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  • 11.03.2017
  • von Heidi Jäger

Der Mann im Hintergrund

von Heidi Jäger

Wirkt sonst eher im Schatten. Volkmar Raback, hier in seinem Büro im Hans Otto Theater (HOT), war einst Verwaltungsleiter an der Volksbühne Berlin. 1993 kam er ans HOT, wurde 1997 Geschäftsführender Direktor – und ist jetzt Mitglied der Kommission, die den neuen Intendanten finden soll. Foto: Manfred Thomas

Volkmar Raback leitet seit 1997 die Geschäfte am Hans Otto Theater. Jetzt wählt er seinen fünften Intendanten mit aus

Auf seinem Schreibtisch steht ein Abakus, so eine kleine Rechenmaschine mit bunten Holzkullern, die man gerne Kindern schenkt. „Damit berechne ich meine Wirtschaftspläne“, sagt Volkmar Raback. Wer ihn kennt, weiß um seinen trockenen Humor. Der Geschäftsführende Direktor macht nicht viel Aufhebens um seine Person, ist aber um eine schlagfertige Antwort nie verlegen.Hier sitzt jemand im Chefsessel, der den Betrieb bis in den kleinsten Winkel kennt.

Gerade hat er sich geärgert: über einen Artikel in den PNN. Das muss er erstmal loswerden. Geschrieben wurde über die Findungskommission, die den Oberbürgermeister bei der Auswahl des Nachfolgers von Tobias Wellemeyer beraten soll. Volkmar Raback gehört zu den zehn Mitgliedern. Er sei derjenige, „der eher schauen dürfte, dass jemand herkommt, der auch rechnen kann“, hieß es in dem Text. Darauf möchte er sich aber nicht reduzieren lassen. Natürlich müsse der neue Intendant auch rechnen können, aber zuerst gehe es doch wohl um die Kunst. Beim Intendanten ebenso wie bei ihm. „Schließlich bin ich wegen der Inhalte ans Theater gegangen.“

Wenn bis April der Kandidatenpool durchfischt wird, entscheide zuvorderst Spielplangestaltung, Ensemblegröße, Anzahl der Neuproduktionen. Und der Blick auf Potsdam. Der habe Priorität. Gleich danach komme Berlin. Von dort reist schließlich ein Drittel des Publikums an. Manchmal sogar die Hälfte. Diese Besucher bringen Berliner Maßstäbe mit an den Tiefen See. Hier gibt es allerdings mit zwölf Millionen Euro nur etwa die Hälfte der Zuwendungen wie durchschnittlich an einem Berliner Sprechtheater, sagt Raback. Doch das Geld ist das eine. Dass die Publikumszahlen in den vergangenen Jahren zurückgingen, habe auch andere Gründe. „Einer ist vielleicht die zu ernste Schiene, die wir gefahren sind.“ Es fehle an leichten, gut gemachten Stoffen, die natürlich nicht flach sein dürften. „Wir haben schließlich einen Kultur- und Bildungsauftrag, der uns zu inhaltsstarken und prägnanten Aufführungen auf hohem Niveau verpflichtet.“

Raback wird den nächsten Intendanten nur noch ein halbes Jahr erleben. Ende 2018 geht er in den Ruhestand. Aber er hofft, dass der oder die Auserkorene die weggebliebenen Zuschauer wieder mobilisiert: mit neuen Namen, neuen Titeln, neuen Regiehandschriften. Und auch mit Übernahmen aus dem jetzigen starken Ensemble. Es wird Rabacks fünfter Intendant in Potsdam.

Der Thüringer mit den krausen Haaren, die inzwischen grau geworden sind, kennt das Theater in vielen Facetten: mit dem spannenden Einstieg an der Volksbühne bei Frank Castorf, an die es ihn 1987 nach seinem Volkswirtschaftsstudium führte. Damals noch nicht als Chef der Ökonomie, denn dafür hätte er in die Partei eintreten müssen. „Das hätte ich nie getan.“ Der kunstsinnige Raback mit Vorlieben für Brecht und Heiner Müller hatte es indes geschafft, Hobby und Job zusammenzubringen. „Mit der Pfiffigkeit des Ostlers“, so sagt er, arbeitete er sich schnell auch in das Westwirtschaftsgetriebe ein: an der Freien Volksbühne Berlin, an der Kammeroper Schloss Rheinsberg, dann am Hans Otto Theater. Hier musste er sich immer wieder für den Etat rechtfertigen, auch wenn die Auslastung zurückging. „Man gewöhnt sich irgendwann daran.“ Offensichtlich hat er sich ein dickes Fell zugelegt. Raback steht aber auch nicht in der Pflicht, den Spielplan zu gestalten. „Da komme ich aufgrund der Arbeitsteilung nicht mit rein. Die Kunst ist völlig autark. Ich muss mit dem Ergebnis arbeiten.“

