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  • 09.05.2018
  • von Solveig Schuster

Illegaler Abfall in Potsdam-Mittelmark: Umweltprobleme und tonnenweise Müll

von Solveig Schuster

Billig entsorgt, teuer für die Umwelt. Illegal abgelegter Müll wird im Landkreis Potsdam-Mittelmark immer mehr zum Problem. Neben den Kosten, die dem mittelmärkischen Abfallbetrieb dadurch zusätzlich entstehen, gefährden die Abfälle Mensch und Tier. Dies gilt insbesondere für Plastikpartikel, die in Boden und Wasser gelangen. Foto: A. Klaer

Der Abfallbetrieb und die Behörden sind immer mehr mit illegalen und falschen Ablagerungen beschäftigt. Das wird zunehmend zum Umweltproblem.

Potsdam-Mittelmark - Mit vier Tonnen Altmüll im Bauch schleppt sich ein Müllfahrzeug auf einer Routinefahrt durch Ferch. Plötzlich schlagen dicke Rauchschwaden aus der Heckklappe des Containers. Im Papierbehälter haben sich Druckgase falsch eingeworfener Spraydosen entzündet. Die Feuerwehr rückt an. Das in der Jahresbilanz des mittelmärkischen Entsorgers APM aufgeführte Beispiel ist kein Einzelfall. Erst vor wenigen Tagen waren es Gartenabfälle, abgeladen in einem Wald bei Niemegk, die einen Einsatz der Wehr auslösen. Wieder hatte sich der Müll selbst entzündet.

Brände sind nur eine Folge falsch oder illegal entsorgten Abfalls, der vielerorts und immer häufiger neben der Feuerwehr auch die Behörden und den Abfallbetrieb beschäftigt. Allein im Jahr 2016 sind laut der APM-Abfallbilanz im Landkreis Potsdam-Mittelmark mehr als 800 Tonnen Abfall illegal entsorgt worden. Das waren rund 100 Tonnen mehr als im Vorjahr.

Auch für 2017 ist laut Landkreissprecher Kai-Uwe Schwinzert von einer ähnlich hohen Bilanz auszugehen. Noch lägen keine konkreten Zahlen vor, jedoch ließe sich dies an den anhängigen Verfahren ablesen. Von März 2017 bis März 2018 seien bei der Unteren Abfallwirtschaftsbehörde 94 Anhörungs- und Verwaltungsverfahren wegen illegaler Abfallablagerungen eingeleitet worden, 31 konnten bisher abgeschlossen werden. Oftmals laufen sie jedoch ins Leere. „Aufgrund fehlender Beweislage sind die Verursacher kaum ermittelbar“, erklärt Schwinzert. Wenn doch, drohen teils hohe Geldstrafen. Von Gesetzes wegen können die Ordnungswidrigkeiten mit bis zu 50 000 Euro belegt werden. In den meisten Fällen bleiben Kosten und Entsorgung beim mittelmärkischen Abfallbetrieb hängen. Im Jahr 2016 kostete APM die Räumung illegaler Müllplätze rund 210 000 Euro, das sind rund 20 000 Euro mehr als im Vorjahr.

Müll in Potsdam-Mittelmark: Alle Kommunen sind betroffen

Einen Schwerpunkt gebe es dabei nicht. „Alle Kommunen im Kreis sind gleichermaßen betroffen“, sagt der Landkreissprecher. Dennoch würden bestimmte Orte bevorzugt aufgesucht: Autobahnauf- und abfahrten, Haltebuchten oder leicht zugängliche Stellen in Wald und Flur.

Mit 455 Tonnen entledigen sich die Mittelmärker vorwiegend ihres Haus- und Sperrmülls. Aber auch Altreifen, Elektrogeräte und Bauschutt werden zunehmend in der Natur abgelegt, teils mit gravierenden Folgen. „Durch den Müll können Chemikalien und Schwermetalle wie Blei oder Quecksilber in Böden, Grundwasser oder auch Flüsse und Seen gelangen“, warnt Michael Jedelhauser, Referent Kreislaufwirtschaft beim Naturschutzbund (Nabu). Neben der Gefahr für den Menschen stelle unachtsam weggeworfener Müll auch für die Tiere eine Bedrohung dar. Sie durchsuchten die Müllkippen und nähmen so Abfälle und Schadstoffe auf, erklärt Jedelhauser.

Vor allem Kunststoffabfälle werden immer mehr zum Problem. Mikroskopisch kleine Plastikpartikel gelangen ungehindert in die Gewässer, weil Kläranlagen nicht in der Lage sind, sie herauszufiltern. Sie ziehen hochgiftige Schadstoffe an, werden über den Klärschlamm auf Felder aufgebracht oder verbreiten sich über Flüsse und Seen bis in die Meere.

