24.01.2018, 11°C
  • 31.03.2017
  • von Oliver Dietrich

Premiere am HOT von „Lauf, Ludwig, lauf“: Die Helden leben unter uns

von Oliver Dietrich

„Schreiben Sie einen Helden auf!“, heißt die Forderung gleich zu Beginn der neuen Koproduktion „Lauf, Ludwig, lauf“ des Jugendclubs des Hans Otto Theaters mit dem „Hörclub kreativ“ des Nikolaisaals. Irgendeinen, ganz egal ob aus Geschichte, Politik oder Familie. Beherzt bekommt man Zettel und Stift in die Hand gedrückt und wird mit der Herausforderung allein gelassen. Wo bekommt man denn jetzt auf die Schnelle einen Helden her? Es gibt einige Helden, klar, und die werden im Laufe des Abends auch vorgestellt – aber selbst einen benennen? Gar nicht so einfach.

Da hatte Ludwig van Beethoven es sich wohl etwas einfacher gemacht: Dessen dritte Sinfonie, die „Eroica“, entstand ganz im Heldentaumel des großen Komponisten. Ursprünglich sollte sie sogar Napoleon höchstpersönlich gewidmet werden, aber als dieser sich selbst zum Kaiser krönte, verwarf Beethoven die Idee: Stattdessen widmete er sie der französischen Revolution. Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit. Diesen Begriffen wird man im Laufe des Abends wieder begegnen.

Der fand – dem miserablen Wetter zum Trotz – größtenteils draußen statt, und zwar als „Soundwalk“: Man bekam einen Audioguide verpasst und zwei Moderatoren führten durch die Inszenierung – und zwar parallel. Man konnte sich für einen der beiden entscheiden, je nachdem auf welchen Kanal man stellte. Wer bei Kanal 1 blieb, wurde von Christian geführt. Und folgte ihm, heraus aus dem Glasfoyer ans Havelufer.

Der erste Held begegnet einem beim Fußball: Cristiano Ronaldo, Kämpfer für syrische Flüchtlingskinder, auch das hat nicht jeder gewusst. Oder der Baumpflanzer Felix Finkbeiner, der als Neunjähriger einen Baum pflanzte und damit eine weltweite Klimaschutzbewegung auslöste. Oder die Geschwister Yusra und Sarah Mardini, die erst im syrischen Schwimm-Nationalteam waren und dann auf Flucht vor dem Krieg in einem überfüllten Schlepperboot kenterten. Die beiden retteten alle Insassen und brachten sie an Land. In Rettungsdecken gehüllt werden sie im Stück ans Havelufer verlegt.

So zog die Gruppe über die Schiffbauergasse, erstaunt durch die Glasscheibe beäugt von den Gästen im Restaurant „Il Teatro“, weiter von Szenerie zu Szenerie, dafür braucht man keine Bühne, sondern wird selbst zum Komparsen, zum Darsteller sogar. Und weiter ins Parkhaus: Mittendrin war Afghanistan, während oben auf dem Dach Martin Luther King seine berühmte Rede sprach, draußen ging es an Cindy Sherman vorbei in die Reithalle, zu Pina Bausch. Man musste auf alles vorbereitet sein, an jeder Ecke lauerte ein Held. Faszinierend, wie sich die Menschentraube dazu durch die Geschichte (Leitung: Manuela Gerlach und Sina Schmidt) bewegte, immer mit dem leisen Imperativ, dass die wahren Helden uns ganz nah sind, unter uns.

In der Reithalle, der Endstation der Heldenwanderung, spielte dann das Jugendsinfonieorchester Potsdams tatsächlich den kompletten ersten Satz aus der „Eroica“ – ein geradezu majestätisches Finale. Verwirrt, fast andächtig blieb man im Sitz zurück. Zeit, sich selbst wenigstens ein ganz klein wenig Heldentum anzueignen. Oliver Dietrich

„Lauf, Ludwig, lauf“ wird wieder am Donnerstag, 6. April, und am Freitag, 7. April, um 18 Uhr gezeigt

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