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  • 21.05.2018
  • von Lena Schneider

Shakespeares "Der Sturm" im HOT: Ein letzter Traum auf Potsdams Bühne

von Lena Schneider

Winden sich alle im Sturm: Christoph Hohmann (Alonso), Jon-Kaare Koppe (Gonzalo), Florian Schmidtke (Sebastian), Philipp Mauritz (Antonio), Bernd Geiling (Prospero), Frédéric Brossier (Ferdinand) und Juliane Götz (Miranda) (v.l.n.r.). Foto: HL Böhme/Hans Otto Theater

Tobias Wellemeyer verabschiedet sich nach neun Jahren mit einem wehen, milden „Sturm“ von Potsdam. Die Inszenierung ist ein letztes Bekenntnis zu dem Theater, für das Wellemeyer hier stand: große Emotionen, pralle Schauspielkraft. Und Bernd Geiling darf ein letztes Mal singen.

Potsdam - Wie herrlich wäre diese Welt, wenn wir alle ohne Gepäck in ihr herum spazierten! Wenn es keine Verträge gäbe, keine Erben, kein Geplacke.  Und alle könnten nichts als müßig sein. So ähnlich sagt das der Gonzalo an einer Stelle in Shakespeares „Sturm” in der Inszenierung, mit der Intendant Tobias Wellemeyer am Freitag seinen Ausstand im Hans Otto Theater beging. Der von Jon-Kaare Koppe gespielte Gonzalo sagt das ganz sanft. Er ist im titelgebenden Sturm gerade auf eine Insel gespült worden, trägt ein Zweiglein in der Hand und stellt sich vor, wie das wäre, dürfte er hier König sein. Schön wär’s. Demokratisch. Frei.

Nur hat Gonzalo leider nichts zu vermelden, weder bei Shakespeare noch in der Wirklichkeit. Wer wüsste das besser als Tobias Wellemeyer, dessen Arbeit als Intendant in Potsdam ein ziemliches Geplacke gewesen sein dürfte. Um ein eigenes Profil, um Zuschauerzahlen, um die Anzahl von Komödien im Spielplan, um den Mut zu Experimenten. Bei Shakespeare spielt Gonzalo eine Nebenrolle. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass sie zu den feiner gearbeiteten des Abends gehört. Gonzalo ist ein alter Rat des Königs von Neapel (Christoph Hohmann), und den Anflug von Utopie, vorgebracht vorne an der Rampe, nimmt er kurz darauf gleich wieder zurück. Ein reines Zerstreuungsmanöver, um die hier mit ihm gestrandeten schiffbrüchigen Überreste des Hofes von ihrer miserablen Lage abzulenken: Schiff kaputt, Mannschaft verloren, Königssohn tot. Vermeintlich.

Die Bühne als Schiffsleib

Auch die Insel ist alles andere als ein paradiesischer Raum – was schon die Bühne von Harald Thor zeigt: die Überreste eines Schiffsleibs, einzelne Planken sind herausgebrochen. Ein Geisterschiff. Darüber verteilt wie Treibgut die Insignien der Zivilisation, die hier vielleicht einst mal zuhause war: Musikinstrumente, Matratzen und Bücher, Bücher, Bücher. Diese Reste liegen herum wie Abfall. An einem der Bücher wischt sich jemand später Scheiße von der Schuhsohle.

Inmitten dieser Deponie hat Prospero (Bernd Geiling), einst Herzog von Mailand und durch Intrigen von dort vertrieben, sein eigenes Reich errichtet – und seine Tochter Miranda (Juliane Goetz) aufgezogen. „Mir waren Bücher Staat genug”, erklärt er ihr, was damals schiefging.

