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  • 13.03.2017
  • von Oliver Dietrich

Musical-Sänger Joe Ryan auf dem Theaterschiff Potsdam: Mehr als nur schmerzhafte Schmachtfetzen

von Oliver Dietrich

Wandelbar. Zuerst gab Joe Ryan Musical-Hits zum Besten. Foto: Sebastian Gabsch

Musicals waren jahrelang sein Leben. Jetzt führt Joe Ryan ein Hotel im Holländischen Viertel, wo er offenbar selten zum Singen kommt. Aber noch mal auf die Bühne und richtig hingebungsvoll singen – das musste doch irgendwie möglich sein. Ist es auch: Das Theaterschiff in der Schiffbauergasse billigte ihm eine Solo-Show zu, „Vom Broadway zur Burlesque“ heißt die und in der Reihe „Stars an Bord“ kann Ryan jetzt die Hits vom Londoner Westend schmettern und sich wie ein Star fühlen. Am Freitag war Premiere.

Mit Fliege und Samtsakko schwang Ryan den Spazierstock, und mit dem putzigen britischen Akzent durfte er auch ein bisschen über seine Leidenschaft schwadronieren: „Meine ganze Leben ich habe mich in die Theater verliebt!“, seufzte er. Sicher, er profitierte von seiner schüchternen Niedlichkeit als milchgesichtiger Schmalspur-Robbie-Williams. Aber mit dem Singen ist das so eine Sache: Denn mehr als eine halbwegs angenehme Baritonstimme ist ihm nicht gegeben. Und die Songauswahl ist ein eher klägliches Best-of der altbackenen Musical-Hits: „What a beautiful morning“ vom Musical „Oklahoma“ ist dabei, aber auch schmerzhafte Schmachtfetzen wie „Memory“ aus dem Webber-Musical „Cats“. Das lockt beim besten Willen keinen Hund mehr hinter dem Ofen vor. Und als er zu „I want to break free“ von Queen ansetzte, fragte man sich ernsthaft, wo denn die Musical-Ausbildung abgeblieben ist: Mehr schlecht als recht dudelte er sich durch den Song, das hatte beim besten Willen nur noch Karaoke-Charakter.

Vielleicht liegt die Erklärung ja im zweiten Teil der Show, der eine ungewöhnlich lange Pause vorausging. Auf einmal hat sich der unscheinbare Musiker zu einer Drag-Queen gewandelt, in Pelzjacke und mit blonder Perücke, darunter spärliche Bekleidung, damit der entblößte Hintern sich trefflich ins Publikum kreisen lässt: „Skinny Marie“ heißt der Charakter, die von der grauen Musical-Maus aus dem ersten Teil nichts mehr erahnen lässt: „Sweet Transvestite“ von der „Rocky Horror Picture Show“ haucht sie nun ins Mikrofon, während sie eine Aura der Obszönität umweht. Da sitzt alles, vom grazilen Beinschwung bis hoch an die Nase bis zur glitzernden Impertinenz des Charakters. Das sichtlich beschwipste Publikum feierte die Drag-Queen gebührend.

Aber eine Frage bleibt: Wenn sich Joe Ryan in seiner Kunstfigur viel sicherer fühlt, was sollte denn dann der halbherzige Musical-Quatsch im Vorfeld? Er hätte besser daran getan, den Fokus von Anfang an auf dieses androgyne Feuerwerk zu legen. 

Nächste Vorstellung am 28. April um 19.30 Uhr im Theaterschiff, Schiffbauergasse

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