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  • 17.03.2017
  • von Ariane Lemme

Kunstraum Potsdam: Auf der Suche nach den gefundenen Objekten

von Ariane Lemme

Scheußlich, aber schön. Harf Zimmermann fotografierte in der gesamten Bundesrepublik Brandmauern – wie sie verwittern, überwuchert oder bemalt werden. Foto: H. Zimmermann

Drei Künstler zeigen im Kunstraum Arbeiten, die Ausschau nach dem Menschgemachten halten.

Wer den Mensch sucht, muss im Kunstraum derzeit erst einmal seine Spuren lesen. Im Erdgeschoss finden sie sich – etwa in den aufgerissenen Wänden von Benno Aden. Menschen, heißt es im Katalog, seien auf Adens Bildern so gut wie nie zu sehen, dafür aber viel Menschgemachtes. Insofern sind seine Arbeiten indirekte Porträts: Er dringt mit seiner Kamera hinter die Verkleidung von Wänden, wo seltsam fleischfarbene und himmelblaue Anstriche zum Vorschein kommen, silbern isolierte und nackte Rohre, Dämmmaterial. Mit archäologischem Blick guckt Aden auf die Strukturen der Gegenwart, auf das, was das Leben ordnet und am Laufen hält.

Er macht zum Bild, was normalerweise ungesehen funktioniert. Oder übersehen wird. Wie die abfotografierten Markierungen und Segmente von Turnhallenböden. An die zoomt Aden mit seiner Kamera so nah heran, dass sie zur Meditation über Farbe und geometrische Form gerinnen – fast wirken sie wie die Abstraktion anderer Abstrakte, von Frank Stell etwa. „Compositions“ heißt die Serie dann auch schlicht. Aber sie strahlt – bei aller Abstraktion – immer noch den kühlen, klebrigen Geruch der Turnhalle, man kann noch immer leise das Quietschen der Turnschuhe auf dem Gummi hören. Der Mensch ist nicht ganz abwesend hier.

Erst recht nicht, wenn man sich umdreht. Dann fällt man auf sich zurück und auf den Turnhallenboden. Und sieht plötzlich die gesamte Decke der Halle, samt Oberlichten und Neonröhren. Die Basketballkörbe und Netze, die an den roten Seitenwänden angebracht sind. Wie nach einem Knock-out, erschöpft am Ende eines Matchs, liegt man mit dem Fotografen am Boden und guckt in diese menschgemachte Tristesse.

Es ist die extreme Alltäglichkeit, die einen hier verstört. Jeder kennt diese Ansichten, die Aden hier an die Wände gehängt hat. Er hat sie vorgefunden, wie wir sie vorfinden. Trotzdem haben wir, die Betrachter, anders als er, nie richtig hingesehen. Das ist das Prinzip von Readymades oder sogenannten objets trouvés. Gegenstände, die – unverändert – durch den Blick des Künstlers zur Kunst werden. Marcel Duchamp brachte sie schon 1913 in die Kunst ein, vor allem im Umfeld von Dada und Surrealismus wurden sie genutzt. Ein alter Hut also? Quatsch! Im Vorgefundenen finden sich immer neue Hinweise aufs Menschsein.

Auch die anderen beiden Künstler, die mit Aden derzeit im Kunstraum ausstellen, arbeiten mit Vorgefundenem. Harf Zimmermann fotografiert Brandwände, diese gesetzlich vorgeschriebenen Scheußlichkeiten. Folgen des von Deutschland entfachten Zweiten Weltkriegs, in dem Spreng- und Brandbomben eine ungekannte, fast nukleare Hitze erzeugen konnten. Seitdem prägen Brandwände deutsche Städte. Sie verwittern, werden überwuchert oder bemalt. Und auch die Farbe des Übermalens blättert, kringelt, schält sich. Wenn Zimmermann das festhält, werden die Brandwände zu antiken Gemälden, zu ganz großer Kunst. Wie das Bild dieser Wand, auf dem eine kreisrunde, orangefarbene Erhebung wie eine fette Sonne im Zentrum prangt, darunter wölbt sich ein flaschengrüner Hügel und ein spiegelnder See aus verblassten Farben. Auf einem nächsten sind, zwischen all der abgeschabten Farbe gut erhalten, vier Frauenköpfe, zwei von ihnen mit dem für die orthodoxe Ikonografie typischen goldenen Heiligenschein.

Sie sind vermutlich die einzigen Menschen, die man hier unten auf den Bildern findet. Mit menschgemachten Bildern vom Menschen geht es oben weiter – „Oben“, so heißt auch dieser Teil der Ausstellung. Thierry Motard zeigt hier, was er auf Flohmärkten und in Trödelläden findet: anonyme Fotos aus vergessenen Alben, aus Familien- und Pornofilmen. Schnappschüsse, Schiefgegangenes. Eingefrorene Augenblicke, die das Drama – oder die Komödie – eines ganzen Lebens enthalten. Das Paar etwa, das auf Liegestühlen sitzt. Zwischen ihnen, auf einem eigenen Liegestuhl: kein Baby, nur eine Babypuppe. Oder die Familie, die – allesamt in seltsam hockender Pose – im Wald steht. Nur die Beeren, die sich die Mutter gerade in den Mund steckt, geben einen Hinweis auf das, was sie suchen. Die beiden Frauen, die auf einer Wiese Bocksprünge über die Rücken ihrer Männer machen. Hier oben erst wird klar, was man unten vermisst hat: der Mensch in seiner ganzen, unpeinlichen Peinlichkeit, seiner Schludrigkeit, seiner immerwährenden, immer scheiternden Suche nach Sonne, nach Schönheit. Aber erst die Spurensuche unten hat den Blick dafür geklärt. Ariane Lemme

Die Ausstellungen sind bis zum 9. April im Kunstraum Potsdam, Schiffbauergasse 6, zu sehen.

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