20.10.2017, 17°C
  • 19.05.2017
  • von Ariane Lemme

Die Quelle des Widerstands

von Ariane Lemme

Auch Gesang ist Tanz. Hala Omran (m.) und Ali Chahrour (l.) in „May he rise and smell the fragrance“, das am Mittwoch bei den Tanztagen Europapremiere feierte.F.: Sandra Morgenstern

Mit einem Stück über die Rebellion gegen den Tod kommt der libanesische Choreograf Ali Chahrour nach Potsdam zurück

Tanz, denkt man, sei Bewegung. In Ali Chahrours Stück „May he rise and smell the fragrance“, das am Mittwoch in der fabrik seine Europapremiere hatte, bewegt sich auf den ersten Blick erst einmal wenig. Stattdessen singt Hala Omran. Wie ein Muezzin lässt sie die Worte aus ihrer Kehle wehen, die sich in den Köpfen der Zuschauer verselbstständigen. Kaum einer hier würde verstehen, was sie singt, gäbe es nicht die Übertitel, die Übersetzung vom Arabischen ins Deutsche.

Hala Omrans Gesang ist Klage und Anklage, Wut und Unterwerfung. Der Gott, den sie besingt, ist ein strafender, fordernder. Sie singt von Auferstehung, aber nicht von Erlösung. Wohin werdet ihr fliehen, singt sie, und jeder europäisch-christlich geprägte Geist denkt an die düstere Drohung vom Tag des jüngsten Gerichts. Gott ist immer zugleich Verheißung und Furcht.

Und Vernichtung. Diese entsteht ironischerweise ja oft gerade im Namen Gottes. In „May he rise“ verleiht Hala Omrans dieser Vernichtung in ihrer Urform Ausdruck. Als Höllenlärm. Armageddon. Krieg. Eine Armee von Kampfjets scheint minutenlang durch den Raum zu donnern. Der Krieg ist vor allem eines: laut, heißt es oft. Er lässt einem keinen Moment der Stille, er tost einfach weiter. Als reiner Lärm sorgt er auch in der fabrik für spürbares Unbehagen.

Ali Chahrours Stück ist der letzte Teil einer Trilogie über Trauerrituale. In Potsdam war Chahrour schon im vergangenen Jahr mit „Maout Leila (Leilas Abschied)“ zu Gast, ein Stück, in dem es um das Tabu des weinenden Mannes geht. Der mag zwar in der westlichen Welt mittlerweile halbwegs akzeptiert sein – in der arabischen Welt ist er es nicht. Und doch begleitet die Trauer den libanesischen Choreografen Chahrour seit dem Tod seines Vaters vor dreizehn Jahren.

In „May he rise“ dreht Chahrour den Schmerz, sieht ihn sich gewissermaßen von der anderen Seite aus an. Hala Omran ist es, die nach dem akustischen Inferno die Hauptrolle übernimmt. „Ich werde nicht sagen, dass du tot bist“, singt sie auf Arabisch, „aber wie soll ich wissen, dass ich am Leben bin, wenn du schläfst?“ Was als leises Fragen beginnt, steigert sich langsam zu einer Ekstase des Schmerzes – allein mit ihrer Stimme. Ihren Körper bewegt sie beim Singen nur ganz leicht, wiegend. Und man begreift: Der Klang, den die erzeugt, hochzieht aus den Tiefen ihrer selbst, ist der Tanz. Ist in Schwingung gebrachte Luft, die Urform jedes körperlichen Ausdrucks.

Als Zuschauer denkt man daran, wie Traurigkeit den Körper lähmen, wie Kummer den Körper drücken und verkrümmen kann. Woher wissen, dass man am Leben ist, wenn man gefangen ist in einem vom Schmerz versteinerten Körper?, mag man sich im Echo zu Omrans Lied fragen. Das arabische Trauerritual, laut und öffentlich zu klagen, zu weinen, zu schreien, erscheint einem plötzlich als das einzig Natürliche im Angesicht der Verzweiflung. Auch wenn es der stummen, verdrucksten europäischen Trauer so widerspricht. Die Kehle ist nicht nur der erste, sondern auch der letzte Ort des Lebendigseins, und die Quelle des Widerstands gegen den Tod.

Die drei Männer auf der Bühne – neben Chahrour die zwei Musiker Ali Hout und Abed Kobeissy – bauen mit ihren Körpern die Bilder zu diesem gesungenen Tanz. Sie trommeln, sägen, wie bei einer Exekution, mit dem Bogen eng an Chahrours Hals entlang, während sie die Oud spielen, lassen ihre nackten Füße einen dumpfen Beat erzeugen. Und begleiten so Hala Omrans Weg durch die Trauer. Ihrem fast erstaunten Klagen folgt eine wütende Beschwörung. Mit nackten Brüsten steht sie weit hinten im dunklen Raum und lässt mit ihrer Stimme Chahrours Körper, der jetzt flach auf dem Boden liegt, tanzen. Eine stimmliche Herzdruckmassage ist das, und Chahrour ist ein guter Sohn. Er zuckt, vibriert, er ist bereit, das Leben zurück in seinen schlaffen Körper zu lassen. Ganz am Ende zieht er sich wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden nach oben.

Triumphierend führt Omran die Gruppe der drei Männer an, leitet sie an den Bühnenrand, dreht sich um und erstarrt. Sie ist Orpheus, ihr „Sohn“ Chahrour ist Eurydike, Orpheus’ geliebte Frau. Auch Orpheus hatte Erydike schon bis an die Schwelle der Unterwelt zurückgeführt, als er sich umdrehte, um sich Eurydikes Anwesenheit zu versichern. Und sie genau dadurch zu verlieren. Wie Omran da so steht, stumm vor Entsetzen über ihren eigenen Fehler, dehnt sie die Zeit ins Unendliche, bis sie in einen letzten, endgültigen Klagegesang verfällt. Für Worte ist kaum noch genug Leben in ihrer Kehle, nur ein Wort bleibt ihr, um den Klang zu tragen: Allah. Und auch der christlichste Europäer kann sie verstehen, jeder kennt die Worte des gekreuzigten Jesus: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Im Angesicht des Krieges – im Libanon, in Syrien und überall sonst – muss man sich ohnehin fragen, ob es ihn je gab.Ariane Lemme

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!