Die schwere Hypothek des Müllbarons

Im großen Stil waren solche Abfälle zwischen 2005 und 2008 in stillgelegten DDR-Deponien im Kreis in mehr oder weniger geschredderten Abfallfraktionen abgelagert worden. Mehr als 160 000 Tonnen Siedlungs- und Gewerbeabfälle soll der als Müllpate bekannt gewordene Recycling-Unternehmer Bernd R. in dieser Zeit auf sechs Dorfmüllkippen in Altbensdorf, Zitz, Rogäsen, Wollin, Mörz und Schlamau sowie in der Sand- und Kiesgrube im Beelitzer Ortsteil Schlunkendorf illegal vergraben haben. Ursprünglich sollte er sie mit Bauschutt versiegeln und renaturieren (PNN berichteten).

Dem Landkreis hinterließ der Müllbaron eine schwere Hypothek. Mit der Altdeponie in Mörz (Amt Niemegk) konnte bisher erst einer dieser illegalen Müllstandorte komplett geräumt und saniert werden. Die Müllkippe wurde zwischen 2014 und 2015 für rund 600 000 Euro saniert. In den anderen Deponien und in der Sand- und Kiesgrube Schlunkendorf steht dieser Schritt nach Angaben des Landkreises noch an. Die Sanierung werde derzeit rechtlich und technisch vorbereitet, heißt es. Alle Standorte würden aber umfassend überwacht, etwa durch ein Grundwassermonitoring und Deponiegasmessungen. Die Sanierungskosten sind enorm: Allein für die Kiesgrube Schlunkendorf, wo rund 30 000 Tonnen illegaler Abfall lagern sollen, fallen rund sechs Millionen Euro an.

Fliesen- und Keramikabfälle, teils auch ganze Betonklötze im Restmüll

Neben den illegalen Ablagerungen in Wald und Flur ist für den mittelmärkischen Abfallbetrieb vor allem auch die falsche Müllzuordnung in den bereitgestellten Tonnen ein Problem. 2016 gab es diesbezüglich im Landkreis 31 Bußgeldverfahren. Die Mitarbeiter fischten Fliesen- und Keramikabfälle, teils auch ganze Betonklötze aus dem Restmüll. Noch beliebter sei es, in der blauen Papiertonne zwischen Pappe und Kartonagen Restmüll und Fremdmaterialien zu verstecken. Neben entzündbaren Spraydosen, wie jene, die in Ferch den Feuerwehreinsatz auslösten, finden sich auch in Papiertonnen häufig Dämmstoffe und Baumischabfälle. Auch eine Bowlingkugel und Teile eines Grabsteins sollen schon darunter gewesen sein. Dabei gäbe es für jede Abfallart eine legale, teils auch kostenfreie Entsorgungsmöglichkeit, etwa im Wertstoffhof, mahnt APM.

Zudem würden durch illegale Ablagerungen Ressourcen verschwendet, da der Abfall der Wiederverwertung entzogen wird, sagt Nabu-Referent Michael Jedelhauser. Als Gründe dafür, dass Leute ihren Müll nicht in den vorgesehenen Tonnen abladen, werden oft zu hohe Müllgebühren genannt, weiß er. Ein solcher Zusammenhang sei wissenschaftlich bislang aber nicht belegt, so der Experte.

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Hintergrund: Müllpolizei Barnim

Wie ein Vorfall aus dem letzten Sommer zeigt, bleibt der Müll aus Mittelmark nicht immer im eigenen Kreis. Im vergangenen Juni waren in einem Waldstück bei Bernau (Barnim) etwa 20 Kisten mit augenscheinlich aus Beelitz stammendem Spargel entdeckt worden. Wie das Internet-Portal „Bernau live“ berichtete, waren die rund 100 Kilogramm nebst einigen Erdbeeren samt Plastikfolie und Verpackung nahe einem kleinen Weg in den Wald geworfen worden. Absender und genaue Herkunft konnten zwar nicht geklärt werden, aufgrund der Aufschrift auf den Kartons ging das Portal aber davon aus, dass der Spargel in Beelitz seinen Ursprung hatte, sagte ein Mitarbeiter den PNN. Der Qualität nach sei die Ware nicht mehr verkäuflich gewesen, erklärte er. Ungewöhnlich ist der Vorfall nach Angaben einer Sprecherin der Stadt aber nicht. Auch dort werde bergeweise Müll von Bauschutt bis zu Möbeln illegal entsorgt. Um der Lage Herr zu werden, hat der Landkreis Barnim im letzten Jahr eine Müllpolizei ins Leben gerufen, die seitdem gezielt nach Umweltsündern sucht. 

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