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Stahnsdorf

  • 27.01.2018
  • von Julia Frese

Stahnsdorf: Lernen von Amru und Najib

von Julia Frese

Im Dialog. Der Afghane Najib Mohammad stellt sich den Fragen der Stahnsdorfer Schülerin Helena. Das Projekt stammt von der Potsdamer Stiftung für Engagement und Bildung. Foto: M. Thomas

Miteinander statt übereinander reden: Was zwei Flüchtlinge am Stahnsdorfer Gymnasium den Schülern mit auf den Weg geben.

Stahnsdorf - Die Siebtklässlerin Helena ergänzt noch schnell ein paar Worte auf dem Plakat zur Balkanroute. Da ruft Daniel Smith, Mitarbeiter der Potsdamer Stiftung für Engagement und Bildung auch schon, dass die Gruppe nun ihre Arbeitsergebnisse präsentieren sollen. Das Projekt „Lernen mit Kati und Jibran“ am Vicco-von-Bülow-Gymnasium in Stahnsdorf ist ein bisschen wie Schulunterricht, aber doch ganz anders. Denn die Informationen, die Helena, Kimberly und Vanessa auf ihrem Plakat grafisch umgesetzt haben, stammen nicht aus Schulbüchern, sondern aus erster Hand.

In den vergangenen fünf Tagen haben die zehn Teilnehmerinnen des Projekts Dokumentarfilme gesehen, in Rollenspielen eine Flucht nachgestellt, eine Potsdamer Flüchtlingsunterkunft besucht und an der Stadtführung „Geflüchtete zeigen ihr Berlin“ teilgenommen. Vor allem aber haben sie den 25-jährigen Afghanen Najib Mohammad und den 21-jährigen Syrer Amru Abd Almahmoud mit Fragen gelöchert.

Die beiden Männer sind vor rund zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet und geben als Mitarbeiter der Potsdamer Stiftung für Engagement und Bildung regelmäßig Auskunft über die Gründe dafür. Über freundschaftlichen Kontakt mit Christian Kramer, der sich seit einigen Jahren in der Flüchtlingshilfe engagiert, kamen die beiden zu der Stiftung. „Die Schüler fragen zum Beispiel, warum in Afghanistan Krieg herrscht und was ich auf der Flucht erlebt habe. Aber auch, was man in Afghanistan zum Frühstück isst“, erzählt Najib Mohammad, der in seinem Heimatland als Journalist arbeitete.

Das Projekt hat die Potsdamer Stiftung, die bis vor Kurzem Stiftung Partnerschaft mit Afrika hieß, bereits im September vergangenen Jahres initiiert. „Unser Ziel ist, dass deutsche Jugendliche und geflüchtete Menschen sich direkt begegnen und einander kennenlernen können“, sagt der Projektverantwortliche Christian Kramer. „So redet man miteinander anstatt übereinander.“ Die Fragen, die die Jugendlichen den Geflüchteten stellten, seien oft sehr persönlich und detailliert, sie gingen sehr offen und ohne Scheu an das Thema heran.

Bisher war die Stiftung mit dem Projekt, das auch vom Bildungsministerium des Landes gefördert wird, an vier Brandenburger Schulen zu Gast. Bis April stehen vier weitere Schulbesuche im Terminkalender: die Morus-Oberschule in Erkner, die Sportschule in Potsdam sowie das Einstein-Gymnasium und die Theodor-Fontane-Oberschule, ebenfalls beide in Potsdam.

Normalerweise sei das Projekt auf drei Tage angelegt, an einigen der Schulen muss es aber auf einen oder zwei Tage verkürzt werden, weil nicht mehr Zeit im laufenden Unterricht freigeschaufelt werden könne, sagt Kramer. Das Vicco-von-Bülow-Gymnasium ist bisher die einzige Schule, die das Projekt auf fünf Tage ausgeweitet habe. „Wir passen die Inhalte an die Zeit an, die uns zur Verfügung steht“, erklärt Kramer. „Die beiden Ausflüge ins Flüchtlingsheim am Brauhausberg und zur Stadtführung nach Berlin haben wir an dieser Schule zum ersten Mal gemacht.“

Gedacht sei das Projekt in erster Linie für den Sekundarbereich I und II, sagt Kramer. Allerdings seien sie auch schon an einer Grundschule in Brück zu Gast gewesen – aus gegebenem Anlass. Anders als am Vicco-von-Bülow-Gymnasium gab es an der Grundschule auch einige geflüchtete Schüler. Zwischen ihnen und den deutschen Schülern habe es allerdings großes Misstrauen gegeben.

„Die Kinder waren in der Regel nur für einige Monate an der Schule, ehe sie in eine andere Flüchtlingsunterkunft umzogen sind“, so Kramer. Sie hätten kaum Deutsch sprechen und daher auch nichts von sich erzählen können. Der junge Syrer Amru Abd Almahmoud indes konnte vermitteln, indem er übersetzte. Dabei sei es anfangs um ganz profane Fragen gegangen, erzählt Kramer. Zum Beispiel wer wie lange die Schaukel auf dem Schulhof benutzen dürfe.

In Stahnsdorf ist die Situation anders: Hier sitzen keine geflüchteten Schüler in den Klassenzimmern. Gerade deshalb sei man am Vicco-von-Bülow-Gymnasium dankbar für die Einblicke, die sie durch Najib und Amru bekommen, so der Projektleiter. „Ich habe schon so viel über Flüchtlinge in den Nachrichten gesehen“, sagt die 13-jährige Eva. Sie hat das Projekt als ihren Erstwunsch für die Projektwoche angegeben. Der Grund: „Ich wollte ihre Geschichte lieber von ihnen selbst hören“, sagt die junge Schülerin. „Wie geht es ihnen, wie sind sie hergekommen?“ Ihre Geschichte aus ihrer Perspektive – ganz einfach.

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