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  • 05.04.2018
  • von Lena Schneider

Kulturland Brandenburg: Nur Fantasie hält Räume zusammen

von Lena Schneider

Zutaten Europas. Die Bilder des Fotografen Frank Gaudlitz zeigen Backsteinkirchen, Schlossparks, DDR-Moderne. Und ruinöse Kasernen. Im Hindenburghaus des ehemaligen Olympischen Dorfes von 1936 in Wustermark hielt der Potsdamer Lenin fest. Foto: Frank Gaudlitz/Verlag Koehler & Amelang

Das Thema des Kulturlandes Brandenburg lautet 2018 „wir erben“. Die These des Begleitbandes: Wer versucht, „europäisch“ und „brandenburgisch“ auseinanderzudividieren, ist auf dem Holzweg.

Es ist immer aufschlussreich, wie ein Buch sich präsentiert. Welchen „Deckel“ es sich zulegt. Im Coverbild sollen Hunderte von Seiten zusammengedacht werden, gleichzeitig aber soll es gedanklich öffnen, weitmöglichst. Wenn nun also eine Publikation mit dem Titel „wir erben. Europa in Brandenburg. Brandenburg in Europa“ ausgerechnet das Durcheinander am Alten Markt in Potsdam zeigt, das Fortuna-Portal, die Nikolaikirche und dahinter halb versteckt den Giebel der maroden Fachhochschule, dann mag das zunächst erstaunlich unentschieden wirken. Kein Fokus, kein Eyecatcher. Tatsächlich aber ist es eine bemerkenswerte Setzung. Denn: Diese Unordnung, das Nebeneinander verschiedener Epochen, genau das ist er. Der Eyecatcher.

„Eine Gesellschaft entscheidet sich selten für oder gegen das Erbe, sie entscheidet sich für ein ganz bestimmtes“, schreibt die Potsdamer Autorin Julia Schoch in ihrem Vorwort. Dieses Buch nun sucht das Seltene: kein bestimmtes Erbe. Um die vielfältige Gestalt, die europäischen Spuren in Brandenburg und um die brandenburgischen Spuren in Europa, darum geht es in der soeben erschienenen, vom Kulturland Brandenburg herausgegeben Publikation. Sie soll das diesjährige Themenjahr gleichen Namens begleiten. Auch um das Wir im Titel geht es hier: Wie Europa und Brandenburg uns prägen – und was das überhaupt sein soll: Wir. Die Summe aus höchst unterschiedlichen Zutaten, so viel steht nach der Lektüre dieses Buches fest.

Wer versucht, „europäisch“ und „brandenburgisch“ auseinanderzudividieren, ist auf dem Holzweg

Bilder des Potsdamer Fotografen Frank Gaudlitz dröseln diese Zutaten auf: zeigen Backsteinkirchen, ruinöse Kasernen, Schlossparks, DDR-Moderne. Neben essayistischen Annäherungen an Stettiner Kirchenbaukunst der Spätgotik, englische Gartenkunst oder die Orient-Sehnsucht eines Fürst Pückler tritt auch Anekdotisches zutage. Wer hätte gedacht, dass der Borsdorfer Apfel, als älteste deutsche Apfelsorte geltend, in Wahrheit „einer der ältesten belegbaren kulinarischen Einwanderer nach Brandenburg“ ist? Schon 1175 ist er im Kloster Lehnin nachzuweisen, schreibt Marina Heilmeyer in ihrem Beitrag – und ergänzt : „Die Zisterziensermönche hatten ihn aus Frankreich mitgebracht.“ Dafür machte die märkische Rübe als Feinkost am Pariser Hof Furore.

Was an diesem Beispiel spielerisch deutlich wird, ist Anliegen des Buches: Wer versucht, „europäisch“ und „brandenburgisch“ auseinanderzudividieren, ist auf dem Holzweg. Das eine ohne das andere ist nicht denkbar. Schon vor über 850 Jahren siedelten Flamen in Brandenburg, die dem Fläming seinen Namen gaben, erinnert Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im Grußwort. Er verweist auch auf die Schweizer Kolonisten und, natürlich, das „Potsdamer Edikt“ – jene Schrift von 1685, mit der der Große Kurfürst die Aufnahme der in Frankreich verfolgten Hugenotten ermutigte. Kein in erster Linie ethischer, sondern ein rein wirtschaftlicher Schachzug, schreibt Matthias Asche in seinem Essay.

