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  • 23.11.2017
  • von Lena Schneider

„Reines Blendwerk“

von Lena Schneider

Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Unruhe am Hans Otto Theater: Förderkreis-Chefin Lea Rosh kritisiert Neu-Intendantin Jahnke und Jakobs

Im Sommer war’s, im schönen Monat Juni, da setzte der Förderkreis des Hans Otto Theaters einen Notruf in die theateraffine Welt. Bettina Jahnke, die designierte Intendantin des Hans Otto Theaters, habe vor, „fast das gesamte Ensemble“ zu entlassen. Ein „Kahlschlag“ sei das, „der mit nichts zu rechtfertigen ist“, hieß es damals. Und: „Der Vertrauensvorschuss, den der Förderkreis bereit war, ihr einzuräumen, ist verspielt.“

Harsche Worte, große Emotion. Und ein in doppelter Hinsicht ungewöhnlicher Schritt: Denn zum einen war Bettina Jahnke zum Zeitpunkt des Briefes noch mitten in Gesprächen mit dem Ensemble, der Notruf platzte in einen Prozess, der noch nicht abgeschlossen war. Zum anderen teilte die Angegriffene auf Nachfrage mit, der Brief entbehre jeder Grundlage. Sie habe vor, zwölf Ensemblemitglieder zu halten.

Inzwischen ist bekannt: Bettina Jahnke hat zwölf Schauspielern eine Verlängerung angeboten, zehn nahmen an und werden auch nach dem Sommer 2018 in Potsdam zu sehen sein. 15 neue kommen dazu. Was sagt der Förderkreis jetzt? Ist das Vertrauen wieder da?

Offenbar nicht, wie ein Anruf bei der Vorsitzenden des Förderkreises Lea Rosh zeigt. Für Rosh, die gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Hinrich Enderlein das Schreiben im Sommer verfasste, hat Bettina Jahnke nicht Wort gehalten. Denn mit denen, die für Lea Rosh das Ensemble ausmachen – also etwa Bernd Geiling, Marianna Linden, Meike Finck –, habe Bettina Jahnke nicht verlängert, während sie andere übernommen habe, denen sie gar nicht hätte kündigen können. „Wenn man von den zehn übernommenen Schauspielern die abzieht, die keinem Kündigungsschutz unterliegen oder die nur einen Ein-Jahres-Vertrag haben, dann bleibt nur eine Handvoll übrig.“ Nicht zehn Schauspielern habe Jahnke die Verlängerung angeboten, so Roshs Rechnung, sondern nur fünf.

Bettina Jahnke bezichtigt sie so zumindest indirekt des Wortbruchs. Als Lea Rosh, die Mitglied der mit der Nachfolge von Tobias Wellemeyer beauftragten Findungskommission war, in dieser Kommission die Forderung vorbrachte, der Kern des Ensembles solle erhalten werden, habe Jahnke gesagt, darum werde sie sich bemühen. „Darüber waren wir uns einig.“ Etwas anderes sei nun eingetreten. Der Gesprächsfaden zwischen Förderkreis und designierter Theaterleitung scheint abgerissen zu sein. Wie zu hören ist, ist die Art und Weise, wie Lea Rosh und Hinrich Enderlein im Sommer an die Öffentlichkeit traten, auch im Förderkreis selbst keineswegs unumstritten.

Noch schärfer als die designierte Intendantin Bettina Jahnke greift Lea Rosh indessen die Findungskommission an, deren Mitglied sie war. „Hätte ich vorher gewusst, wie diese Kommission arbeiten würde, dann wäre ich nicht dabei gewesen“, sagt sie heute. Rosh bezeichnet die von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) einberufene Kommission im Nachhinein als eine „Lachpille“, als „reines Blendwerk“. Dass aus den über 80 Kandidaten eine Vorauswahl von vier Kandidaten getroffen worden sei, findet sie nachvollziehbar. Angesichts des zeitlichen Rahmens aber sei eine fundierte Entscheidung unmöglich gewesen. Etwa 30 Minuten Gesprächszeit pro Kandidat habe es gegeben. „Wenn man so wenig Zeit hat, entscheidet die Sympathie. Aber wir hatten keine Möglichkeit, Inszenierungen der Bewerber zu sehen. Um fundiert zu entscheiden, hätte es diese Möglichkeit geben müssen.“

Anders sieht das die Vorsitzende des Kulturausschusses, Karin Schröter (Linke), die ebenfalls Teil der Findungskommission war. Sie, die schon in zahlreichen Kuratorien saß, empfand das Vorgehen der Findungskommission als „fair und völlig in Ordnung“. „Es gab genügend Vorlauf, um sich mit den Bewerbungen aller Bewerber zu beschäftigen“, sagt sie. „Die Unterlagen lagen bereit und konnten noch während der Sitzung eingesehen werden.“ Den Anspruch, die Inszenierungen aller in der engeren Auswahl befindlichen Bewerber vor der Entscheidung selbst zu besuchen, hält sie für „nicht praktikabel“. Im Übrigen habe sich die Findungskommission in der ersten der beiden Sitzungen über das Verfahren, über das Rosh sich jetzt empört, einvernehmlich verständigt.

Zumindest diskutabel findet Schröter hingegen die Praxis, die der Gesellschaftsvertrag für die Neubesetzung von stadteigenen Unternehmen wie der Hans Otto Theater GmbH vorsieht. Im Moment liegt die finale Entscheidung wie im Fall der Intendanz allein beim Gesellschafter, also Jann Jakobs. Ein Antrag der Linken, das zu ändern, soll am 29. November im Hauptausschuss diskutiert werden. Spätestens dann wird der Oberbürgermeister, der am Mittwoch bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, sich wohl zu dieser grundsätzlichen Frage äußern müssen. Lena Schneider

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