18.07.2018, 24°C
  • 23.01.2017
  • von nbsp;Heidi Jäger

Ein leiser Auftritt

von nbsp;Heidi Jäger

Auf Spurensuche. Christian Heinzes Serie „Spurensuche in Potsdam“ widmet sich motivisch den für die Machtverhältnisse bedeutsamen Gebäuden der Stadt, wie der Garnisonkirche oder, wie auf dem Bild zu sehen, dem ehemaligen Stadtschloss – eine Arbeit aus dem Jahre 1996. Foto: Potsdam Museum/Michael Lüder

Erzählte Geschichten im Landtag: Grafikserien aus den Jahren 1970–2000

Wer interessiert sich im Moment für eine Grafikausstellung im Landtag, wenn nebenan die Welt flaniert? Bleiben die leisen Wegbegleiter ungehört angesichts des volltönenden Glanzes des Museums Barberini, der alles zu überstrahlen scheint?

Natürlich will sich jetzt erst einmal jeder selbst ein Bild von der impressionistischen Pracht hinter der barocken Fassade machen. Aber es lohnt durchaus auch ein Schlenker ins Stadtschloss. Mit zurückhaltender, feiner Geste laden dort Grafiken brandenburgischer Künstler ein, durch die Glastüren zu treten. Über drei Etagen schlängeln sie sich in Schwarz-Weiß oder zarter Farbigkeit treppauf durch den Landtag: in Serien vereint, für jeden zugänglich. Sie erzählen berührende Geschichten über sich verändernde Landschaften, wegbrechende Traditionen, über Technik und Leistungsdruck, die Menschen verändern. Erinnerungen aus drei Jahrzehnten. Die tief in der Region verankerten Werke führen zurück ins Betongrau und Aufbegehren in der DDR, zeigen die Wendeeuphorie und die Wiedererstehung der verloren geglaubten Mitte Potsdams mit dem Fortunaportal als klangvolle Ouvertüre.

Auch der Turm der Garnisonkirche wirft seinen Schatten voraus: in goldigen Tönen auf den Grafiken von Christian Heinze. Dieser stadtumtriebige Künstler ist seit Jahrzehnten auf „Spurensuche in Potsdam“ und zeigt in Collagen pointiert, wie auf dem Schachbrett der Geschichte die alten und neuen Könige ihre Machthaken schlagen.

32 grafische Folgen von insgesamt 24 Künstlern sind bis 6. Juli in der Ausstellung „Erzählte Geschichte: Grafikserien aus den Jahren 1970–2000“ zu sehen: im Eigenauftrag selbst gewählter Themen oder als Auftragsarbeiten entstanden. Sie sind in Holz geschnitten, fein radiert oder siebgedruckt und allesamt Leihgaben des Potsdam Museums. Dessen Grafiksammlung erfuhr in den letzten Jahren einen starken Zuwachs durch Schenkungen und Ankäufe. Und da die Ausstellungsflächen im eigenen Haus begrenzt sind, tritt es gern auch nach außen: nun also in den Landtag vis-à-vis. Dort gibt es in diesem Jahr zwei Ausstellungen des Museums mit je 160 Arbeiten, die regionale und überregionale Künstler in Einzelblättern oder Serien vorstellen.

Eine dieser Serien ist von Dieter Schumann und zeigt „Sterbende Dörfer“. Sie erzählt eindringlich und mit feinem Strich vom Niedergang und Aufstieg der gebauten Welt. Geduckte Häuser, mit menschlichem Maß errichtet, machen Platz für gesichtslose Himmelsstürmer. Riesige Förderbänder rollen unnachgiebig über Grabsteine hinweg. Der Tagebau frisst sich durch das Leben und beerdigt die Geschichte. Entstanden ist diese Grafikserie 1982. Auch Schumanns Industrielandschaften von 1977 bringen Veränderungen in großer Dichte auf den Punkt: Das Feingliedrige reibt sich am Monumentalen. Hier geht es ums Entweder-Oder, nicht um das Verzahnen.

Hinaus aufs Dorf zog es Peter Panzner, als er 1984 eine Serie von Scheunen aufs Papier brachte: mit weitem Blick durch enge Räume. Man riecht förmlich das Stroh, das hier überwintert hat. Der Grafiker setzt die soliden Zimmermannsarbeiten mit Deckenbalken, Verstrebungen, Pfeilern und Treppen kunstvoll in Szene. Ein Hauch von Nostalgie weht aus den alten Scheunenmauern.

Falko Behrendt verließ 1979 für eine Studienreise die Heimat und brachte Radierungen aus dem Libanon mit nach Hause. Ein Schulhof, ein Wohnhaus, die auseinanderbersten, verglühte Häuser. Das Massaker von Damour im Jahr 1976, das sich gegen die christlichen Einwohner gerichtet hatte, zeigt seine Narben. Ruinen, die an Aleppo erinnern. Die Namen der Orte haben sich geändert, doch das Leid wiederholt sich in immer gleichen Bildern. Falko Behrends filigranes Liniengeflecht türmt sich auf zu Erlebnisräumen, im blut- und feuerroten Gewand. Eine Ausstellung in der Galerie Ruhnke in der Charlottenstraße 122 zeigt ab 28. Januar aktuelle Arbeiten dieses Künstlers.

Überhaupt bietet Potsdams alte neue Mitte nunmehr einen Vielklang an kunstverschränkten Tönen. Der Landtag spielt dabei wohl eher die zweite Geige. Aber auch sie verdient Beachtung. Gerade jetzt in diesem seriellen Zuschnitt, in denen Grafiken zu Geschichten gerinnen und Brandenburger Geschichte spiegeln.

Natürlich besteht die Gefahr, dass das wiedererstandene Palais Barberini mit seiner kraftvollen Präsenz die anderen Aussteller in den Schatten stellt. Aber vielleicht bekommen die bereits „Angestammten“ auch etwas ab von dem Glanz der internationalen Aufmerksamkeit, der ihnen neue Besucher in die Arme treibt. Die wünscht man auch der Galerie Sperl, die platzabgewandt im Aschenputtel-Eck noch bis Jahresende um Gäste buhlt: ebenfalls mit großer Kunst auf großen Wänden. Aktuell, aufrührerisch, aber eben im Abseits – in den Räumen der zum Abriss verurteilten Fachhochschule.

Im Miteinander der Alten-Markt-Bespielung begegnen sich Künstler über Zeiten, Handschriften und Stile hinweg. Wir sehen im Barberini die Impressionisten, im Potsdam Museum die „Wilde Malerei“ der 1980er-Jahre aus Ost und West, im Landtag brandenburgische Geschichten bis ins Jahr 2000 in der Grafik. Es gibt viele Fäden, die sich nun kunstvoll in Potsdams Mitte verknüpfen lassen. Und viele Stimmen, die es verdienen, gehört zu werden: ob laut oder leise.

Zu sehen bis 6. Juli 2017, Landtag Potsdam, Am Alten Markt 1, Mo–Fr 8 bis 18 Uhr, Eintritt frei

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