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  • 30.03.2017
  • von nbsp;Ariane Lemme

Kollaboration statt Konfrontation Tanzen ist in Mexiko in Zeiten von Donald Trump unweigerlich politisch

von nbsp;Ariane Lemme

Kontamination des Denkens. Die mexikanische Künstlerin Nicole Saucedo. Foto: A. Klaer

Sieben Choreografen proben derzeit den Austausch und arbeiten in der fabrik

Mit Klischees kann man theoretisch brechen – oder auch ganz praktisch. Mit der Pinata etwa, dem bunten Hängetier, auf das Kinder in Mexiko zu ihrem Geburtstag so lange schlagen, bis es platzt und Süßigkeiten herabregnen. Für Nicole Saucedo ist die Pinata beides – Klischee und Tradition. Genauso das Flechten der Haare: Ganz zu Beginn einer Sequenz ihres Tanzstückes weben drei der Tänzer Saucedos Haar zu einem Zopf – Symbol für das traditionelle Frauenbild im katholisch geprägten Mexiko. Die Pinata hingegen wird während des Stückes erst konstruiert. Wie auch Klischees, Vorurteile und Exotismus einst von der alten Welt, den Kolonialisten konstruiert wurden. Hier aber, im Stück, geschieht die Konstruktion ganz konkret durch einen freiwilligen Zuschauer. Der bastelt ein buntes Gebilde aus Füllhörnern, während Saucedo und ihre Choreografen-Kollegen auf fast clowneske Art aufeinander klettern, kippen, scheitern. Wie Kinder versuchen sie, an das hoch gehängte Glück zu gelangen, nur um immer wieder auf dem Boden zu landen. Der Bastler füllt währenddessen die Füllhörner mit Zetteln. Fetzchen Papier, auf die jeder Zuschauer zuvor die Worte geschrieben hat, die er mit Mexiko verbindet: „Sombrero“ etwa. Oder „zuckersüße Farben“, oder „violently happy“. Die Gewalt gehört zum Land und die Fröhlichkeit. Oder sind das doch bloß Klischees?

Die ganze Welt starrt seit Monaten auf Donald Trump. Aber man kann nicht über ihn sprechen, ohne irgendwo im Hinterkopf wenigstens an die zu denken, die zu den Ersten zählen, die unter ihm leiden: die Mexikaner. Es ist also fast ein politisches Statement, wenn die fabrik derzeit zusammen mit dem Goethe-Institut in Mexiko und dem Kulturministerium in Jalisco sieben Choreografen aus Mexiko als Artists in Residence beherbergt. An diesem Samstag sind drei ihrer Stücke, eine Trilogie, in der fabrik zu sehen.

Der Beginn ihrer Zusammenarbeit liegt schon fast zwei Jahre zurück, und damit in einer Zeit, als noch kein Mensch sich einen Präsidenten Trump vorstellen konnte. Unter der Leitung von Malgven Gerbes und David Brandstätter begannen sie damals, tänzerisch über die Kunst der Komposition nachzudenken. Erste Ergebnisse dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit haben sie schon letztes Jahr in Guadalajara gezeigt, aber der Prozess dauert an. Hier in der fabrik setzen sie ihn fort. Ungewöhnlich ist die Konstellation deshalb, weil hier Chefs auf Chefs treffen: Nur Choreografen, keine Tänzer. Oder eben: Choreografen als Tänzer. Diese Art des Denkens stammt von Gerbes und Brandstätter, beide selbst Teamplayer. In Potsdam waren sie vor zwei Jahren beim Festival „Made in Potsdam“ mit ihrer Arbeit „Shifts. Krump’n Break Release“ zu erleben. Die Zusammenarbeit mit den beiden Berliner Künstlern habe ihren Blick auf die Beziehung von Tanz, Körpern, Gesellschaft und Erziehung verändert, sagt Saucedo.

„Kontamination des Denkens“ nennt sie das und meint es keinesfalls negativ. „Das ist hoch politisch, wie wir hier – erstmals – arbeiten. Weil es um die Offenheit geht, seine eigenen Ideen und Gedanken von denen anderer beeinflussen zu lassen.“ Assoziationen dürfen über- und ineinander kriechen, nicht die Idee des genialen Einzelkünstlers zählt, sondern die Kraft der Kollaboration. „Es geht darum: was können wir zusammen tun?“, sagt Saucedo. Gerade in Mexiko, gerade derzeit. Denn plötzlich macht sich das Nordamerika, das sich doch eigentlich seit Jahrzehnten mit der Kultur Südamerikas mischt, zum Feind der Mexikaner. Und lange habe Mexiko, zumindest Präsident Nieto, zu devot reagiert, so Saucedo. Immerhin habe er, als er im Januar ein Treffen mit Trump absagte, die Würde der Mexikaner wenigstens ein bisschen wiederhergestellt.

Kollaboration statt Konfrontation ist aber auch innerhalb der mexikanischen Tanzszene wichtig. Hier werde viel Geld in Projekte gesteckt, bei denen die Kulturinstitutionen von Anfang an wissen: Da kommt ein fertiges Produkt heraus. „Traditioneller zeitgenössischer Tanz“ nennt Saucedo das und lacht selbst über die Widersprüchlichkeit des Begriffs. Für Tanzforschung, Recherchen, Experimentelles aber gebe es kaum Geld. Dass sie hier und in Mexiko ohne zeitlichen oder produktorientierten Druck daran arbeiten können, ist für Saucedo auch Ausdruck von Widerstand gegen den Kapitalismus. „Wir müssen schlau sein“, sagt sie und meint, dass man irgendwie im und für das System arbeiten und es als Künstler doch zugleich radikal infrage stellen muss.

Dabei können funkelnde Ideen des Neuen sich oft nur langsam und frei von ökonomischen Zwängen entblößen. Wie in Saucedos Teil der Trilogie, für den die Tänzer eine körperliche Umsetzung des Alphabets erfunden haben und in dem Kleidung, Kostüme, das An- und Ausziehen die Musik ersetzen. Musik einzusetzen, ohne dass sie sinnvoller Teil des Stückes ist – davon versucht sie wegzukommen, sagt Saucedo. Musik mit ihrer emotionalen Überwucht lenke zu sehr ab von der Sprache der Körper. Rhythmus lässt sich auch erschaffen, ohne die Ohren anzusprechen. Was Saucedo sucht, ist wahre Interdisziplinarität, in der nicht Teile verschiedener Genres zusammenmontiert werden, sondern in der sie zusammenfließen zu etwas Neuem, Größerem. Für kleinliche Klischees ist dann vermutlich nirgends mehr Platz.

„No dejemos en el olvido – Let’s not forget“. Kurze Tanzstücke aus Mexiko am Samstag um 18 Uhr in der fabrik, Schiffbauergasse 10. Zuvor wird es eine begehbare Installation mit Musik, Texten und Filmen geben

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