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  • 19.05.2017
  • von Ariane Bemmer

Rechte Einstellungen in Deutschland: Extremreaktion Ost und der Beitrag West

von Ariane Bemmer

Ost-Stolz ist ein Thema im Osten, wenn auch nicht immer gleich in martialischer Aufmachung. Foto: dpa/Arno Burgi

Die DDR-Vergangenheit ist schuld oder die Problemverleugnung der Nachwende-Ost-Politiker, oder? Im Blick auf die rechtsextremen Ostdeutschen steckt westliche Heuchelei. Ein Kommentar.

Ablehnend betrachten sie die Neubürger, wollen dringend deren Zahl begrenzen, misstrauen ihren Motiven (Wirtschaftsflüchtlinge!), sehen Lohndrückerei kommen und dass heimische Zukurzgekommene benachteiligt werden könnten.

Die Vorbehalte kommen nicht aus Ostdeutschland und sie gelten auch nicht den Syrern, Afghanen oder Afrikanern von heute, sie kamen Ende 1989 von der westdeutschen Linken und galten DDR- Flüchtlingen. Die sollten, „fettleibig mit Dauerwelle“, wie sie waren, mit neu zu schaffenden Asylverfahren ferngehalten werden, berichtete der „Spiegel“. Das ist zwar lange her, und vielleicht haben nicht alle Ostdeutschen das damals mitbekommen, aber auf eins könnte es dennoch weisen: den Zusammenhang von Aufnahme- und Integrationsbereitschaft.

Ossis, Zonendödel, Zonis, Treuhand - das blieb hängen

Seit Mauerfall und Wiedervereinigung wird regelmäßig erhoben, dass die Menschen im Osten eher zum Rechtsextremismus neigen, auch eine neue Studie im Auftrag der Bundesregierung belegt das wieder. Erklärt wird der Befund mit vielem: mit dem autoritären Staat DDR, mit deren fehlender Einwanderungskultur (als hätte Westdeutschland eine gehabt), mit agitierenden Rechtskadern aus dem Westen, mit Problemverleugnung durch Politiker – und einem trotzigen Ost- Stolz, der als Gegenwehr gelten darf gegen die Kränkung durch Geringschätzung. Die sollte vielleicht besser als eigener Punkt mit hinein in die Liste der Gründe. Die Ossis, Zonendödel, Zonis wurden in einigen Milieus eben nicht allgemein wertschätzend empfangen, eher wurden sie verspottet, und spätestens seit der Treuhand war von Stralsund bis Oberhof klar, dass sie auch wirtschaftlich nicht für voll genommen werden.

Dass die Extremreaktion Ost und die einhergehende Fremdenfeindlichkeit nun wieder besonders von der Linken beklagt wird, ist nicht ohne Ironie: Zustand erst provozieren, dann beklagen. Und was ist die Botschaft? Die Ostdeutschen sind immer doof, ob als Flüchtlinge oder als Aufnahmegesellschaft?

Situation heute: AfD-Erfolge im Osten

Aus diesem sich verbreitenden Eindruck folgte die Nichtübernahme westlicher Gepflogenheiten zur Interessendurchsetzung und Frustbewältigung – wie auch ein Blick auf Wahlen in Ost und West zeigt: In Sachsen-Anhalt kamen die AfD und ihr fragwürdiger Spitzenmann André Poggenburg auf fast 25 Prozent der Stimmen. In Nordrhein-Westfalen, wo es vermutlich mehr Grund zum Meckern gibt, erreichte die Partei als Spitzenwert 15,2 Prozent (Gelsenkirchen), landesweit waren es 7,4 Prozent. Da nahmen die Unzufriedenen das Angebot der bürgerlichen Opposition an, statt den bloß brüllenden Protest zu wählen.

Nun ist Vergangenes nicht zu ändern. Aber Deutschland erlebt heute eine ähnliche Situation. Und kann gelernt haben, dass Menschen sich Sachen merken, und dass das ihr Verhalten prägt. Wenn also die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen allgemein für passé erklärt wird, ist das eventuell keine gute Nachricht.

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