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  • 01.04.2017
  • von Andrea Lütkewitz

Als hätten die Menschen Tiermasken auf

von Andrea Lütkewitz

Befremdlich, traurig und sehr komisch: Eva Menasse las in der Bibliothek aus „Tiere für Fortgeschrittene“

Wer auf sie achtet, der findet sie auf allen Kanälen: Überschriften wie „Sharknado Debbie – Zyklon trägt Hai an Land“, wie jüngst auf „Spiegel Online“ zu lesen war. Skurrile Tiermeldungen gibt es überall. „Es gibt einen regelrechten Hype um Tiergeschichten im Internet“, sagte Eva Menasse bei der Lesung aus ihrem Anfang März erschienenen Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam am Donnerstag. Im Gespräch mit Carsten Wist vom Literaturladen Wist erzählte sie vor rund 50 Zuhörern in einer „Nachlese zur Leipziger Buchmesse“, dass sie sich von solchen Meldungen für kurze Geschichten inspirieren ließ.

Herausgekommen sind acht „zurückerzählte Fabeln“, wie sie selbst ihre Texte mit schlichten Titeln wie „Raupen“, „Opossum“ oder „Enten“ nennt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Verhaltensweisen einen Vergleich mit denen von Tieren nahelegen. Das ist manchmal befremdlich, dann wieder traurig oder sehr komisch. „Ich habe die Tiermeldungen danach ausgesucht, dass sie mir sofort etwas zu sagen schienen über die Menschen“, erklärte die stimmfarblich unverkennbar aus Österreich stammende Autorin. „Als hätten sie nur die Masken von Tieren auf.“ Einen belehrenden, stereotypen Charakter oder ein alles auflösendes Ende bringen die „Tiere für Fortgeschrittene“ aber erfreulicherweise nicht mit. Vielmehr handelt es sich um Ereignisse aus Sicht verschiedenster Personen, die eigentlich nur eins wollen: Das Glück finden – oder wenigstens ihr Leben im Griff behalten.

Manchmal liegt dabei der Zusammenhang zwischen den Tiermeldungen und der Geschichte auf der Hand, wie in „Opossum“. Hierin wird aus einem totgefahrenen Opossum ein Reh, welches das Verhalten des Protagonisten Charlie Reincke spiegelt. Dieser kann sich nämlich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden. Beim Anblick des toten Tieres bricht schließlich eine ihn völlig überwältigende Trauer und Verzweiflung aus ihm heraus. Ein tödlicher Revierwechsel – oder eine Strafe, die sich ankündigt?

An anderer Stelle ist der Zusammenhang zwischen Meldung und Geschichte nicht so schnell greifbar, wie auch Eva Menasse selbst sagt. Wer hier sucht, wird vielleicht nicht fündig. „Raupen“ ist so ein Text, in dem es um einen alten Mann geht, der sich um seine demenzkranke Frau kümmern muss, obwohl er sein Leben lang lieber alles Schwierige von sich ferngehalten hat. Unwillkürlich entgleitet ihm durch die Krankheit seiner Frau auch die eigene Kontrolle über sein Leben. In der vorangehenden Tiermeldung wird von Raupen erzählt, die durch für sie unglückliche natürliche Umstände Fressfeinde beim eigenen Fressen anlocken. Hier ahnt man die Inspiration für die Geschichte, in der es ja auch um Auflösung geht, um Erinnerungs- und Identitätsverlust. Aber ganz zusammenbringen lassen sich die Bilder nicht.

Wer im Übrigen vermutet, dass es eines besonders engen Verhältnisses der Autorin zu Tieren für derartige Texte bedarf, bekam auch hier Unerwartetes zur Antwort. „Mein Cousin unterteilt die Menschen in zwei Kategorien“, erzählte Menasse. „In die, die Angst vor großen Tieren haben und die, die Angst vor kleinen Tieren haben – ich habe Angst vor allen Tieren.“ Andrea Lütkewitz

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