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  • 11.06.2018
  • von Peter Buske

Musikfestspiele Potsdam: Grenzenloses Barockuniversum

von Peter Buske

Kulturtransfer. Den Komponisten Antonio Vivaldi (Foto) zog es zu seinem Lebensende aus dem italienischen Venedig nach Wien. Foto: Archiv

Umjubeltes Eröffnungskonzert der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in der Friedenskirche

Potsdam - „Wer zählt die Völker, kennt die Namen, die gastlich hier zusammenkamen?“, fragt Friedrich Schiller in seiner Ballade „Die Kraniche des Ibykus“. Bei diesem „Wettstreit der Wagen und Gesänge“ waren alle Völker Griechenlands vereint. Ansonsten gingen sie ihre eigenen Wege. Kommt einem irgendwie bekannt vor, wo es um ein vereintes Europa gehen soll und Gemeinsamkeiten genauso vonnöten sind wie Ideale. Kunst als Kitt für wankelmütige Völker schien dem Dichter als geeignetes Mittel zum Zweck. Doch wer beherrscht dabei die Sprachenvielfalt? Die holde Frau Musica kann da helfen, denn ihre Sprache ist bekanntermaßen universal. Und so fühlen sich die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci in dieser Saison dazu berufen, den Europa-Gedanken auf vielfältigste Weise zu thematisieren und in Klang zu verwandeln, indem sie sich in den Weiten des Barockuniversums umgetan haben.

Eine originelle Beigabe zum Eröffnungskonzert am vergangenen Freitag in der rappelvollen Friedenskirche hat der Klangkünstler Jens Schmidt im Atrium mit seiner Europa Sound Station geliefert. Sie entpuppt sich als eine altertümliche Reisekiste, ausgekleidet mit einer bunten Europakarte, aus der Stimmengewirr und Straßengeräusche ertönen. Aufgenommen hat er’s bei spanischen, französischen, englischen, slowakischen und russischen Potsdam-Touristen, anschließend per Zufallsgenerator gemixt. Weitere Soundgags liefern die Schubladen einer Kommode, aus denen beim Aufziehen verfremdete klassische Klänge tönen. Ähnliches vernimmt man nach dem Abheben des Hörers eines Drehscheibentelefons, das nach Auflegen sofort wieder klingelt.

Dann ruft die Glocke zum Konzertbeginn mit dem der historischen Aufführungspraxis verschriebenen Ensemble „Europa Galante“ unter dem Geiger und künstlerischen Leiter Fabio Biondi. Doch zunächst gibt es stadtväterliche und kulturministerielle Dankesworte für die scheidende Festivalchefin Andrea Palent, wird die Bedeutung der Musikfestspiele für Potsdam gebührend betont. Danach hat die Musik das Sagen. In seinem Programm „Grenzenlos Europa“ hat Biondi den musikalischen Zeitgeist des 18. Jahrhunderts auf originelle Weise eingefangen, indem er Sätze aus Werken verschiedener Komponisten, deren Wege sich damals zwischen Madrid und St. Petersburg, London und Neapel kreuzten, zu neuen Suiten und Concerti zusammenfügt. Wobei jedes dieser Pasticcio sich als eine vorzügliche Klangpastete erweist, deren Boden durchweg aus unterschiedlich gewürztem italienischem Hefeteig besteht.

Die Menükarte offeriert verschiedene Variationen. Allerdings erweist sich nicht jede als sonderlich abwechslungsreich, kontrastbetont oder hörpikant, wie jener ein wenig fad wirkende italo-frankophone „Concerto“-Mix aus Michele Mascitti und Jean-Marie Leclair. Serviert wird er jedoch mit geschmeidiger Klanggüte auf die charmanteste, sachverständigste Weise, verfeinert mit etwas ausdrucksverstärkendem Vibrato. Fröhliche Geigenbrillanz steuert Fabio Biondi hier wie auch in der deutsch-italienischen „Violinkonzert“-Begegnung bei. Frisch und munter, ganz auf die italienische Bravour gesetzt, spielt er Johann David Heinichens Allegro, um danach die schmerzvollen Andante-Affekte von Georg Friedrich Händel zu verinnerlichtem Ausdruck zu bringen. Wie ein Orkan stürmt er, unterstützt von virtuosen Oboen und Naturhörnern, durchs finale Allegro von Antonio Vivaldi.

Wie schön und völkerverbindend, dass Händel den Angelsachsen die italienische Oper mit seinem „Rodrigo“ nahebringt. Zwei Stücke daraus (Ouvertüre und Rigaudon), pendelnd zwischen erhaben und springtanzhüpfend, werden sehr akzentbetont musiziert. Mit ihnen eröffnet sich die italienisch-britische „Suiten“-Empfehlung, wozu noch das lautenklangverfeinerte Adagio des Francesco Geminiani und die bäurisch-auftrumpfende Paesana des Francesco Barsanti gehören. Für das nicht weniger abwechslungsreiche zweite Suiten-Menü liefern unter anderem der in Italien tätige Böhme Josef Myslivecek, der in England wirkende Schwede Johan Helmich Roman und der in Russland aktive Italiener Giovanni Paisiello (mit seiner rasanten Gewittermusik aus „Il barbiere di siviglia“) die sinnenkitzelnden Zutaten. Für die spanisch-italienische „Sinfonia“-Offerte mit Beilagen von Vicente Martin y Soler, Luigi Boccherini und Nicola Conforto ist nuanciert dargebotener tänzerischer Elan mit einer Prise anmutiger Sentimentalität präzise durchmischt und oboenwitzig abgeschmeckt. Als Krönung des Europa-Gala-Dinners wird Georg Philipp Telemanns Ouverture-Suite „Les Nations“ serviert, bestehend aus kurzweiligen, rhythmisch perfekt musizierten Charakterporträts von Türken, Schweizern, Moskowitern und Portugiesen. Geht doch, mit der Vision vom vereinten Europa, musikalisch wenigstens. Entsprechenden Kulturtransfer zwischen osteuropäischen Völkern gab es nach der umjubelten Festivaleröffnung danach auch noch mit feurigen Gipsy-Baroque-Klängen ab 22 Uhr im Ehrenhof von Schloss Sanssouci.

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SERVICE

Für die Oper „L'Europe galante“ im Orangerieschloss Sanssocui  gibt es noch Karten am 21. und 22. Juni, jeweils 20. 30 Uhr.

Karten erhältlich sind zudem für die Cecilienhofnacht am 15. Juni, das Open-Air-Konzert „All’Improvviso“ am 16. Juni an den Terrassen des Orangerieschlosses Sanssouci, dem Derwisch wirbelnden Abend „Unter einem Himmel“ am 17. Juni in der Friedenskirche, für die „Primadonnen & Kastraten“ am 22. Juni im Nikolaisaal, für das Böhmische Italianita am 23. Juni sowie für das Prom Concert zum Abschluss der Festspiele am 24. Juni an den Communs am Neuen Palais.

Das Programm der Musikfestspiele mit dem aktuellen Stand des Kartenverkaufs im Internet unter: www.musikfestspiele-potsdam.dejä

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