17.07.2018, 27°C
  • 06.07.2018
  • von Klaus Büstrin

Wettstreit mit zwei Gewinnern

von Klaus Büstrin

Klangschönheit.

Der Internationale Orgelsommer 2018 wurde in der Friedenskirche Sanssouci eröffnet. Im 28. Jahr des Festivals wird vor allem improvisiert

Grußworte zur Eröffnung eines Festivals sind obligatorisch. So auch beim 28. Internationalen Orgelsommer Potsdam, der am Mittwochabend in der Friedenskirche seinen Anfang nahm. So wünschte Superintendent Joachim Zehner den Zuhörern geistliche Stärkung und geistigen Genuss.

Welch eine Vielfalt von Orgelliteratur erklang bisher in den 27 Jahren des Internationalen Orgelsommers, querbeet durch die Musikgeschichte bis hin zu neu komponierten Werken! Im 28. Jahr des Festivals wird vor allem improvisiert. Während der neun Konzerte, die bis Ende August in der Friedens- und Erlöserkirche sowie in der Französischen Kirche stattfinden, werden Organisten die Zuhörer in Erstaunen versetzen, wenn sie Stücke aus dem Stegreif entwickeln. Friedenskirchen-Kantor Johannes Lang hat für die nun begonnene Orgelsommer-Ausgabe Kollegen gebeten, ihre Improvisationskunst zum Besten zu geben.

Bevor nun Lang und der in Freiburg tätige Organist und Komponist Jan Esra Kuhl improvisierten, gaben sie einzelne Sätze aus bekannter Orgelliteratur zu Gehör. So musizierten beide an der nun wieder spielbaren Woehl-Orgel – sie musste wegen der Sanierungsarbeiten in der Friedenskirche ausgebaut werden – eine selbst zusammengestellte Sonate mit Sätzen aus Romantik und Spätromantik. Das vierhändig gespielte Allegro moderato aus der Sonate d-Moll des Dresdner Komponisten Gustav Adolf Merkel ist ein festlich-erhabenes Stück, der zweite Satz stammt aus der Orgelsonate III in A-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy. Das sanfte Andante tranquillo stand auch hier an der richtigen Stelle. Johannes Lang musizierte es ohne nazarenische Verklärtheit, sondern mit einem romantisch frischen Wind. Mit Alexandre Guilmants Finale aus der Sonate Nr. 1 in d-Moll ließ Jan Esra Kuhl schließlich ein faszinierendes Klanggemälde entstehen, das mit seinen glitzernden Farben nur so prunkte.

Anschließend erhielt die Friedenskirche einen Werkstattcharakter, denn Lang und Kuhl spielten nun aus dem Stegreif. Dazu baten sie vor dem Konzert das Publikum, Musizier-Wünsche an die Organisten auf Zetteln zu richten. Nach notierten Themen in Noten oder nur einzelnen Worten verrieten sie viel von ihrer Kunst des notenlosen Spiels. Sie traten zwar in einen Orgelwettstreit, bei dem beide jeweils die selben Themen zu einem Stück Musik „verarbeiteten“, doch es wurde kein Sieger gekürt, weil Lang und Kuhl gleichermaßen über eine einmalige Musikalität, über ein großes Improvisationstalent verfügen. Dazu kommt eine profunde Kenntnis aller spezifischen Stilmerkmale bis hin zu den Geheimnissen der Harmonie und des Kontrapunkts. Die exzellente Spieltechnik und eine sichere Registrierkunst vereinigen sich bei ihnen zu einer Synthese. Im strengen deutschen Barockstil improvisierte Johannes Lang zunächst ein Präludium und Fuge über ein gewünschtes Herzschmerz- und Abschiedsthema, dessen Melodie der Organist selbst erfand. Doch Jan-Esra Kuhls romantische Auslegung kam dem emotionalen Gehalt des Themas wohl eher zugute.

Bevor es mit Improvisationen weiterging, entfaltete der Potsdamer Organist mit der Toccata in F-Dur von Dieterich Buxtehude barocke Pracht und der Freiburger Gast wusste den Choral „Schmücke dich, o liebe Seele“ BWV 654 von Johann Sebastian Bach mit warmen Pastell-Farben zu bedenken. Beherzt gingen die beiden Organisten die mit absteigender Chromatik bedachte Themenvorlage von Matthias Jacob, dem Vorvorgänger von Johannes Lang, an, die sie in Form einer Passacaglia musizierten. Im romantischen Gestus entfaltete die Woehl-Orgel unter ihren Händen und Füßen viele Farben und Klangschattierungen. Eine Steigerung schien nicht mehr möglich zu sein.

Doch es sollte anders kommen. Vom Publikum kamen wiederum Themenwünsche aus der Klassik- und Popmusik wie Mamma Mia von Abba oder einem Walzer von Louis Vierne. Kuhl und Lang spielten wieder gemeinsam, diesmal auf drei Orgeln, dem Schuke-Positiv, der Altarorgel sowie der symphonischen Orgel von Woehl. Sie entführten die begeisterten Zuhörer durch die weiten Gefilde der Musikgeschichte und zauberten ein Potpourri zwischen kammermusikalischer Intimität und kraftvoller orchestraler Entfaltung, bei dem der Witz nicht zu kurz kam. Jan Esra Kuhls und Johannes Langs Improvisations-Strategie, so wurde es am Mittwoch deutlich, lebt von unerschöpflicher Kreativität. Der Orgelwettstreit hatte zwei Gewinner. Klaus Büstrin

Nächstes Konzert des Orgelsommers: 11. Juli, 19.30 Uhr, Erlöserkirche

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