18.07.2018, 24°C
  • 06.07.2018
  • von Peter Buske

Fesselnd und draufgängerisch Haydns „Schöpfung“ im Uni-Nikolaisaal-Konzert

von Peter Buske

Das Orchesterpodium scheint aus allen Nähten zu platzen. Das Aufgebot an Mitwirkenden für die Aufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ am vergangenen Mittwoch im ausverkauften Nikolaisaal durch die studentischen Klangkörper der Universität Potsdam ist enorm. Mitglieder des Campus Cantabile und der vocal-concertisten bilden das 120-köpfige Choraufgebot, das von den 48 Streichern der Sinfonietta Potsdam begleitet wird. Sie kommen aus allen Fakultäten der Uni, doch sind auch Externe aus Potsdam und Berlin darunter. Für die holz- und blechbläserische Unterstützung seines „Schöpfung“-Vorhabens hat sich Dirigent Kristian Commichau der Mitwirkung von 17 Mitgliedern des Landespolizeiorchesters Brandenburg versichert. Sie alle werden bei ihrem Erscheinen auf dem Podium mit Gejohle und Pfiffen nach Studentenart frenetisch begrüßt.

Doch ehe sich die Personenmasse eventuell auch in Klangklasse verwandeln kann, gibt Johann Ev. Hafner, Lehrstuhlinhaber für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Christentum, Erläuterungen zum Wesen des Oratoriums, zur Werkgeschichte, zum Van-Swieten-Text, Haydns Kompositionsplan und der theologischen Frage: Was gab es vor der sichtbaren Welt? „Natürlich eine unsichtbare und deren Erschaffer sind die Engel. Drei von ihnen sind die Solisten.“ Um das Unsichtbare des Chaos zu verdeutlichen, habe der Komponist klangliche „Ursuppe“ zu Notenpapier gebracht. Ähnlich verhalte es sich mit dem „Urlicht“, das aus Pianogefilden sich urplötzlich im strahlenden C-Dur-Forteglanz vorzeige. Ähnlich launig deutet er im weiteren Verlauf der Aufführung die Ergebnisse der göttlichen Sechstage-Woche mit dem Erscheinen von Sonne, Mond und Sternen, Pflanzen und Tieren bis hin zu Adam und Eva.

Doch zurück an den Anfang. Irrlichternd und vage wabert dissonant und spannungsaufbauend das hörbar Unsichtbare vor sich hin. Rhetorisch breit, fast mühsam als sei er dem Chaos gerade entwichen, berichtet Bassbariton Matthias Vieweg (Erzengel Raphael) mit sonorer, ausdrucksstarker Stimme, dass Gott nunmehr Himmel und Erde geschaffen habe und Finsternis auf der Fläche der Tiefe herrsche. Geheimnisvoll bestätigt der Chor, dass der Geist Gottes über dem Wasser schwebe und selbiger die Lichtwerdung befahl. Es geschieht unverzüglich, stimmstark und effektvoll. Was Jan Kobow (Uriel) mit seinem hellen, kraftvollen und leicht geführten Tenor eindrucksvoll bestätigt. Sopranistin Yvonne Friedli (Gabriel) gibt wenig später ihrer staunenden Verwunderung über die kosmischen Feinabstimmungen und diversen Naturgeschehnisse wenig liebreizenden Gesangsausdruck. Im weiteren Verlauf setzt sie kraftvolle Spitzentöne, während die Mittellage mitunter ziemlich spröde klingt. Ist’s vielleicht der fesselnden, draufgängerischen, stimmfordernden Lesart des Dirigenten geschuldet? Denn mit der vermag er es, packende Klanggemälde zu erschaffen. Dabei unterstützt vom verzierungsreichen Tastatieren (Beni Araki) bei den Rezitativen und dem auszierungsversierten Solistengesang. Die vorzüglich phrasierenden Männerstimmen, allen voran Matthias Vieweg mit seiner immer voluminöser und tiefer werdenden Stimme, können Commichaus expressiven Intentionen besonders gut entsprechen. Und natürlich der Chor, der den jubilierenden Gottesloben die nötigen Fortissimo-Exzesse hinzu liefert. Das Publikum lässt sich davon ins- pirieren. Peter Buske

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