Die Kraft der Musik

Auf der Insel nun probiert Prospero das Mächtigsein aus. Der eingeborene Hexensohn Caliban (Eddie Irle), lüstern und rußverschmiert, wird in einem Bretterverschlag gehalten wie Vieh. Dessen Gegenpart, der in glitzerndem Weiß angetane Luftgeist Ariel (Michael Schrodt) muss springen, wenn Meister Prospero ruft. Ariel steht ihm schnippisch („Ja, ja, ja!”), aber behände mit allerlei Kunststücken zur Seite, liefert Flammen, fiese Kräuter. Das geht vor allem auf Kosten des schiffbrüchigen Hofstaats: Es sind eben die, die Prospero einst verrieten.

Geister, Zauberei, Hofintrigen, Revenge-Krimi, Liebeskomödie, Kolonialkritik, raubeinige Clownereien - bravourös dämlich: Rafael Rubino und Moritz von Treuenfels - Shakespeares Stück ist struppig wie Urwaldgewaechs. Um da eine Bresche reinzuschlagen, macht Wellemeyer zweierlei: Er setzt auf Vereinfachung – und auf die Kraft von Liedern. In großartig feinfühligem Understatement live begleitet von Marc Eisenschink auf der Gitarre.

Ein erstaunlich zarter Prospero

Wellemeyer schert sich nicht groß um Charaktertiefe der höfischen Entourage, lässt die Spieler einfach mit aller komödiantischen Wucht auf ihre Rollen los. Florian Schmidtke als stotternder Königsbruder Sebastian angelt mit dem Degen nach eine Möwe, Philipp Mauritz als Prosperos verräterischer Bruder Antonio balanciert formvollendet zwischen Dummheit und Größenwahn, Christoph Hohmann als König Alonso karikiert den müden Machtmann mit letzter Kraft für große Gesten. Ihre pompösen, fein gearbeiteten Halskrausen (Kostüme: Tanja Hofmann) tragen sie mit Würde, stochern mit den Degen über den Köpfen der Zuschauer nach dem Grund für ihre Angst auf der Insel.

Dahinter steht Prospero. Auch er ein müder Machtmann, einer, der sich auf sein Ende vorbereitet. Bernd Geiling spielt ihn erstaunlich zart. Er ist vom ersten Lied an weniger Racheengel als vor allem Vater, der sich im seine Tochter Miranda (Juliane Goetz mit Zartheit und viel Sinn für Komik) sorgt. Keine Allmachtsphantasien, keine großen Visionen. Dieser Prospero will nur eins: seine Tochter unter die Haube bringen. Noch dazu unter die beste, nämlich als Gemahlin  des totgeglaubten Prinzen Ferdinand (Frederic Brossier). Das ist von den beiden zauberhaft gespielt, bleibt aber aus heutiger Sicht als Handlung natürlich gnadenlos anachronistisch – doch wen kümmerts.

Denn längst ist klar, dass alles, was hier passiert, Wunschbilder eines mittelalten Mannes sind – die des Mastermind Prospero. Tobias Wellemeyer inszeniert ihn mit Baskenmütze, Schnurrbart, Scheinwerfer: als altertümlichen Regisseur. Als Alter Ego?

Balsam für theatermodenmüde Seelen

So kann „Der Sturm” als ein letztes und zuletzt sehr wehes Bekenntnis des scheidenden Intendanten zu seinem Theater gelesen werden: ein Theater, dass seine Schauspieler feiert, keine Angst vor großen Emotionen hat und sich nicht die Bohne um aktuelle Theatertrends kümmert. Postdramatik, Regietheater, warum, wenn man Shakespearetexte hat?

Das kann man unmodern nennen oder: Balsam für theatermodenmüde Seelen. Das Potsdamer Publikum darf es auch als letzte Reminiszenz an die Musikstücke sehen, die hier so erfolgreich liefen. Bernd Geiling sang hier in “My Fair Lady” und “La Cage aux Folles”. Jetzt, allein auf der Bühne, während die anderen durch den Saal abgehen, singt er Damien Rice: „No love, no glory, no heroes in the sky. And so it is.“ – „Keine Liebe, kein Ruhm, im Himmel keine Helden. So sieht’s aus.“

Weitere Termine am 27.5. sowie am 2., 3. und 30.6. im Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse

 

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