24.10.2017, 14°C
  • 11.08.2017
  • von Peter Buske

Rausch der Sinne und Register

von Peter Buske

Orgelsommer-Konzert mit Matthias Havinga

Der Martin hat nicht immer recht. Das muss nicht nur der Kanzlerkandidat erfahren, sondern es musste auch jener Reformator namens Luther, dessen Ansichten mit denen von Glaubenskollegen wie Johannes Calvin und Ulrich Zwingli nicht stets übereinstimmen. Calvin etwa formuliert eine neue kirchliche Ordnung und Verfassung, wobei er besonders auf die Kirchenzucht wacht. Zwingli hingegen verlangt rigoros die Verbannung von Bildwerken und Musik aus den Kirchen. So geschehen auch in den Niederlanden, deren Kirche durch calvinistische Hardliner um 1600 reformiert wurde. Diese verbieten auch in Amsterdam den liturgischen Gebrauch von Orgelmusik im Gottesdienst, fordern die Entfernung des Instruments aus der Oude Kerk, der Alten Kirche. Die Bürger verhindern das Ansinnen, organisieren eigene Konzerte in dem kargen Kirchenraum – die Geburtsstunde des Orgelkonzerts in Europa hat geschlagen.

Im Ergebnis jahrhundertelanger Bemühungen entstehen „Niederländische Vergnüglichkeiten“, von denen der Amsterdamer Organist und Pianist Matthias Havinga unter dem Titel „Dutch delight“ bei seinem Friedenskirchen-Auftritt im Rahmen des Potsdamer Orgelsommers einige Preziosen auf der Woehl-Orgel vorstellt. In Regerscher Machart hat Christian Frederik Hendriks jr. (1861–1939) seine Toccata g-Moll geschrieben: kompakt, düster und zerrissen, mit viel Chromatik in dichtem harmonischem Gefüge. Matthias Havinga versteht es, Woehls sinfonisch disponiertes Meisterinstrument zu anfänglich voluminösem Klangrausch zu bringen, ihm dann hellere Farben in einer aufgelockerten Form zu entlocken, um sich schließlich in das hymnische Finale zu stürzen. Dem Romantikausflug folgt die Begegnung mit Christian Friedrich Ruppe (1753–1826) und zwei seiner mozartnahen Stücken aus „Dixhuit pièces pour l’Orgue ou Piano-Forte“, in denen der Organist sein am Amsterdamer Konservatorium erworbenes Pianistenkönnen fingerflink und in heller Registrierung vorführen kann. Feingliedrig, regelrecht verspielt und wie hingetupft zeigt sich das „Largo con espressione“, leicht und lebendig artikuliert sowie graziös phrasiert das „Presto ma non troppo“. Dass Havinga, der überdies eine fundierte Ausbildung als Kirchenmusiker am Königlichen Konservatorium in Den Haag erhalten hat, die Woehl-Orgel fantasievoll und farbenreich zu registrieren und Oberstimmen verzierungsreich auszustatten versteht, beweist er in zahlreichen Psalmvertonungen der Frühbarocker Jan Pieterszoon Sweelinck (1562–1621) und Anthoni van Noordt (1619–1673) sowie dem Modernisten Jacques van Oortmerssen (1950–2015).

Beim Zusammentreffen mit Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) können Orgel wie Organist alle Vorzüglichkeiten ihres jeweiligen Könnens offenbaren. Zunächst die Sonata VI aus op. 65, die sich als faszinierende, mit schnarrenden Registern, prononciertem Pedalsolo und rauschhaftem Aufbäumen facettenreich vorgeführte Choralvariation über „Vater unser im Himmelreich“ entpuppt. Das nachfolgende, modern arrangierte Scherzo aus der „Sommernachtstraum“-Musik erweist sich als eine pointierte Vergnüglichkeit mit gläsern-hellen Diskantstimmen. Nicht weniger gelungen die romantische Adaption der Ouvertüre zum „Paulus“-Oratorium: ein staunenswerter, schier überwältigender Stimmen- und Sinnenrausch! Peter Buske

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