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  • 21.04.2017
  • von Frank Jansen, Felix Meininghaus

Bombenanschlag auf BVB-Team: Perfide und minutiös geplant

von Frank Jansen, Felix Meininghaus

Polizisten durchsuchen nach der Festnahme von Sergej W. ein Haus in Rottenburg am Neckar. Foto: AFP/dpa/Christoph Schmidt

Ein 28-Jähriger soll der Attentäter von Dortmund sein. Er plante einen möglichst blutigen Anschlag, um schnell reich zu werden. Was bisher bekannt ist.

Die Bundesrepublik kann offenbar aufatmen. Mit der Festnahme von Sergej W. scheint die Polizei den Attentäter von Dortmund gefasst zu haben. Am Freitagnachmittag ist Haftbefehl gegen ihn erlassen worden, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte.
Vermutlich ist die Gefahr eines weiteren Anschlags durch den Tatverdächtigen nun gebannt. Doch der Angriff verstört, auch weil es einen Anschlag mit einem derart perfiden Motiv bislang in der Bundesrepublik nicht gegeben hat. Offenkundig hat Sergej W. aus Habgier einen islamistischen Angriff vorgetäuscht und den möglichen Tod vieler Menschen in Kauf genommen.

2015 gewann Sergej W. einen Schulpreis

Der 28-jährige Sergej W. hat die deutsche und die russische Staatsbürgerschaft. Er stammt aus Freudenstadt und hat einen Arbeitsplatz in Tübingen. Offenbar auf dem Weg dorthin nahm ihn die GSG 9 fest. Er habe den Anschlag vermutlich als Einzeltäter verübt, heißt es aus Sicherheitskreisen. Dennoch sei nicht auszuschließen, dass er von ein oder zwei Personen unterstützt wurde. Die Polizei durchsuchte Wohnungen in Tübingen, Rottenburg am Neckar, Freudenstadt und Haiterbach. Sicherheitsexperten bescheinigen Sergej W., die Sprengsätze professionell gebastelt zu haben. Nach „Bild“-Informationen soll der Deutschrusse im Jahr 2015 einen Schulpreis im Bereich Elektronik und Betriebstechnik gewonnen haben.

Sergej W. hatte die Tat offenbar minutiös geplant. Er buchte im März ein Zimmer in dem Dortmunder Hotel „L’Arrivée“, in dem sich die BVB-Mannschaft am 11. April vor der Fahrt zum Stadion aufhielt. Vermutlich hatte der Deutschrusse recherchiert, von wo das Team üblicherweise zur Arena fährt. Da im März der Termin des Heimspiels von Borussia Dortmund im Achtelfinale der Champions League noch nicht klar war, ließ sich Sergej W. das Zimmer sowohl für die Zeit vom 9. bis zum 13. April als auch vom 16. bis zum 20. April reservieren. Als der 11. April als Spieltermin bekannt wurde, belegte er bereits am 7. April das Zimmer. Vermutlich begann Sergej W. dann, einen möglichen Tatort zu suchen.

Vom Hotelzimmer hatte der Täter freien Blick

Fündig wurde er in der Nähe des Hotels bei einem Parkplatz, den eine lange und hohe Hecke von der Wittbräucker Straße trennt. An der Hecke soll Sergej W. in der Nacht vor dem Anschlag die drei Sprengsätze platziert haben. Sie waren mit 70 Millimeter langen und 15 Gramm schweren Metallstiften gespickt und mit Klebeband umwickelt. Möglicherweise baute der Deutschrusse die Sprengsätze auf dem Gelände zusammen. Die Polizei entdeckte dort ein angebranntes Zelt und ein Nachtsichtgerät. Es sei zu vermuten, dass der Täter Zelt und Nachtsichtgerät anzündete, um Spuren zu verwischen, sagen Sicherheitskreise.

Im Hotel zog Sergej W. in ein Zimmer im Dachgeschoss um. Von dort hatte er freien Blick auf den Tatort. Er konnte sehen, wie am Abend des 11. April, gegen 19.15 Uhr der BVB-Bus vom Hotel losfuhr und die etwa 40 Meter entfernte Hecke passierte. In dem Moment soll er vom Fenster seines Dachgeschosszimmers aus mit einem Handy die drei Sprengsätze gezündet haben. Einen nach dem anderen. Der erste und der dritte Sprengsatz waren zwölf Meter voneinander entfernt und lagen auf dem Boden. Der zweite Sprengsatz soll in ein Meter Höhe in der Hecke gesteckt haben. Offenbar wollte der Attentäter sichergehen, dass der Bus in unterschiedlicher Höhe eine volle Breitseite abbekommt. Doch das klappte nicht, die meisten Metallstifte des höher positionierten zweiten Sprengsatzes flogen über das Fahrzeug hinweg.

