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  • 18.03.2017
  • von Lena Schneider

Potsdamer Autorin Antje Rávic Strubel im Interview: „Ein Zerrbild des American Dream“

von Lena Schneider

Hungriger weißer Mann. Donald Trump steht vor allem für die ungute Verquickung zwischen Wirtschaft und Politik in den USA, sagt die Autorin Antje Rávic Strubel. Jetzt erst werde das so richtig offenbar. Ganz wie im Märchen, wo es auch eine viel zu lange Weile dauert, bis jemand sagt: Der Kaiser ist nackt! Foto: Heino Kalis/Reuters

Die Potsdamer Autorin und USA-Kennerin Antje Rávic Strubel spricht im PNN-Interview über ihre jüngste USA-Reise – und darüber, wie Donald Trump das uramerikanische Demokratieverständnis pervertiert.

Frau Strubel, gerade kommen Sie von einer längeren Reise in die USA zurück, Ihre zweite nach dem Regierungsantritt von Donald Trump. Sie kennen das Land schon lange. Haben Sie es wiedererkannt?

Klar erkennt man das Land wieder. Aber die Stimmung ist anders. Die Gespräche drehen sich schneller und häufiger um Politik. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Menschen gerade stark politisieren. Zuvor schien mir New York dynamisch und easy going, jeder hatte die eigene Karriere, das nächste Date im Sinn. Jetzt dauert es keine fünf Minuten und man redet miteinander über die bedrückenden politischen Entwicklungen.

Die amerikanische Autorin Nell Zink, die in Bad Belzig lebt, sagte den PNN auf die Frage, wofür Trump steht: Für Bildungsnotstand. Und für Sie?

Sie hat recht. Es gibt in den USA großartige Universitäten und die besten Thinktanks der Welt. Aber ein Großteil der Gesellschaft jenseits der Küsten ist extrem ungebildet. Gut 40 Prozent der Amerikaner lehnen die Evolutionslehre ab und glauben, dass Gott den Menschen in seiner heutigen Form geschaffen habe! Trump verdeutlicht für mich aber vor allem die ungute Verquickung von Finanzwirtschaft und Politik, die die USA seit zwei Jahrzehnten aushöhlt. Empfehlenswert in dem Zusammenhang ist George Packers Buch „Die Abwicklung“ von 2013, das aufzeigt, wie stark Wallstreet und Washington schon vor Trump verschmolzen waren. Bill Clinton machte einen Partner von Goldman Sachs zum Finanzminister. Unter ihm wurden Bankenregulierungen und staatliche Aufsicht gekappt; ein Dankeschön an die Banken, die den Wahlkampf der Demokraten finanziert hatten. Senatoren werden zu Lobbyisten und umgekehrt. Insofern ist die Wahl eines eiskalten Aufsteiger-Immobilienhais nur konsequent. Wären er und seine Leute nicht so gefährlich, könnte man sagen: Jetzt sehen wir den Kaiser endlich ohne Kleider.

Im Zuge Ihres Studiums gingen Sie Ende der 90er nach New York. Welche Hoffnungen verbanden Sie gerade mit den USA?

Damals hatte ich keine konkrete Vorstellung von den USA, nur meine literarischen Heldinnen und Vorbilder. Aus der Literatur gewann ich die Idee eines Ortes, an dem man sich jederzeit neu erfinden kann. Das passte zu dem, worüber ich in meinem ersten Roman schreiben wollte. Also ging ich nach New York, in diesen „Melting Pot“, wo die verschiedensten Menschen aus allen Teilen der Welt aufeinandertreffen. Das symbolisierte für mich die Möglichkeit, die Frage nach dem, wer ich bin, immer wieder neu zu beantworten. Also die Hoffnung, man könne mehr als nur ein Leben leben. Das New York in meinem Roman „Offene Blende“ stellt natürlich einen krassen Gegensatz zu dem dar, was Trump durchsetzen will. Die Abkapselung. Der absurde Gedanke, Amerika wäre nichts als der glatt-weiße, heterosexuelle Mann, der auf einem Pferd mit Knarre in den Sonnenuntergang reitet.

Auch Ihr 2016 erschienener Roman „In den Wäldern des menschlichens Herzens“ spielt teilweise in den USA. Eine Figur sagt: „Man kann in diesem Land alles ändern. Image, Namen, Haut, Nase.“ Trump will auch „alles anders“, viele gehen da mit. Ist er die letzte, perfide Konsequenz einer solchen uramerikanischen Fähigkeit, sich neu zu erfinden?

Trump will sich und seinen Namen für alle Ewigkeit in die Köpfe der Menschen brennen und dafür eine Demokratie opfern. Das hat für mich nichts mit einer grundsätzlichen Offenheit in Denken und Zusammenleben zu tun – die Voraussetzung für die Entfaltung jedes Einzelnen. Trump stellt ein Zerrbild des alten amerikanischen Traums dar: Gier. Wenige Reiche sind auf Kosten der Mehrheit auf einem radikalen Ego-Trip. Das ist die Schattenseite des Traums. Man darf nicht vergessen, dass die USA die älteste Demokratie der Welt sind. Sie waren die Ersten, die sagten: Alle sind gleich vor dem Gesetz und müssen die gleichen Chancen haben. Bei meinem New-York-Besuch war ich wieder am Rockefeller Center. Einige der Maximen John D. Rockefellers, die dort nachzulesen sind, lauten: Jedes Recht, das man in Anspruch nimmt, bedeutet Verantwortung, jede Chance beinhaltet eine Verbindlichkeit, Besitz verpflichtet. Von diesem uramerikanischen Demokratieverständnis scheint momentan nur die Perversion übriggeblieben zu sein.

