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  • 21.01.2017
  • von Ariane Lemme

„Infidelity – A love Story“ in der fabrik: Verlass mich nie, ich brauche dich

von Ariane Lemme

Foto: Andreas Klaer

Tomer Zirikelvich probt an der fabrik die Untreue.

Potsdam - Mit der Untreue muss sich, so bitter es ist, jeder herumschlagen. Mit der eigenen und der derer, die man liebt. Sie findet nicht nur zwischen Paaren statt, auch zwischen Freunden. Auch dem eigenen Land kann man untreu werden. Wie der Choreograf und Tänzer Tomer Zirikelvich. 1985 in Tel Aviv geboren und dort aufgewachsen, hat er sich vor einigen Jahren für seine Geliebte Berlin entschieden. Und gegen Israel.

Auch wenn seit Jahren viele, vor allem junge Israelis nach Deutschland, am liebsten nach Berlin ziehen, kann es für andere immer noch wie ein Verrat wirken: ins Land der Täter zu gehen. Zumindest ist es etwas, worüber es in seiner Heimat noch eine Debatte gibt, sagt Zirkilevich.

An der fabrik, wo er zeitgenössischen Tanz unterrichtet und auch schon sein zärtlich-lustiges Stück „Like Father, likes Son“ gezeigt hat, probte er eine Woche lang an „Infidelity – A love Story“. Sieben Tänzer aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt hat er dafür zusammengeholt, auch für sie spielen Treue und Verrat am Land ein Rolle. Aber vor allem in der Liebe.

Beim Showing der ersten Hälfte von „Infidelity“ am Donnerstagabend in der fabrik beginnt es, wie es immer beginnt. Alle laufen in vertraut miteinander wispernden Paaren durch den Raum. Nur einer der Tänzer ist allein. Er jagt erst diesem, dann jenem Paar jeweils einen Partner ab – voller Euphorie. „I’ll be the boy of your dreams“, verspricht er. Aber er will auch etwas von seinen Eroberungen. „I love you. Tell me, you never leave me.“

Verlass mich nie, ich brauche dich. Klar denkt das jeder, der liebt. Und sollte doch wissen, dass, wer das ausspricht, wer das erwartet, jeden in die Flucht schlägt. Weil er der Liebe die Luft zum Atmen nimmt, ihren freien Geist bricht.

Und so laufen sie ihm immer wieder weg, die anderen Tänzer. Doch sobald einer von ihnen „split“ schreit, lösen sich alte Bindungen, neue entstehen. Sie verführen sich gegenseitig und drohen immer wieder, unter dem Begehren der anderen zu ersticken.

Zirkilevich lässt seine Tänzer ihre eigenen Geschichten mit einbringen. Für die ist es fast wie eine Therapie: Wie Familienaufstellung, sagt einer nach dem Training. In ihrer Kunst führen sie sich alltägliche Muster vor Augen, fangen an, zu sehen, was sie sonst nur tun. Das ist ein Muster, das man in Zirkilevichs Arbeit erkennen kann: das radikal Direkte. Deshalb verliebt man sich, wie schon bei „Like Father, likes Son“ sofort in seine Figuren, seine Geschichten. Weil sie nichts verheimlichen. Sich nicht schämen, schwach zu sein und dunkle Begierden zu haben, und sich damit den anderen aussetzen. All das ist unverklemmt und selbstironisch, hat eine Unverkrampftheit, die der israelischen Kultur so eigen scheint. Wo man lieber nicht so viel Zeit auf Unwesentliches verschwendet, sondern direkt aufs Herz der Dinge zielt. In der Hinsicht, könnte man sagen, ist Zirkilevich seiner Heimat unbedingt treu. 

Vom 13. bis 17. Februar geben Tomer Zirkilevich und Michal Hirsch die Workshopwoche „Playground – Groundplay“ an der fabrik (Schiffbauergasse 10).

Das Stück feiert zuvor Premiere in Berlin. Zu sehen ist es am 9., 10., 11. und 12. Februar 2017, jeweils um 19.00 Uhr, DOCK 11, Kastanienallee 79, 10435 Berlin. Mehr Infos >>

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