Der Potsdamer Historiker räumt überhaupt mit Idealisierungen der damaligen Zeit auf: „Die Vorstellung einer Willkommenskultur ist ebenso falsch wie das Narrativ einer gelungenen Integration.“ Die Beziehung zwischen Hugenotten, Schweizerkolonisten und ab 1671 aus Niederösterreich nach Brandenburg geflüchteten Juden war konfliktbeladen – und erst lange nach dem Großen Kurfürsten, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, erhielten Juden die gleichen Rechte wie die übrigen Einwohner. Das heute oft verkürzt „Toleranzedikt“ genannte Edikt war nur in Maßen tolerant: Auch das gehört zum Erbe.

Vererbt werden nicht Schlösser, Gärten und Architektur – das allein wäre wohl, was Julia Schoch im Vorwort „Hausmeisterdienst an der Vergangenheit“ nennt. Vererbt wird auch das Nicht-Materielle, Unschöne, Belastende. Auch dem zollt das Buch Tribut. In dem Kapitel „Erinnern“, das übrigens mit einem Foto der ehemaligen Fachhochschule eingeleitet wird, sind Texte über den Dreißigjährigen Krieg versammelt, Erinnerungsorte des Ersten Weltkrieges, Beschreibungen des Konzentrationslagers Ravensbrück. „Europas historische Topografie ist die von Massenmord, von Gewaltherrschaft, Besatzung und Vertreibung“, schreibt Andreas Kossert. In seinem Beitrag erinnert er daran, wie kühl, oft sogar feindselig Flüchtlinge und Vertriebene nach 1945 in Brandenburg aufgenommen wurden. Auch damals, sagt er, „herrschte wahrlich keine Willkommenskultur“ – obwohl es sich um Deutsche handelte: „Mit Maschinenpistolen mussten die Besatzungsmächte häufig die Aufnahme der Obdachlosen erzwingen.“ Jeder vierte Brandenburger war 1949 ein Geflüchteter, erinnert Kossert, ingesamt 655 466 Menschen. Er liefert auch den Vergleich: 2016 wurden in Brandenburg 9287 asylsuchende Flüchtlinge aufgenommen.

„Heimatlosigkeit und Obdachlosigkeit waren für viele Brandenburger eine Grunderfahrung“

„Heimatlosigkeit und Obdachlosigkeit waren für viele Brandenburger eine Grunderfahrung“, lautet Kosserts These. Aber was folgt daraus? Eine Möglichkeit tut der Philosoph Heinz Kleger auf. In seinem Text „Beharrliches Erbe“ denkt er das Edikt des Großen Kurfürsten als lebendiges europäisches Kulturerbe ins Heute weiter. Er bezieht sich dabei wesentlich auf das 2008 ins Leben gerufene „Neue Potsdamer Toleranzedikt“ – eine Reaktion der Potsdamer Bürgerschaft auf die Fremdenfeindlichkeit und Gewalt der 1990er-Jahre. „Das Edikt lebt, solange daran angeknüpft wird“, schreibt Kossert – und ist darin gar nicht so weit weg vom eingangs erwähnten Text von Schoch. „Nicht die geschichtliche Exaktheit, sondern die Fantasie hält Räume zusammen“, schreibt sie. In diesem Sinne ist dieses Buch genau das: eine Einladung zum Fantasieren.

Am 2. Mai um 17 Uhr wird eine Ausstellung mit Forografien von Frank Gaudlitz in den Bahnhofspassagen Potsdam eröffnet: mit 38 Arbeiten zum Thema „wir erben“. Zu sehen ist die Schau bis zum 22. Mai.

— Brandenburgische Gesellschaft für Kultur und Geschichte: „wir erben. brandenburg in europa – europa in brandenburg.“ Fotografien Frank Gaudlitz, Verlag Koehler & Amelang. 184 Seiten, 20,50 Euro.

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