23.10.2017, 12°C
  • 13.03.2017
  • von Richard Rabensaat

Kunstkontor in Potsdam: Suche nach Schönheit

von Richard Rabensaat

Stimmungen finden. Werner Rudolf Götz macht Kunst am Computer. Foto: S. Gabsch

Der frühere „Ton, Steine, Scherben“-Bassgitarrist Werner Rudolf Götz stellt im Kunstkontor aus.

Es sind faszinierende Bilder, die Werner Rudolf Götz mit seinem Computer ersonnen hat. „Nein, das ist nicht nach Fotovorlagen entstanden, das sind freie Schöpfungen“, beteuert Friederike Sehmsdorf, in deren Kunstkontor die Bilder zu sehen sind. Hätte die Galeristin nicht von vornherein klar gestellt, dass es sich um Computerausdrucke handelt, würde der Betrachter rätseln, mit welcher Technik die Bilder erstellt sind. Pastell? Aquarell? Sehr feine Übergänge, verlaufende Formen, Landschaften, Berge, Flüsse, Seen sind erahnbar, aber doch nicht klar zu erkennen. Erinnerungen an bekannte Bilder tauchen auf: die Toteninsel von Arnold Böcklin, nebelverhangene Landschaften von Caspar David Friedrich, Berglandschaften von Ernst Ludwig Kirchner. Verschiedene Epochen, verschiedene Sujets, aber bei Götz doch verbunden durch einen Stil, der sich durch sämtliche Bilder zieht. „Fine Art Print auf Hahnemühle-Bütten“ benennt die Galeristin die Technik der Arbeiten, die zumeist in einer Auflage von fünf Stück gedruckt sind. Vielen der Bilder gelingt die schwierige Balance zwischen romantisch verklärendem Landschaftsausblick und verkitschtem Postkartenmotiv. Zweites liegt manchmal nahe, aber Götz vermeidet es dann doch geschickt.

Es sind Landschaftsstimmungen im Morgenrot, im Nebel, zerfließende Blumenblüten. Stimmungen, wie sie sich in der deutschen Romantik finden. Bilder, die auf eine unbestimmte Weise nach dem tieferen Sinn hinter dem Dasein fragen, was immer das sein mag. Die nach einer emotionalen und sinnlichen Tiefe suchen, die im Getriebe des Alltags häufig verloren geht.

Abseits der Faszination für die Technik bieten die Bilder ganz klassische bildliche Qualitäten: Helligkeiten, Kontraste, Farbstimmungen, Tiefenwirkungen sind austariert. Es wird klar, dass der Schöpfer der Bilder nicht zufällig gelungene Effekte des Bildbearbeitungsprogramms wiederholt, sondern von der Suche nach der adäquaten Umsetzung des Motivs betrieben ist. „Ein Edelstein glänzt am besten in einem Geröllfeld voller Schmutz“, erläutert Sehmsdorf. So funkelten bei der „Gewitterstimmung am Genfer See“ die Scheiben der Häuser, es leuchten die weißen Fassaden, der lichte Sandstreifen eines Feldweges zieht sich durch braun-grüne Äcker. Die schneeweiß leuchtende Kuppe eines „Schlafenden Vulkans“ erhebt sich hinter einer grünen Front von Wäldern, Bäumen, Geröll – oder was auch immer. Jedenfalls wäre die wolkenverhangene Kuppe auch mit Pastellkreide nicht schöner zu schaffen gewesen. Der Unterschied zwischen dem Originalausdruck und der Reproduktion des Kataloges ist verblüffend. Obwohl beides Druckerzeugnisse sind, eignet nur den ausgestellten Prints die besondere Brillanz, die der Künstler angestrebt hat.

Die räumliche Tiefe, die Götz in vielen seiner Arbeiten erzielt, ist kein Zufall. Götz hat Architektur studiert, nachdem er in jungen Jahren mit der legendären Revoluzzer-Band Ton, Steine, Scherben musiziert hatte. „Wir brauchen keine Hausbesitzer, denn die Häuser gehören uns“, hatten „die Scherben“ noch gesungen. Werner Rudolf Götz jedenfalls baute mit dem Architekturbüro, das er mit seiner Frau gegründet hatte, zahlreiche Häuser. Dann aber ereilten Götz zwei Schlaganfälle, die er physisch stark angeschlagen überlebte, die ihn geistig jedoch nicht beeinträchtigten. Nach beiden jedoch musste er wieder mühsam ins Leben zurück finden, sprechen, sich bewegen lernen. „Die Kunst war seine Ausflucht, seine Möglichkeit, zu zeigen, dass er immer noch kreativ sein und Neues schaffen kann“, sagt Friederike Sehmsdorf. So fand Götz in neuartigen Computerprogrammen eine Ausflucht aus seiner zwangsweisen körperlichen Beschränktheit. Dem tatsächlichen Schrecken des Daseins, das unerwartet in sein Leben eingebrochen ist, stellt der Künstler die Suche nach der Erkenntnis des Schönen entgegen. Richard Rabensaat

Noch bis 19. März in der Galerie Kunstkontor, Bertiniweg 1 a

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