Er hält indes die Kontakte zur Politik, gerade auch jetzt in der Wellemeyer-Ära: zum Kulturministerium, zur Stadtverwaltung. Soeben hat er eine Führung für die Landtagsabgeordneten abgesprochen. Eine Lobbygeschichte. „Das Theater muss im Gespräch bleiben, nicht nur über Kunst, sondern auch über die Bedeutung der Spielstätte.“ Der zumeist im Hintergrund agierende Mann, der sich selbst einen Realist nennt und von sich sagt, „ich bin nicht karrieregeil“, hat sich inzwischen hochgearbeitet: bis in die dritte Etage des HOT, mit tollem Blick aufs Wasser. Wenn Raback mal Luft holt, schaut er aber eher auf die Bilderwand neben seinem Schreibtisch, Werke aus seiner eigenen Kunstsammlung.

Diese Leidenschaft begann in der Studentenzeit. Wenn er einen „Fuffi“ zusammengekratzt hatte, kaufte er Grafiken, von Willi Sitte, Ronald Paris. Er mag die Realisten. Heute sind Haus und Garten in Lehnitz übersät von Bildern und Plastiken, viele von Potsdamer Künstlern. Im Büro hängt ein Gemälde von Ralf-Günter Krolkiewicz, der 2004 als Intendant ausschied, weil die Parkinson-Krankheit ihn dazu zwang. Er malte diesen König und Narren in Rabacks Büro, wobei der Narr viel größer als der König ist. Raback sammelt nicht nur Bilder, sondern auch ihre Geschichten, die ihm die Künstler erzählten. Dieses Persönliche, diese Vertrautheit öffnet ihm Türen.

Nachdem der Intendant Stephan Märki das Handtuch warf, weil ihm das immer enger werdende Finanzkorsett die Luft nahm, war eine schnelle Lösung gefragt. Krolkiewicz, zuvor Oberspielleiter, und Raback, Stellvertretender Geschäftsführer, übernahmen 1997 auf Bitten der Stadt das Ruder. Sie mussten mit der „Blechbüchse“ am Alten Markt und dem Theaterverbund umgehen, zudem den Theaterneubau vorantreiben. Denn ohne Neubau, das war ihnen klar, wäre es vorbei mit dem Stadttheater Potsdam. „Wir haben gekämpft wie die Verrückten, sind immer zu zweit aufgetreten. Das hätte einer allein nicht geschafft.“

Uwe Eric Laufenberg fuhr die Ernte ein. Nach der Eröffnung des neuen Hauses 2006 wurde das Theater regelrecht gestürmt. „Der Zauberkünstler Laufenberg, für dessen Intendanz es keine Ausschreibung gab, setzte vor allem auf große Namen. Das Ensemble wurde zum Wasserträger degradiert. Doch das funktioniert auf Dauer am Stadttheater nicht, denn du musst die Starliste immer weiter toppen.“ Als schließlich auch Laufenberg stärker auf Inhalte setzte, ohne Stars, verlor auch er Publikum. Nein, ein „Überflieger und Leichtfuß“ wie Laufenberg sollte der Neue nicht sein, so Raback, und wohl auch kein so Introvertierter wie Wellemeyer. Ein Dazwischen wäre gut, sagt er.

Mittlerweile ist Raback seit fast einem Vierteljahrhundert am Potsdamer Theater. Es sei immer ein Kampf ums Publikum gewesen. „Meine Gabe ist es, gut zuzuhören und schnell filtern zu können, was wichtig ist. Du musst den anderen ernst nehmen, aber auch mal einen lockeren Spruch parat haben“, so Raback. Er macht den Politikern keinen Vorwurf, wenn sie nicht regelmäßig in die Premiere kommen. „Schließlich ist Theater nicht für jeden das Wichtigste. Bei mir hat es alles überwuchert. Das kriege ich nicht weg.“ Nach seiner Dienstzeit in Potsdam wird er den Radius wieder größer schlagen. Dann ohne Abakus.

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