Obwohl die Sprengsätze, wie die Bundesanwaltschaft sagt, „zeitlich optimal gezündet“ wurden. Getroffen wurde jedoch vor allem der hintere Teil des Busses, in dem auch der Dortmunder Spieler Marc Bartra saß. Er erlitt durch die Explosion eine schwere Verletzung am rechten Unterarm. Die anderen Spieler und Betreuer im Bus blieben körperlich unversehrt, ein Polizist erlitt ein Knalltrauma.

Er handelte wohl nur aus Gier

Sergej W. wollte offenbar mit einem möglichst blutigen Anschlag schnell reich werden. Die Bundesanwaltschaft hält ihm vor, er habe mit dem Angriff auf die Mannschaft des BVB einen massiven Kursverfall der Aktie des Vereins provozieren wollen. Vom Absturz des Wertpapiers hätte Sergej W. profitiert, da er am Tag der Tat 15.000 Put-Optionen erworben hatte, mit denen er auf einen Kursverfall der BVB-Aktie spekuliert hatte. Wären bei dem Anschlag mehrere Spieler des BVB verletzt oder sogar getötet worden, hätte der Verein einen immensen sportlichen und wirtschaftlichen Verlust erlitten. Die Aktie wäre abgestürzt, Sergej W. hätte Kasse gemacht.

Um eine falsche Fährte zu legen oder den Schrecken noch zu steigern, hat mutmaßlich Sergej W. in seinem Bekennerschreiben auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ verwiesen. Drei gleichlautende Zettel fand die Polizei in der Nähe des Tatort. Doch schon früh hatten die Behörden Zweifel, der Anschlag könnte islamistisch motiviert sein. Der Duktus des Bekennerschreibens weicht von der beim IS üblichen Selbstbezichtigung ab. Nach der Festnahme von Sergej W. sagten Sicherheitsexperten, es gebe bislang keine Hinweise auf extremistische Aktivitäten des Deutschrussen. Offenbar handelte Sergej W. nur aus Gier.

Nach dem Strafrecht wäre er kein Terrorist

Der Terror wird mit dem Anschlag in Dortmund noch diffuser. Die Behörden sind gezwungen, sich auf einen weiteren Tätertyp einzustellen, den „falschen Salafisten“. Er ist noch weniger berechenbar als die Anhänger des IS. Wie wollen Polizei und Nachrichtendienste mitbekommen, dass ein unpolitischer Täter Bomben baut, um einen islamistischen Anschlag vorzutäuschen? „Wir können uns nicht mehr auf die klassischen Denkmodelle verlassen“, sagt ein hochrangiger Sicherheitsexperte, „das hat sich schon im Fall Anis Amri gezeigt“.

Den Tunesier, der am 19. Dezember den islamistischen Anschlag in Berlin verübt hatte, hatten die Sicherheitsbehörden unterschätzt. Amri verhielt sich in den Monaten vor der Tat phasenweise keineswegs wie ein strenggläubiger Muslim, vielmehr fiel er mit kleinkriminellen Aktivitäten auf. Dennoch entpuppte er sich dann als Terrorist.

Sicherheitskreise fragen sich auch, ob das Strafrecht dem heutigen Terror angemessen ist. In den einschlägigen Paragrafen wird ein Täter nur dann als Terrorist eingestuft, wenn er mit mindestens zwei Komplizen eine terroristische Vereinigung bildet oder wenigstens als Mitglied des IS oder einer anderen einschlägigen Organisation auftritt. Sergej W. wäre demnach kein Terrorist. Das sei realitätsfremd, sagen Sicherheitsexperten.

BVB rekrutiert Spezialkräfte

Nach der Verhaftung des mutmaßlichen Täters verlieh BVB-Kapitän Marcel Schmelzer im Namen der Mannschaft seiner Hoffnung Ausdruck, „dass wir nun die tatsächlichen Hintergründe des Anschlags erfahren“ . Auch Sportchef Michael Zorc sprach von einer „großen Erleichterung.“ Der Verein bedankte sich bei Polizei, Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kündigte an, sein Verein werde die Sicherheitsvorkehrungen „noch mal dramatisch nach oben schrauben.“ Er habe bereits Vorstellungsgespräche mit früheren GSG-9- und BKA-Leuten geführt, sagte er der „SZ“.

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