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  • 17.03.2017
  • von Lena Schneider

Hans Otto Theater Potsdam: Was für ein Theater?

von Lena Schneider

Wer zieht hier ab Sommer 2018 ein? Eine Debatte bemühte sich um Tipps für die HOT-Intendantensuche. Foto: A. Klaer

Die Suche nach Potsdams neuem Intendanten läuft, Gerüchte kursieren. Eine Podiumsdiskussion fragt: Welches Theater will die Stadt?

Potsdam - Über eins konnte sich die als „öffentliches Fachgespräch“ angekündigte Diskussion über die Zukunft des Hans Otto Theaters am Mittwochabend nicht beklagen: mangelnde Publikumsbeteiligung. Den Auftakt machte ein hochgewachsener Mann mit hellem Haar, der in Reihe zwei rechts außen saß: Tobias Wellemeyer. Der Intendant des Hans Otto Theaters, dessen bis 2018 laufender Vertrag nicht verlängert wurde, war offenbar gut gelaunt und gut vorbereitet. Wellemeyer lag daran, die Standard gewordene Wahrnehmung, dass die Auslastung am Haus nicht stimme, zurechtzurücken. Etwa 110 000 Besucher pro Jahr habe das Theater seit 2009, dem Jahr seiner Ankunft in Potsdam, zu verzeichnen. Mehr, sagte er, als die Berliner Schaubühne (100 000 pro Jahr).

Zahlen könnten nur einen Teil der Relevanz eines Theaters ausdrücken

Die von der Grünen-Stadtverordneten Janny Armbruster auf das Podium geladenen Gäste reagierten mit Staunen. In der Millionenstadt Köln habe es unter der von Kritikern bundesweit gepriesenen Intendanz von Karin Beier nur etwa 80 000 Zuschauer pro Jahr gegeben, erwiderte Thomas Laue, Leitender Dramaturg am Schauspiel Köln und als Kenner stadttheaterinterner Strukturen und Problematiken geladen. Was zu dem auch für Potsdam wichtigen Schluss führte, dass „Zahlen nur einen Teil der Relevanz eines Theaters ausdrücken können“ (Laue).

Auch Katja Dietrich-Kröck, die als Mitglied des Freundeskreises des HOT und ehemalige Leiterin des Kunstraumes die Schiffbauergasse genauestens kennt, appellierte an die politischen Entscheidungsträger, eine künstlerische Haltung auch auszuhalten. Nachdem Wellemeyer in Potsdam angetreten war, war vonseiten der Stadt sehr schnell der Rückgang der Zuschauerzahlen bemängelt worden.

„Theater muss zum Feiern einladen"

„Theater muss vor allem kommunizieren“, sagte der Theaterkritiker Stefan Keim, der vor allem im Raum NRW unterwegs ist und als dritter auf dem Podium für die überregionale Perspektive sorgen sollte. Das gelte sowohl für Theater und Kulturpolitik wie auch für das Theater und die Bevölkerung. „Theater funktioniert nur, wenn Vernetzungen entstehen. Und: „Theater muss zum Feiern einladen. Vor allem so bekommt man verschiedenste Bevölkerungsgruppen zusammen.“ Potsdam sei ein „Hühnerhaufen“, entgegnete Wellemeyer da. „Den kriegen Sie nicht so leicht zusammen.“

Doch in der Diskussion wollte man nach vorne schauen: „Theater in Potsdam. Was wollen wir?“ Die griffigste Antwort hatte Kritiker Keim parat: „Theater muss Haltung haben. Es braucht Persönlichkeiten, die Reibung erzeugen. Es braucht keine Weicheier.“ Und nur wenn Theater auch jenseits des Theaters von sich reden mache, könne es eine Stadt prägen. Nur wo eine eigene Haltung ist, kann auch Haltung provoziert werden. Wellemeyer versuchte in der Vergangenheit oft, es allen recht zu machen.

Warum findet die Intendantensuche hinter verschlossenen Türen statt?

Relativ schnell kam das von Janny Armbruster moderierte Podium darauf, dass die Frage nach dem Wohin eng mit der Frage danach verbunden ist, wie der – oder die – Neue gefunden wird. Warum das überhaupt immer hinter verschlossenen Türen stattfinden müsse, fragte Keim, der selbst bereits in Findungsjurys gesessen hat. Und schlug vor, von der Findungsjury vorausgewählte Kandidaten der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ob diese sich für die Intendantenauswahl überhaupt interessiert? Im T-Werk erschienen zu der öffentlich angekündigten Debatte am Mittwoch etwa 40 Menschen, darunter zahlreiche grüne Parteifreunde, Theaterleute, Kritiker. Das „Wir“ im Titel der Veranstaltung schrumpfte auf ein sehr überschaubares Maß zusammen.

Kritik an der Zusammensetzung der Findungskommission

„Muss Theater eigentlich sein?“, fragte dann auch Theaterkritiker Hartmut Krug polemisch. Er saß im Publikum – und vor acht Jahren in der Findungskommission, die Tobias Wellemeyer vorschlug. Ja, es muss, war man sich einig: Aber auch die Politik sollte das nicht nur herbeten, sondern wissen, warum. Krug kritisierte die Zusammensetzung der Findungskommission, die aus Mitgliedern der Stadtverwaltung und nur einem überregionalen Experten besteht, scharf. Natürlich müssen Politiker keine Theaterkenner sein, aber gerade deshalb sei Expertise so wichtig. Im Übrigen wolle er gar nicht erst fragen, wie oft der Oberbürgermeister, der über Wellemeyers Nachfolge entscheidet, in den letzten Jahren im Theater war. Armbruster wollte bereits vor anderthalb Jahren die Diskussion über die Zukunft des Hans Otto Theaters ankurbeln. Und fand damit beim Oberbürgermeister kein Gehör.

Und jetzt? Bis Ende April tagt die Findungskommission. Die Gerüchteküche über mögliche Bewerber brodelt. Armin Petras wird als prominentester Kandidat gehandelt. Er leitete das Berliner Maxim Gorki Theater und hat vor Kurzem in Stuttgart gekündigt – aus „persönlichen Gründen“. Mario Holetzek, der in Cottbus für spannendes Schauspiel sorgte, musste dort 2016 gehen und soll sich beworben haben. Auch Sewan Latchinian wäre nach seiner Intendanz in Rostock wieder frei. Im Potsdamer Publikum ist Matthias Brenner, Direktor des neuen Theaters Halle, als Zuschauer gesichtet worden. Auch Besuch aus Rudolstadt war jüngst da: der Tausendsassa Steffen Mensching, der dort seit 2008 das Haus sehr erfolgreich leitet. Und von einer Frau ist die Rede, die mit einem neuen Ansatz bisherige Stadttheaterstrukturen auf den Kopf stellen will. Hätte Potsdam dazu den Mut? Eine der vielen Fragen, denen sich die Findungskommission wird stellen müssen.

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