Sie übersetzen die Geschichten der amerikanischen Autorin Lucia Berlin, die auch die verarmte Klasse im Südwesten der USA beschreibt – eine Schicht, die gerade wieder in den Blick rückt.

Die Armut hat längst die Mittelschicht erreicht. Wenn man bedenkt, dass die obersten 0,1 Prozent der privaten Haushalte mittlerweile ebenso viel am Gesamtvermögen der USA besitzen wie die untersten 90 Prozent Prozent der Bevölkerung, wird klar, dass sich die ungerechte Verteilung extrem verschärft hat. Immer mehr Menschen rutschen an den Rand. Ich war schockiert, als ich in Pennsylvania und Connecticut unterwegs war, Gegenden an der Ostküste, die nicht traditionell arm sind. Selbst Universitätsdozenten leben in Häusern, die in einem extrem schlechten Zustand sind, klein und völlig überteuert. Mit einem europäischen Lebensstandard nicht zu vergleichen. Demgegenüber steht der extreme Reichtum innerstädtischer Luxusappartments.

Bleibt die USA dennoch so etwas wie ein Traum, ein Ideal für Sie?

Nein, ich sehe das eher nüchtern.

Wann ging für Sie das Ideal verloren?

Dass mein Ideal vom Neuerfinden nicht wirklich funktioniert, sah ich schon bei meinem ersten Aufenthalt in den 90er-Jahren. Die Zuschreibungen zu Gruppenidentitäten sind stark. Auch im „Melting Pot“. Da schmilzt nichts zusammen, da lebt jede Gruppe scharf getrennt von der anderen. Die Kategorisierungen sind fest und unverrückbar, sie werden an Hauptfarbe, Geschlecht und Sexualität festgemacht, an Körper, Sprache, Aussehen, und dem ist schwer zu entkommen. Das scheint noch stärker ausgeprägt als bei uns. Ich kann den Ort, den Job wechseln – aber meiner Zuschreibung kann ich nicht entgehen. Ich besuchte damals einen Club, und auf einmal wurde ich auf der Tanzfläche aggressiv angebrüllt. Als ich endlich verstand, was das Problem war – ich war in einen Schwarzen-Club geraten –, war ich zum ersten Mal eine Weiße. Unter Trump haben solche Zuschreibungen für die, die nicht zu den weißen, heterosexuellen Amerikanern gehören, natürlich ganz andere Konsequenzen.

„Es geht ein Riss durch San Bernardino“, heißt es in „In den Wäldern“ an einer Stelle. 2016 kam es in der Stadt zum größten Attentat in den USA seit 2001.

Ich schrieb das Buch 2015. Manchmal nimmt man offenbar aus einer Ahnung heraus etwas vorweg. Heute würde ich den Riss als Ausdruck der Trump-Ideologie deuten, die die Spaltung zwischen einzelnen Gruppen innerhalb der Gesellschaft bewusst vorantreibt. Das wurde mir klar, als ich mich an der Universität von Minneapolis mit einem Akademiker unterhielt. Er erzählte von einer langjährigen engen Freundin, einer Anwältin aus Chicago, zu der sich sein Verhältnis auf einmal grundlegend verändert habe, ohne ihrer beider Zutun. Nach der Trump-Wahl sei ihre Ausgangsposition nicht mehr gleichwertig. Er als weißer Mann könne weitermachen wie zuvor, abgesehen von der Beleidigung, die Trump für jeden denkenden Menschen darstelle. Seine Freundin als schwarze Frau dagegen sei in ihrer Existenz bedroht. Da tut sich ein Graben auf, den es vorher so radikal nicht gab, ein Effekt, der sich durch die ganze Gesellschaft zieht, denke ich. Ein gefährlicher Unruheherd. Das kann sogar zu einem Bürgerkrieg führen.

Sie halten einen Bürgerkrieg für möglich?

Wenn sich das weiter aufschaukelt, wäre das eine der schlimmsten Konsequenzen, ja.

Was kann die Literatur tun?

Literatur entsteht langsam. Sie ist nicht die geeignete Form, um auf aktuelle Ereignisse zu reagieren. Ein literarisches Werk wird allerdings schneller politisierbar, je schwieriger die Situation eines Landes ist. Dann wird ein Buch gern aufs Politische hin gelesen. Und meine Stimme als Autorin kann ich nutzen, um öffentlich Stellung zu beziehen. Aber das Schreiben selbst muss unabhängig bleiben, darf sich nicht in den Dienst einer Sache stellen. Die Position der Schreibenden ist solitär, was im Kern natürlich auch eine politische Geste ist: ein solitärer Standpunkt entzieht sich den normativen gesellschaftlichen Diskursen und ermöglicht so eine andere Wahrnehmung des Zeitgeschehens. Literatur öffnet Räume, schafft Möglichkeiten, nicht zuletzt die Möglichkeit, sich in andere hineinzuversetzen, die meinem eigenen Leben fern sind. Das schafft Widerstand gegen Engstirner wie Trump, für den Kunst nicht ohne Grund eine Gefahr darstellt. So streicht er ja auch flugs das ohnehin niedrige Budget für Kunstförderung zusammen. Nur als Waffe darf man Literatur nicht verstehen. Es gilt, mit kühler Feder zu schreiben, wie Virginia Woolf sagte.

Das Gespräch führte Lena Schneider

ZUR PERSON: Antje Rávic Strubel, geboren 1974 in Potsdam, studierte in Potsdam und New York. Sie schreibt Romane, Essays, übersetzt aus dem Englischen, etwa Joan Didion und Lucia Berlin.

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