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  • 13.03.2018
  • von Eva Schmid

Ärger um Auszug aus Heim: Teltow: Flüchtlinge zahlen 700 Euro für ein Zimmer

von Eva Schmid

Auszug. Nur noch auf zwei Etagen sollen Flüchtlinge in Teltow wohnen. Foto: A. Klaer

Asylbewerber müssen zum Teil nach Bad Belzig ziehen. Anerkannte Flüchtlinge sollen hohe Mieten für den Verbleib im Flüchtlingsheim zahlen.

Teltow - Es sind Tage der Ungewissheit: Im Teltower Flüchtlingsheim in der Potsdamer Straße stehen die Zeichen auf Umbruch. In weniger als drei Wochen werden etwa die Hälfte der noch verbliebenen 160 Bewohner des Männerwohnheimes auf andere Heime verteilt. Nicht für alle gibt es Platz in den Unterkünften in Stahnsdorf oder der Teltower Oderstraße. Rund 40 Flüchtlinge sollen voraussichtlich nach Brück ziehen, weitere nach Bad Belzig und Neuseddin. Erst am Freitag dieser Woche soll bekanntgegeben werden, wer wohin umziehen muss.

Die andere Hälfte der Bewohner, die mittlerweile anerkannt sind und Anspruch auf eine eigene Wohnung haben, können in dem Teltower Heim wohnen bleiben. Jedoch zu einem hohen Preis: Der Vermieter, die Berolina Hotels GmbH, verlangt für einen Platz in einem etwa 20 Quadratmeter großen Doppelzimmer mit Gemeinschaftsküche und -bad rund 350 Euro monatlich. Pro Zimmer kassiert der Vermieter somit 700 Euro. Das ist selbst für Teltower Verhältnisse viel. Bestätigt wird das auch von Kreissprecher Kai-Uwe Schwinzert, der von einer „vergleichbar hohen Miete“ spricht.

Bewohner wollen wissen: Wer zahlt die Miete, falls man den Job verliert?

Für viele der anerkannten Flüchtlinge in Teltow ist die Zukunft damit ungewiss. Sollen sie bleiben und den teuren Preis bezahlen und schaffen sie es, mit dem teils schmalen Verdienst ihren Lebensunterhalt zu bestreiten? Oder sollen sie sich lieber anderswo eine eigene Wohnung suchen? Es herrsche große Verunsicherung, beschreibt Claudia Rashied vom Freundeskreis Teltow die derzeitige Lage im Flüchtlingsheim. Seit Monaten gebe es Gerüchte, dass das Heim aufgegeben werde. „Aber niemand weiß etwas Genaues, noch nicht einmal die Heimkoordinatorin“, so Rashied. Zwar habe es vergangene Woche eine Vollversammlung gegeben, bei der die Bewohner über die neue Situation informiert wurden. Doch laut Rashied hat das bei vielen Geflüchteten nur zu mehr Verwirrung geführt.

Umtreiben würde die Bewohner unter anderem die Frage, ob das Sozialamt die hohe Miete zahlen würde, wenn man seinen Job verliere. „Viele haben auch Angst, sich selbst überlassen zu werden.“ Rashied ist zusammen mit weiteren fünf Mitgliedern des Vereins einmal pro Woche vor Ort, um Deutsch zu unterrichten. Seit Eröffnung des Heims vor vier Jahren hat sie die Entwicklung miterlebt. Und ist über die Auszugspläne verärgert. Auch weil dem Vernehmen nach der Vermieter bereit gewesen wäre, den Mietvertrag mit dem Landkreis über den Sommer hinaus zu verlängern. Die Berolina Hotels GmbH wollte sich dazu öffentlich nicht äußern. Offiziell endet das Mietverhältnis wie berichtet zur Jahresmitte.

Auf die Bitte, das Heim weiterhin offen zu halten, hat niemand geantwortet

Mit einem Protestbrief, der den PNN inzwischen vorliegt, hat sich der Freundeskreis bereits vor Wochen an die Politik gewendet. Bisher ohne Erfolg. Verschickt wurde das Schreiben mit der Bitte, das Heim weiterhin offen zu halten, an den Teltower Bürgermeister Thomas Schmidt, Landrat Wolfgang Blasig, Ministerpräsident Dietmar Woidke (alle SPD) und Sozialministerin Diana Golze (Linke). Keiner habe darauf geantwortet, so Rashied. Für sie geht es darum, gut funktionierende Strukturen zu erhalten.

Nach vier Jahren seien die Flüchtlinge in der Region wirklich angekommen, viele von ihnen gut integriert. Der Freundeskreis will die Offenhaltung des Heims, „um den Bewohnern mit ihrem Bedürfnis nach Sicherheit und nach schrittweiser Eingliederung weiterhin die Begegnung mit Freunden, Bekannten, Paten und Unterstützern in der Region Teltow - Kleinmachnow - Stahnsdorf zu ermöglichen“. Eine Schließung, so heißt es in dem Brief, würde für viele Bewohner – besonders für die, die nach Brück oder Bad Belzig umziehen – bedeuten, wieder von vorne anzufangen.

Die acht Heime im Landkreis sind derzeit nur zur Hälfte besetzt

Der Kreis indes verweist auf seine Zuwanderungsstrategie, bei der es auch darum gehe, anerkannten Flüchtlingen geeignete Wohnungen anzubieten. Da es in Teltow und Umgebung aber nur sehr wenige dieser Wohnungen gebe, solle das bisherige Heim nun „in anderer Form weiter zur Unterbringung dienen“, wie es jüngst in einer Pressemitteilung des Kreises hieß. Mit diesem Vorhaben ist die Verwaltung aus dem Schneider: Sie hat einerseits versucht, Wohnraum zu vermitteln in einer Region, in der dieser sehr knapp ist. Andererseits baut sie mit der Aufgabe des Teltower Heims nicht mehr benötigte Kapazitäten ab, die sonst unnötige Kosten verursachen würden. Wie berichtet sind die insgesamt acht Heime im Landkreis derzeit nur zur Hälfte besetzt.

Zwar will Potsdam-Mittelmark in diesem Jahr 700 neue Flüchtlinge und damit erstmals wieder etwas mehr als in den Vorjahren aufnehmen, jedoch funktioniere das auch mit weniger Heimen. Nicht zuletzt soll bald auch das kreiseigene Sens-Convent Hotel in Michendorf zur Verfügung stehen, das bis zu 220 Geflüchteten Platz bietet. Nach wie vor ist aber unklar, wann der Einzug stattfindet.

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Hintergrund: Wieviel Flüchtlinge für ihr Bett zahlen

Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften leben und einer Arbeit nachgehen oder Transferleistungen beziehen, sollen zum Teil für die Kosten ihrer Unterbringung aufkommen. So liegen in Potsdam die durchschnittlichen Kosten bei rund 230 Euro, im Landkreis Potsdam-Mittelmark bei durchschnittlich 216 Euro. Die grüne Fraktion im Brandenburger Landtag hat im vergangen Jahr faire Nutzungsgebühren beantragt. Hintergrund waren zum Teil völlig überzogene Preise von bis zu 620 Euro monatlich für ein Bett im Mehrbett-Zimmer. Die Preise sollten in einem angemessenen Verhältnis zu der Wohnsituation stehen, so die Forderung der Grünen. Im Teltower Fall sind die jetzt fälligen Preise nicht auf einer Satzung des Kreises basierend. Die Kreisverwaltung hat bei der Preisgestaltung im Heim in der Potsdamer Straße kein Mitspracherecht mehr, da sie das Mietverhältnis bis zum Sommer beendet. 

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