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  • 20.03.2017
  • von Andrea Dernbach

Hilfe für Flüchtlinge: Woran ehrenamtliches Engagement scheitern kann

von Andrea Dernbach

Gerade für Frauen sind Sammelunterkünfte belastend. Foto: Boris Roessler/dpa

Ein Berliner Projekt mit weiblichen Flüchtlingen und ihren Helferinnen zeigt: Der gute Wille reicht oft nicht für erfolgreiche Integration.

Bündel unterschiedlicher Erwartungen zwischen geflüchteten Frauen und ihren ehrenamtlichen Helferinnen behindern immer wieder effektive Hilfe. Wie eine Befragung beider Seiten durch das „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“ (BIM) der Berliner Humboldt-Universität herausfand, ist dafür nicht zuletzt die unklare Rolle der Ehrenamtlichen verantwortlich. Oft sei den geflüchteten Frauen unklar, was sie von den Ehrenamtlichen erwarten könnten: Sie kennen entweder die Trennung zwischen Ehrenamt und staatlicher Hilfe aus ihren Heimatländern nicht oder scheiterten daran, dass diese Trennung auch tatsächlich nicht klar sei, etwa wenn Ehrenamtliche Lücken in der staatlichen Versorgung füllten – Beispiel Wohnungs- und Schulsuche – oder den Status wechselten und zu bezahlten Kräften würden.

Angst zu reden - um Gerede zu vermeiden

Aber auch die Helfer leiden im Kontakt mit den Frauen an einer Reihe von Kommunikationsstörungen, die nicht allein den unterschiedlichen Sprachen geschuldet sind. Das Projekt „ReWoven“ über geflüchtete Frauen und (psychosoziales) Freiwilligen-Engagement lief zwischen April und Dezember 2016 und ist Teil einer großen Untersuchung der Lage und Integration Geflüchteter.

So prallt das Engagement der Ehrenamtlichen oft auf Geflüchtete, die die Angebote nicht annehmen, mit dem Ergebnis, dass die frustriert sind, sich hilflos fühlten und am guten Willen der anderen Seite zweifelten: „Es ist ganz normal, dass du zehnmal oder so in die Unterkünfte gehst, um danach ein, zwei oder eben keine neuen Teilnehmenden zu haben“, berichtete eine Helferin im Interview. Die geflüchteten Frauen wiederum berichten, dass sie oft keine Möglichkeit oder Gelegenheit hätten, zu äußern, was sie brauchen – auch um überhaupt erst ein Angebot wahrnehmen zu können, Kinderbetreuung etwa. Und auch oft nicht glauben, äußern zu können, was sie brauchen und warum sie sich so und nicht anders verhalten. Auch die Enge in den Sammelunterkünften und Angst vor den Folgen, wenn heikle Informationen dort gestreut würden, hielten sie ab, sich zu öffnen: „Würde ich mit ihr über meine Probleme mit meinem Mann sprechen“, sagte eine geflüchtete Frau über ihre Helferin im Interview, „dann hätte sie vielleicht ein anderes Bild von mir. Ich möchte lieber nicht drüber sprechen; es ist besser, wenn ich gar nicht drüber spreche.“

Wie Helfen den Kiez glücklich macht

Sprachlosigkeit scheint ein wesentliches Problem beider Seiten zu sein. Die geflüchteten Frauen sind, wie sich in den Interviews zeigte, deshalb hochmotiviert, rasch Deutsch oder doch Englisch zu lernen, soweit sie es noch nicht können. Die Helferinnen schweigen oft über ihre Enttäuschung über die Geflüchteten hinweg oder wagen es nicht, sie auf ihre Kriegs- und Fluchterlebnisse anzusprechen, obwohl sie sich das oft wünschen. Auch dass die Helferinnen die Frauen „erziehen“ wollten, zu Werten wie Geschlechtergleichheit oder auch nur Pünktlichkeit, hindere den Austausch.

Die Geflüchteten wünschten sich, wenn es um Werte geht, Kontakte auf Augenhöhe. Das Forschungsteam des BIM empfiehlt dagegen Gespräche, die von Fachleuten moderiert werden. So könnten vertraute Beziehungen entstehen, die wesentlich für die Integration der Flüchtlinge seien. Auch regelmäßiger Austausch zwischen Profis und Ehrenamtlichen sei nötig, um Konflikten vorzubeugen und schlicht Informationsfluss zu garantieren. Und gerade für geflüchtete Frauen seien Gemeinschaftsunterkünfte hoch belastend.

Das Team fand aber auch heraus, dass Integration auf beiden Seiten stattfinden kann: Eine ehrenamtliche Neu-Berlinerin berichtete, dass sie als Helferin schneller Anschluss in der Stadt fand, andere entdeckten, dass sie Berlin neu kennenlernten oder dass in ihren Kiezen durch die Flüchtlingshilfe ein Gemeinschaftsgefühl entstand.

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