18.07.2018, 24°C
  • 01.04.2017
  • von Astrid Priebs-Tröger

Neun Nationen, drei Sprachen, ein Stück

von Astrid Priebs-Tröger

Neue Ufer. „Sanssouci avec Shakespeare“ im „Sturm“. Foto: Karla Fritze/Universität Potsdam

Integrationstheater: Shakespeares „Sturm“

In der Bühnenmitte befindet sich ein hölzernes Steuerrad, mit zwei dicken Seilen ist ein Schiffsumriss auf dem Boden markiert. In ihm befindet sich das Gefolge von König Alonso auf der Rückreise von Tunis nach Neapel. Dabei erleben die Insassen im Sturm Schiffbruch und landen auf einer Insel. Hier herrscht Prospero, der ehemalige Herzog von Mailand, der vor Jahren ebenfalls als Schiffbrüchiger ankam, mit der Welt hadert und mit „Geistern“ sein Unwesen treibt.

Das Anfangsbild der „Sturm“-Inszenierung des Integrationstheaters „Sanssouci avec Shakespeare“, die am Donnerstagabend ihre Premiere im Treffpunkt Freizeit erlebte, versetzt den Besucher in die Zeit zurück, als täglich Hunderte Flüchtlingsboote übers Mittelmeer kamen und an Europas Küsten anlandeten. Die Geflüchteten kamen mit ihren Geschichten, ihren Hoffnungen, ihren Sprachen und kulturellen Prägungen. Jetzt sind sie dabei, an neuen Ufern heimisch zu werden.

Davon erzählt Kaspar von Erffas Integrationstheaterprojekt, das an der Universität Potsdam angesiedelt ist. Und dazu trägt es auch bei. Seit sechs Monaten proben unter Erffas Regie junge Menschen aus neun Nationen Shakespeares Alterswerk „Der Sturm“. Einen „Multikulti-Sturm“, wie der Programmflyer auf Deutsch, Englisch und Arabisch ankündigt. Mindestens in einer dieser Sprachen sollte man zu Hause sein, wenn man sich die über zweistündige Aufführung anschaut. Die immer zwischen diesen drei Sprachen wechselt und einen, je nach Sprachkenntnis, beglücken, befriedigen oder frustrieren kann. Damit lässt sie einen genau jene Situation nachempfinden, die einem auch in der Öffentlichkeit, am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis begegnen kann. Diese jungen Schauspieler stürzten sich mit Feuereifer auf die Shakespeare-Texte. Wie sehr Orhan Özgül (Prospero), Samira Mami (Miranda) oder Abdulhamid Kouko (Stephano) in der deutschen und weiteren Sprachen zu Hause sind: Chapeau.

Wunderbar ist auch, wie die nicht zum Adel zählenden Figuren – Caliban, Trinculo und Stephano – ihrem komödiantischen Affen Zucker geben dürfen und die im ersten Teil zu statische und insgesamt sehr textlastige Inszenierung Erffas aufbrechen. Caliban (Maximilian Klein) mit hohem Körpereinsatz und grobschlächtigem Fluchen, Hofnarr Trinculo (Alina Malaia) mit viel ukrainischer Seele und ebensolchem Humor und Stephano (Abdulhamid Kouka) mit einem Ausflug ins Jiddische und dem berühmten Song „Wenn ich einmal reich wär“.

Dieser und auch das bekannte arabische Lied „Lamma bada yatathanna“ wurden von Christian Deichstätter einstudiert, live begleitet und sehr passabel von den Laiendarstellern und -sängern dargeboten – was das Publikum auch mehrmals mit Szenenapplaus belohnte. Deichstätter sorgte mit Geräuschen und Percussion, die Szenen dramatisch oder hintergründig tierisch auszumalen. Dies und die überwiegend historisierenden, prächtigen Kostüme von Manuela Motter rundeten das Projekt ab.

Allerdings hätte man sich auch vorstellen können, das Ganze mehr ins Hier und Jetzt zu holen. Denn vor allem die Szenen zwischen Prospero und seiner Tochter Miranda sowie dieser mit ihrem Hals-über-Kopf-Geliebten Ferdinand (Hussin Sabbagh), dem Sohn des Königs von Neapel, wirkten zu märchenhaft-entrückt. Und da es ja heute – genauso wie zu Shakespeares Zeiten – darum geht, Feindschaft und Fremdheit (unter anderem) durch Liebe, Humor und Demut aufzulösen, hätte einen schon interessiert, welche künstlerischen Mittel junge, moderne Menschen dafür finden.

Astrid Priebs-Tröger

Nächste Aufführung am morgigen Sonntag, dem 2. April, um 18 Uhr im Treffpunkt Freizeit (Am Neuen Garten 64). Der Eintritt ist frei

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