17.07.2018, 27°C
  • 06.07.2018
  • von Helena Davenport

Zuhause im Museum

von Helena Davenport

Gemütlichkeit im Stil der 1960er Jahre. Hier kann Video geschaut werden, so wie einst zu Omas und Opas Zeiten. Das Filmmuseum begibt sich mit seiner Foyerausstellung auf die Spuren des Heimkinos. Foto: Andreas Klaer

Eine neue Ausstellung im Filmmuseum thematisiert das Home Movie

Ein blondes Mädchen sitzt vor einer weißen Wand und malt sich Bierdeckelgroße rote Flecken auf die Wangen. Nur eine Videosequenz später hält es eine herausgerissene Seite ihres Collegeblocks hoch: „Stop“ steht da geschrieben. So solle man sich seine Apfelbäckchen eben nicht schminken, erklärt die junge Frau. Sie ist keine Unbekannte. Mit Schminktipps und Frisuren fing Bianca Heinicke 2012 an, mittlerweile gibt die 25-jährige Kölnerin in ihren Youtube-Videos auch Beziehungstipps und nimmt ihre Fans mit in den romantischen Pärchenurlaub. Heinickes Kanal gehört zu den meistabonnierten deutschsprachigen Youtube-Kanälen. Und dabei macht sie nichts anderes, als Home Movies zu drehen. Ist es gerade das Amateurhafte, das beim Publikum Nähe und Vertrauen schafft? Was vor der Smartphone-Invasion, vor 2007 etwa, eher als Dokumentation für den intimen Kreis gedacht war, wird heute auf direktem Wege ins Netz und damit an die Öffentlichkeit befördert. Aber wie fing eigentlich alles an? Wann wurde das erste Home Movie gedreht? Und wem wurde es präsentiert?

Diesen und weiteren Fragen widmet sich die Ausstellung „Home Movie Come Back“ im Foyer des Potsdamer Filmmuseums, die heute um 19 Uhr eröffnet wird. Die Schau führt mit Filmen und Texten in die Geschichte des Home Movies ein und bespricht darüber hinaus die Tradition des Heimkinos. „Heute tritt der Kameramann vor die Kamera und das Private wird rausgetragen“, sagt Ralf Forster, stellvertretender Sammlungsleiter des Filmmuseums. Die Tradition des Heimvideos habe aber bereits vor rund 150 Jahren begonnen – mit optischen Spielzeugen und Laterna magica-Shows im trauten Heim. Ralf Forster und Oliver Hanley, Mitarbeiter im Masterstudiengang Filmkulturerbe der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“, haben die Ausstellung kuratiert. Forster hatte dort einen Gastvortrag zum Thema „Amateurfilm zu DDR-Zeiten“ gehalten. Hanley sprach ihn danach an: Was denn mit Home Movies im Allgemeinen sei? Die beiden taten sich zusammen und entwickelten ein Konzept.

Im Filmmuseum darf es sich der Besucher zunächst bequem machen. Schräg gegenüber von der Eingangstür wartet ein gemütliches Wohnzimmer: im Stil der 1960er möbliert. Auf einer Leinwand werden Fimausschnitte gezeigt. Zur Eröffnung führen die Ausstellungsmacher „Amator“ von dem polnischen Regisseur Krzysztof Kieslowski vor. Der Protagonist kauft sich eine Elf-Millimeter-Kamera, als sein erstes Kind geboren wird. Aus dem Vorhaben, seinen Alltag zu dokumentieren, wird mehr – denn er ist der einzige in seiner Kleinstadt, der eine Kamera besitzt.

Gegenüber vom Wohnzimmer präsentiert eine Vitrine die nötige Hardware: ein Tonbandgerät im Koffer etwa, Objektive und Kameras aus verschiedenen Jahrzehnten. „Alles ist kleiner. Mit dem Kleinen assoziiert man den Privatfilm“, beschreibt Hanley.

In der ersten Etage geht die Ausstellung, in vier Teile gegliedert, weiter. Nach den Anfängen thematisiert der zweite Teil die Entwicklung des klassischen Homevideos ab den 1920ern. In einem Film wirbt der Erfinder selbst, Emanuel Goldberg, für seine leicht zu bedienende und kompakte Filmkamera. Sein Motiv: die spielenden Kinder im neu bezogenen Heim. „Man warb damit, das Leben für die Ewigkeit festhalten zu können, und die Welt gleichzeitig nach Hause zu holen“, sagt Hanley. Man drehte zuhause und schaute zuhause.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Amateurfilmer nicht selten zur Front gerufen, um die dortige Realität festzuhalten – auch das thematisiert die Schau. Und auch in der Nachkriegszeit betritt der Amateurfilm immer öfter öffentliche Bühnen: In der DDR wird er vom Staat in Auftrag gegeben und in der Bundesrepublik von jungen politischen Aktivisten benutzt, um zu mobilisieren.

Im Oktober zeigt das Filmmuseum zwei Wochen lang Dokumentationen zum Thema. Im Zentrum steht der 20. Oktober, der Home Movie Day, der 2002 in den USA ins Leben gerufen wurde. Hier werden Amateurvideos gezeigt und Spezialisten zeigen, wie sich Analogfilme digitalisieren lassen. „Es wäre doch schade, wenn Filme im Mülleimer landen, nur weil die Macher keine Möglichkeit mehr haben, VHS-Kassetten abzuspielen“, sagt Hanley.

Oma und Opa im Strandkorb, Tina beim Schwimmunterricht – wenn man sich diese auf Band festgehaltenen Ereignisse gemeinsam anschaut, ist das etwas Besonderes. Im Gegensatz zu dem, was Heinicke täglich veröffentlicht. Rund 110 000 Euro soll „Bibi“ übrigens verdienen. Aber wer weiß – noch in diesem Jahr soll eine Super 8-Kamera auf den Markt kommen. Vielleicht feiern Home Movies dann bald wirklich ein Comeback und sind nicht mehr ein Fall für das Museum.

Eröffnung am heutigen Freitag um 19 Uhr, Breite Straße 1a/Marstall

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