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  • 13.04.2017
  • von Heidi Jäger

PNN-Serie "Potsdamer Intendanten" Teil 5: Gero Hammer: Mit dem Ohr an der Machtzentrale

von Heidi Jäger

Die Wende auf der Bühne: Der Dramaturg Gero Hammer führte das Hans Otto Theater in seiner 20-jährigen Amtsinhabe zu Renommee.

Mit 20-jähriger Amtsinhabe brachte es Gero Hammer zum dienstältesten Potsdamer Theaterleiter. In seine Ära von 1971 bis 1991 fiel die Wende, die er mit durchaus provokanten gesellschaftskritischen Stücken begleitete. In diesen aufwühlenden Jahren musste niemand um die Auslastung des Theaters bangen. Die Zuschauer kamen in Scharen. Was hier auf der Bühne ausgesprochen wurde, klang nach Freiheit des Wortes, nach Hoffnung.

Russische Stücke wie „Morgen war Krieg“ oder „Zeit der Wölfe“ thematisierten plötzlich die „Säuberungsaktionen“ während des Stalinismus. „Wolokolomsker Chaussee“ von Heiner Müller beschrieb den widersprüchlichen Weg des Sozialismus und die Wunden, die ein politisches System bei Menschen hinterlassen kann. Selbst die Mozart-Oper „Lucio Silla“ nutzte Hammers langjähriger Musiktheaterregisseur Peter Brähmig, um greise Machtinhaber zu karikieren. Gero Hammer ließ seinen Regisseuren die lange Leine und suchte mit nach spannenden Stoffen für Ur- und Erstaufführungen.

Mutige Inszenierungen und Experimente

Über Stücke und Inszenierungen des südamerikanischen Autors Alonso Alegria („Der weiße Anzug“), Volker Brauns „Tinka“ oder Claus Hammels „Die Preußen kommen“ sprach man nicht nur in Potsdam, sondern im ganzen Land. Sie standen neben Operetten, Revuen zu Jahrestagen der Republik und Klassiker-Inszenierungen auf dem Spielplan. Gero Hammer setze auf eine Balance zwischen komödiantischer Unterhaltung im Kleinen Theater am Alten Markt, Oper im Schlosstheater, Schauspiel, Konzert und Operette in der Zimmerstraße. Auch im Jugendtheater ließ er Neues wachsen: Aufklärungsstücke der Westberliner Theatergruppe „Rote Grütze“ hatten hier ihre DDR-Erstaufführung.

Der einstige Dramaturg Gero Hammer, der immer eine gewisse Distanz zu den Kollegen bewahrte und Autorität ausstrahlte, ließ vor allem in der Montagabend-Reihe mutige Experimente zu. Rolf Winkelgrund setzte auf dieser kleinen Bühne Texte von Roziewicz in Szene. Hier waren Maxie Wanders Monologe zu hören, versuchten aber auch Studenten der Stasi-Hochschule Golm eine Vorstellung der Wolokolomsker Chaussee von Heiner Müller zu torpedieren. Eine Studentin geiferte bei einem der obligatorischen Zuschauergespräche mit Regisseur Bernd Weißig: „So einer wie Müller gehört eingesperrt.“

Hammer kannte die Grenzen des Möglichen

Doch Gero Hammer, der rhetorikstarke Diplomat, hatte das Ohr immer an der Machtzentrale. Als Volkskammerabgeordneter kannte er die Grenzen des Möglichen. Auch wenn der Chef der SED-Bezirksleitung, Günther Jahn, mal wieder nach dem Premieren-Sekt im Intendantenzimmer wutschnaubend die Tür schmiss, wusste Hammer in seiner konzilianten Art abzuwiegeln, einzulenken, weiterzumachen. Zu guter Letzt kam es dann aber doch zum Zerwürfnis: 1989 mit der Satire „Der Revisor oder Katze aus dem Sack“ von Jürgen Groß nach Gogol. Nach drei Aufführungen ließ man das grellbunte Stück, in dem sich die Oberen offensichtlich zu deutlich gespiegelt sahen, einfach „auslaufen“. „Du bist die längste Zeit Intendant gewesen“, polterte Günther Jahn. Doch vor der Absetzung kam die Wende.

Im Jahr 1989 zerfiel auch Gero Hammers langjährig verfolgter Plan eines Theaterneubaus. Dabei stand er schon als Rohbau an zentraler Stelle am Alten Markt. Inzwischen gab es für die Stadtmitte jedoch andere Pläne. Und so schlug nach einer bewegenden Abendvorstellung im Lichtermeer der Kerzen eine Abrissbirne die Mauern nieder.

Gero Hammer wechselte 1991 nach seinen Jahren in Potsdam nach Halberstadt, wo er noch acht Jahre als Intendant am Nordharzer Städtebundtheater arbeitete.

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Lesen Sie in unserer Serie "Intendanten des Hans Otto Theaters" wie die Intendanten in den 40er-Jahren in rascher Folge wechselten. 

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