft habe ich auch meine Tochter beim Malen getragen und danach den Rücken gespürt.“

Marie ist inzwischen zwei, Friedrich, der Große, sechs. Durch die Kinder hat sich ihre Malweise verändert. Die Künstlerin ist genauer geworden, arbeitet konzentrierter und länger an den Bildern. „Mein Anspruch ist jetzt höher.“ Auf ihre wilde Phase folgte die gesetztere. Vorher konnte sie trödeln, jetzt weiß sie den Luxus der Zeit, das Malenkönnen in den abgeknapsten Stunden zu schätzen.

So wie sie sich selbst auf ihren Porträts „entblättert“, schaut sie auch in ihren Stillleben den Motiven ins Herz: in die verschiedenen Häute der Zwiebel, in die Blüte und den neuen kleinen Spross der Amaryllis. Auch im Aufblühen ist das Vergängliche präsent. „Liebe, Geburt und Tod das sind meine Bildthemen.“ Unterschwellig, als Begleitakkord. Und oft auch mit Uhren in Szene gesetzt.

Während manche Maler in ihrem reiferen Werk abstrakter werden, zieht es Bettina Moras, die im sächsischen Freiberg aufgewachsen ist, immer stärker ins Detail hinein, zu dem Kern der Dinge. Schon als Kind malte sie gern Apfelgriebsche, war begeistert von den kleinen Stübchen darin. Jetzt schafft sie in akribischer Pinselführung Monumente für diese kleinen Dinge; für eine Walnuss-Schale oder einen Kirschkern. „Auch auf kleinsten Flächen kann farblich viel passieren.“ Ihren Blick für Farben und Früchte schärfte sie in Rom – dort, wo sie Malerei studierte. Oft ging sie auf den Markt, füllte ihre Körbe mit frischen Zutaten zum Kochen. „Ich esse gern und kaufe gern ein, und die Märkte in Italien waren einfach faszinierend.“ Nun findet sie auch beim Malen Gefallen an einer Porreestange oder an dem Spargelbund. „Die Dinge, die man malt, muss man gernhaben. Ich habe auch schon einen Fisch gemalt, obwohl ich Fische nicht mag. Er ist missraten.“

Bettina Moras kam über Umwege zur Malerei. Sie studierte erst Romanistik, ging dann nach Frankreich und geriet in eine Sinnkrise. In Italien begann sie, Akte zu malen, bevor sie sich im Jahr 2000 an der „Accademia di Belle Arti di Roma“ bewarb – und angenommen wurde. „In der Malerei habe ich mich erst richtig gefunden.“

Gerade hat sie die Insekten für sich entdeckt, deren besondere Schönheit und Eigenart sich erst beim genauen Hinsehen entpuppt. Ja, und Puppen – die gehören unbedingt auch immer wieder auf die Staffelei: diese menschenähnlichen Wesen mit dem leeren Blick. Es fällt viel Licht in ihr Atelier am Wedding, das sie auch für ihr eigenes Wohlbefinden braucht. Aber manchmal geht es ihr eben nicht so gut. All diese Auf und Abs, die Risse in der Tiefe, spiegeln ihre Selbstporträts, an denen sie oft monatelang arbeitet. Heitere und düstere Momente, die sich übereinander schieben, verdichten, herausschälen, Neues freisetzen. Lange Prozesse, die die Oberfläche aufreißen und aus dem Bauch heraus entstehen. Oft in der Farbe Rot.

„Die Farbe Rot“ mit Werken von zehn Künstlern ist bis zum 1. September im Kunst-Kontor, Bertiniweg 1 a, zu sehen

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