17.07.2018, 27°C
  • 05.07.2018
  • von Heidi Jäger

Kultur in Potsdam: Die Schuld der Landschaft

von Heidi Jäger

Mit Wucht. Armandos Bronzeplastik „Der Krieger“ in der Schiffbauergasse zeigt die Spuren von Gewalt und Verrohung. Sie ist Teil des Potsdamer Skulpturenpfades „Walk of Modern Art“. Foto: Andreas Klaer

Armando war ein international anerkannter Künstler – und in Potsdam zu Hause. Eine Spurensuche.

Zum Schluss war er nur noch selten unterwegs. Umso größer die Überraschung, ihm im vergangenen Herbst gleich zwei Mal zu begegnen. Im Oktober sah ich Armando inmitten des Dahlienmeeres auf der Insel Mainau. Aus seinem Rollstuhl blickte er über die Weite des Bodensees. Konnte er diese Idylle genießen? Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Christiane Winter war er auf dem Weg nach Koblenz, um seine wohl letzte Ausstellung zu eröffnen: in der renommierten Galerie Geiger auf dem Marktplatz. Im Gepäck hatte er seine „Schuldigen Landschaften“. Was sonst?

Dieses Thema der Verstrickung ließ den niederländischen Künstler, der gut 20 Jahre in den Ulanenkasernen von Potsdam wohnte, nie los. Das versickerte Blut unter den Grasnarben, die überwucherten Sedimentschichten menschlicher Untiefen: Sie waren Widerhaken in der Seele dieses so vielseitigen Poeten. Armando grub das Vergangene in Farbe hinein, um es aufzubrechen – mit seinen schweren Händen, die in jungen Jahren auch boxten, um Geld für die Farben zu verdienen. Er arbeitete sich durch die Rabenschwärze und das schreiende Rot, durch das vibrierende Grau und das verstrickende Braun. Die Oberflächen der riesigen Bilder pulsierten mit dem Herzschlag eines kriegsgezeichneten Mannes.

Am 1. Juli ist Armando im Alter von 88 Jahren in Potsdam gestorben. Noch eine Woche vorher nahm er an einer Vernissage im Kunsthaus nebenan teil. Der malende Philosoph, der trotz körperlicher Beeinträchtigung immer weiterarbeitete, fand erst im Tod seine Ruhe. Als er auf einen Rolli angewiesen war, holte er sich mit Susanne Ramolla eine junge Potsdamer Künstlerin an die Seite, die ihm assistierte. Sie drehte die Bilder auf Augenhöhe, sodass er auch sitzend die großen Leinwände malträtieren konnte. Tuben in Hülle und Fülle drückte er dann auf das unbefleckte Weiß, das am Ende unsichtbar wurde.

Im November sah ich Armando wieder: diesmal in der ART-Brandenburg-Koje von Susanne Ramolla. Er interessierte sich für die Lichtgestalten und Schattengänge seiner Mitarbeiterin, die sie in der Schiffbauergasse ausstellte. In diesem Kulturgeviert hatte er selbst große Ausstellungen gehabt. Und hier thront auf großer Wiese auch sein zwei Meter hoher „Krieger“. Diese Plastik hat eine Wucht, die auch den unbegrenzten See-Raum zu füllen vermag. In dieser Bronze auf dem Potsdamer Skulpturenpfad „Walk of Modern Art“ zeigen Gewalt und Verrohung ihr deformiertes Gesicht. Die grobe Oberfläche und die gedrungene Haltung spiegeln Dellen und Einschüchterungen in Zeiten von Diktaturen.

Armando, der seine Werke auf der Documenta in Kassel und auf der Biennale in Venedig zeigte, der in großen Museen und Sammlungen vertreten ist, bekam nach dem Mauerfall sofort eine große Ausstellung im Waschhaus. Sein Landsmann Erik Bruinenberg kuratierte sie. Und zu seinem 75. Geburtstag schenkten ihm die beiden Künstlerkollegen Hubertus von der Goltz und Frank M. Zeidler einen zweimonatigen Atelieraufenthalt in ihrem Kunsthaus am Ulanenweg. Dort fand Armando schließlich sein neues Zuhause. Und malte wieder und wieder seine Bäume, „die alles gesehen, aber nicht geredet haben, die so unschuldig aussahen und doch eine Idylle vortäuschten“, wie er bei einem der Atelierbesuche erzählte. Im Hintergrund lief „Zigeunermusik“ von seiner eigenen Band, in der er die Geige spielte.

Damals kehrte er gedanklich zurück auf die stille, sonnige Heide, an den Ort seiner unbeschwerten Kindheit in Amersfoort. Bis sich 1940 alles änderte. Baracken wurden errichtet, Stacheldraht gezogen. Wo der Junge vorher mit seinen Freunden Fußball gespielt hatte, entstand fast über Nacht ein Konzentrationslager der deutschen Besatzer. Neugierig fuhr er mit dem Fahrrad vorbei. Immer mehr Fahrzeuge begegneten ihm auf dem Schulweg. Fast jeden Tag Transporte. Hin und zurück. Fuhren die Laster aus der Stadt hinaus, war ihr Ziel Deutschland, die Lager in Sachsenhausen oder Buchenwald. Armando war auch dabei, als auf seiner Heide Massengräber ausgehoben wurden.

Zeitlebens versuchte er, durch seine dicken Farbschichten die eigenen Erinnerungen abzutragen, sich durch das Gestrüpp, durch das er als kleiner Abenteurer so viel beobachtet hatte, eine Schneise zu schlagen. Doch die Landschaften, in denen Hunderte Menschen erschossen und verscharrt worden sind, waren für ihn fortan nicht mehr unschuldig.

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