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  • 20.04.2017
  • von Klaus Büstrin

PNN-Serie "Potsdamer Intendanten" Teil 6: Der Vater der „Blechbüchse“

von Klaus Büstrin

Guido Huonder und das Potsdamer HOT Anfang der 90er. Der Schweizer musste mit Raumproblemen kämpfen und neue Spielstätten suchen. In das Programm nahm er vor allem Stücke, die zum Nachdenken aufforderten.

Kein Theaterneubau auf dem Alten Markt stand Anfang der 90er-Jahre auf der kommunalpolitischen Tagesordnung – sondern der Abriss des Betonklumpens aus DDR-Zeiten, in dem die Bühnenkunst etabliert werden sollte. Eines Tages könnte ja das Stadtschloss wieder den Platz beherrschen, dachten viele.

Suche nach Spielstätten und Umzug in die "Blechbüchse"

Der Nachfolger von Intendant Gero Hammer, der Schweizer Guido Huonder, musste mit Raumproblemen kämpfen. Sogar der Zuschauersaal im Provisorium Zimmerstraße wurde wegen baupolizeilicher Sicherheitsbedenken geschlossen. Aber der kraftvolle, auch aufmüpfige Huonder, der Schauspieldirektor in Dortmund gewesen war und 1991 nach Potsdam kam, wollte sich „die Butter nicht vom Brot nehmen lassen“. Er suchte neue Spielstätten. So wurde auf der Haupt- und Probebühne sowie im Theaterinnenhof in der Zimmerstraße gespielt, im Treffpunkt Freizeit, im Schlosstheater im Neuen Palais, im Schloss Cecilienhof, in der Friedenskirche. Sogar die Leichenhalle der ehemaligen Nervenheilanstalt in der Heinrich-Mann-Allee wurde als Studiobühne umgebaut.

Anlässlich der 1000-Jahr-Feier Potsdams 1993 konnte auf dem Alten Markt die „Blechbüchse“ aufgestellt werden. Oper, Operette, Schauspiel und Konzerte fanden im großen Haus ein Podium. Doch das neue Haus wurde von den Potsdamern nicht angenommen. Nicht allein wegen seiner Leichtmetallbauweise. Vor allem der ins Innere dringende Verkehrslärm machte das Haus unsympathisch. Guido Huonder schien aber die „Blechbüchse“ zu lieben. Von einem Provisorium wollte er in diesem Zusammenhang nichts wissen. Eigentlich sollte es nur fünf Jahre den Alten Markt beherrschen. Es wurden 14 Jahre.

Politisches Theater auf dem Spielplan

Huonder legte einen spannenden Spielplan vor: „Kleiner Pogrom im Bahnhofsbuffet“ von Oleg Jurjew, „Der Großinquisitor“ von George Tabori nach Dostojewski, „Trauer zu früh“ von Edward Bond, „Maria Magdalena“ von Friedrich Hebbel oder „Torquato Tasso“ von Goethe. Letzteres zeigte man im Schlosstheater. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich, dass in einer Vorstellung nur zehn Zuschauer anwesend waren, von denen die Hälfte schlief.

Huonder wollte vor allem politisches Theater auf die Bühne bringen, Theater, das zum Nachdenken über die europäische Geschichte auffordert. Doch die Potsdamer mussten sich kurz nach der Wende, wie andernorts im Osten Deutschlands, mit der neuen gesellschaftlichen Situation auseinandersetzen. Da war für Theater wenig Zeit, höchstens für Oper, Operette und Konzert. Auch im Musiktheater konfrontierte Huonder die Potsdamer mit sperrig-neuen Opern, beispielsweise mit der Uraufführung der Oper „Eréndira“ der rumänischen Komponistin Violeta Dinescu. Das Theaterorchester unter der Leitung von Stefan Sanderling wurde 1992 sogar um eine Vielzahl von Musikern verstärkt. Die Fusion mit dem Defa-Sinfonieorchester währte aber nur zwei Jahre. Sie scheiterte 1994 wegen des finanziellen Unvermögens seitens der Stadt und des Landes. Und der sozial denkende Guido Huonder bekam neues Ungemach auf den Intendantentisch: Er sollte 80 Mitarbeiter kündigen. Da spielte er nicht mit. Nach zwei Jahren verließ er Potsdam.

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Lesen Sie mehr aus unserer Serie "Intendanten des Hans Otto Theaters" und erfahren Sie wie der Dramaturg Gero Hammer das Theater zum Erfolg führte, wie Ilse Weintraud als erste Frau sieben Jahre das Hans Otto Theater leitete oder wie die Intendanz in den 40er-Jahren von einem Provisorium ins nächste geriet

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