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  • 19.01.2017
  • von Grit Weirauch

Zu viel Druck auf allen Kesseln: Kombinat und ihre neue Installation „Über_Druck“

von Grit Weirauch

Bingo. Paula E. Paul und Sirko Knüpfer bei der Premiere im T-Werk Foto: Andreas Klaer

Die Produktionen des Potsdamer Künstlerkollektivs um Paula E. Paul und Sirko Knüpfer treffen eigentlich immer ins Schwarze. Die beiden, sie als Choreografin und er als Komponist, besitzen ein besonderes Gespür für den Zeitgeist – oder besser für unser aller Alltagsgeist – und filtrieren daraus die Quintessenz. Mal umkreisen sie so den Bewegungsdrang und Reisezwang von Touristen („Mein Touristenführer, 2016), mal das Phänomen der Zeit und des Multitaskings („Alle auf einmal“, 2009). Auch diesmal, in ihrer kürzlich beim Festival „Made in Potsdam“ uraufgeführten Filminstallation, widmen sie sich einem Thema, das in der Luft liegt. „Es ist überall zu viel Druck auf den Kesseln“, beschreibt Paula E. Paul das Lebensgefühl, das sie bei sich und ihrer Umgebung wahrnimmt. Psychischer, sozialer, zeitlicher, ökonomischer, finanzieller, technisch hergestellter Druck – all die vielen Anwendungen in der Arbeitswelt und Interpretationsräume des Begriffes fließen bei Kombinat zusammen und sind Ausgangspunkt ihres aktuellen Projekts „Über_Druck“.

Der Knopf einer Apparatur will gedrückt werden (erstes Wortspiel) und löst eine Bingomaschine aus. Bei Volltreffer starten auf zwei nebeneinander angeordneten überdimensionierten Bildschirmen kurze Filme. Parallel geschnitten lassen sie Menschen zu Wort kommen, die alle irgendwie mit Druck arbeiten. Da ist der Schichtleiter der MAZ-Druckerei, der über seinen aussterbenden Beruf erzählt oder die Yogalehrerin, die in ihrem Business-Yoga-Kurs versucht, den Teilnehmern den Leistungsdruck und den Leidensdruck durch die eigenen Gedanken zu nehmen. Und die Cellistin, die vom Übungs- und Aufführungsdruck berichtet. Oder die Wasserballer vom OSC Potsdam, die, so erzählt einer von ihnen, sich viel lieber in den Druckverhältnissen des Wassers als an Land bewegen. Kombinat legte Wert darauf, dem Leben mit und unter Druck das Positive abzugewinnen, also ohne Leistungsdruck keine Höchstleistungen oder ohne Herzdruckmassage keine Lebensrettung. Druck sozusagen als lebenserhaltende Maßnahme.

Zwischen den beiden Bildschirmen gibt es noch einen schwarzen Kasten – die Black Box als eigentlichen Clou der Installation. Dahinter verbirgt sich eine überaus komplexe Anordnung mit Schläuchen und Ventilen, die an einen gleichzeitig zum Abspielen der Filme laufenden Kompressor angeschlossen sind. Ist der Luftdruck im Raum zu gering, pumpt die Maschine Luft an, baut Druck auf und führt ihn ab in einen weißen Luftballon. Bis nichts mehr geht.

Doch wohin mit dem Überdruck? Eine nicht nur konkret technische Frage, die sich Kombinat stellt. Ihre Antwort ist so einfach wie witzig. Nur so viel: Auf Explosion ist „Über_Druck“ nicht angelegt. Als Sinnbild für den Ausweg aus der akuten Misere genügt das den Machern nicht. Zum Glück.

Denn das wäre schließlich nur Effekthascherei. Und darauf legt Kombinat es keineswegs an. Effekte interessieren sie nur als solche, die sich durch Spielerei wie von selbst auftun: vom Wortspiel mit der Sprache und ihrer Doppelbödigkeit der Begriffe in nahtlosem Übergang zur philosophisch freien Gedankenassoziation bis hin zum ausgeklügelten technischen Gag.

Das hat natürlich auch seine Grenzen: in diesem Fall vor allem die der technischen Machbarkeit, auch wenn man das im Digitalzeitalter kaum wahrhaben will. Bis zuletzt und wohl darüber hinaus tüftelten Sirko Knüpfer und seine Kollegen an der Computerprogrammierung von Druckluft und Video. Doch nicht jede Idee und noch weniger derart komplexe Abläufe lassen sich einfach auf Maschinen übertragen – zumal nicht unter den Zwängen der finanziellen Förderung und des Zeitdrucks, unter dem die freien Künstler von Kombinat stehen. Grit Weirauch

„Über_Druck“, zu sehen am 21. und 22. Januar von 17 bis 21 Uhr im Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum, Dortustraße 46

 

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