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  • 13.11.2017
  • von Sarah Stoffers

Friedhofsführung: Um Leben und Tod

von Sarah Stoffers

Gar nicht gruselig. Beim Rundgang über den Friedhof will Olaf Ihlefeld die Kinder behutsam ans Thema Sterben heranführen. So erzählt er den Kindern, wie das Mausoleum zu seinem Namen kam und führt sie auch in die Grabkammern hinunter. Bei der bis zu zweistündigen Führung lernen sie den Großteil des Friedhofes kennen und besichtigen auch die Norwegische Stabkirche, die zentrale Friedhofskapelle. Fotos: Ronny Budweth

Wie Kinder auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof bei speziellen Führungen die Scheu vor Gesprächen über den Tod verlieren sollen.

Stahnsdorf - Neugierig stehen die Kinder unter der mit tausenden kleinen Mosaiksteinen verzierten Kuppel des Mausoleums und lassen sich von Olaf Ihlefeldt die vielen Bilder und Symbole erklären. „Ich gebe euch einen Tipp. Das da soll den Frühling darstellen“, sagt Ihlefeldt mit einem Fingerzeig auf eines der bemalten Fenster. Was die anderen Bilder dann wohl darstellen? „Sommer, Herbst und Winter“, rufen alle Kinder gemeinsam. „Genau. Das steht für unser Leben“, sagt Ihlefeld, der Verwalter des Stahnsdorfer Südwestkirchhofes, am Samstag bei einer Friedhofsführung.

Seit 2007 gibt es auf dem Friedhof Touren für Kinder und Jugendliche, die ihnen die Bestattungskultur näherbringen sollen. Zwei im Herbst und zwei im Frühsommer. Hinzu kommen jährlich knapp 20 Rundgänge mit Kitagruppen und Schulklassen. Der 50-jährige Friedhofsleiter möchte mit seinen Führungen dagegen angehen, dass der Tod in unserer Gesellschaft tabuisiert wird. Dazu gehört für Ihlefeldt auch, dass junge Menschen mit dem Thema in Berührung kommen. „Für mich ist es wichtig, dass die Kinder früh mit mehr Selbstverständlichkeit den Tod wahrnehmen und nicht nur über Horrorbilder aus dem Fernsehen damit konfrontiert werden. Der Tod gehört nun einmal zu unserem Leben dazu“, sagt Ihlefeldt.

Mit Einfühlungsvermögen und Humor

Warum heißt der Friedhof eigentlich Friedhof? Ihlefeld erklärt den Kindern, dass das Wort von Einfriedung, also dem das Totenfeld umgebenden Zaun stammt. Mit viel Einfühlungsvermögen und einer Prise Humor beweist Olaf Ihlefeldt, dass man vor einem Friedhof und seinen Gruften keine Angst haben muss. „Das heißt Mausoleum. Schon gehört?“, fragt er beim Grab der Familie Duisberg. Mit Mäusen habe das nichts zu tun. „Und da sind auch keine drin.“ Vielmehr gehe das Wort auf den reichen persischen Stadthalter Maussolos zurück, der sich als Grabstätte ein eigenes, reich verziertes Haus errichten ließ.

Mit den schweren Themen Tod und Trauer geht der Verwalter bei der Führung eher spielerisch um. Die Kinder sollen mitraten, mitmachen und ihre eigenen Ideen einbringen. So legen sie bei der etwa eineinhalb- bis zweistündigen Wanderung über den Friedhof allmählich ihre Scheu und Zurückhaltung ab und lernen ganz nebenbei etwas über Begräbniskulturen, religiöse Besonderheiten, die Geschichte des Südwestkirchhofs und einige der Persönlichkeiten, die in Stahnsdorf begraben liegen.

Kinder gehen natürlich mit dem Thema um

Der 1909 eröffnete Südwestkirchhof ist mit seinen 206 Hektar der zehntgrößte Friedhof weltweit. „Das sind etwa 200 Fußballfelder“, erklärt Ihlefeldt den Kindern. 120.000 Menschen haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Darunter Prominente, wie der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau, der mit seinem „Nosferatu“ Filmgeschichte schrieb, der Architekt Walter Gropius, Verlagsgründer Gustav Langenscheidt oder Schauspieler Manfred Krug.

„Liegen auf einem Friedhof nur alte Menschen, die 90 oder 100 geworden sind?“, fragt Ihlefeldt die Kinder. „Nein, manche sterben auch früher durch Krankheiten“, antwortet die neunjährige Josephine. Sie habe schon früher den Wunsch gehabt, einmal einen Friedhof zu erkunden, sagt ihr Vater Mirko Reinicke aus Potsdam. Auch einige andere Eltern erzählen, dass die Kinder von sich aus auf den Friedhof wollten. „Ich glaube, die Kinder gehen recht natürlich mit dem Thema um“, sagt Martina Freydank aus Stahnsdorf, die mit ihrer Tochter Marie da ist. Sie habe gehört, dass die Führungen gut sein sollen. Beide Urgroßmütter von Marie seien gestorben. Ihre Tochter hätte einige Fragen dazu gestellt und den Wunsch geäußert, den Friedhof zu besuchen.

„Geht es euch jetzt ganz doll schlecht?“

Vorbei an alten Holzkreuzen, auf denen die Namen der Verstorbenen kaum noch zu lesen sind, kunstvoll verzierten Steinplatten, Engelsfiguren, Blumen und Kerzen geht es auf dem dicht bepflanzten Friedhof von Grab zu Grab. An einer Wiese, auf der 2000 Menschen begraben sind und einige Blumensträuße verteilt liegen, fragt Ihlefeldt, was das wohl sein könnte. „Mehrere Gräber?“, fragt der zwölfjährige Oskar, der mit seiner Schwester Emily und seinen Eltern aus Berlin da ist. Ihlefeld erklärt, dass dort einst Menschen anonym bestattet wurden, der Friedhof das aber nicht mehr macht – weil eben doch Blumensträuße oder Teddybären abgelegt würden und Menschen um ihre Toten trauern wollen. „Geht es euch jetzt ganz doll schlecht?“, fragt Ihlefeldt am Schluss der Führung. Die Kinder verneinen und gehen fröhlich an Gräbern vorbei in Richtung Ausgang.

Die nächste Kinder- und Jugendführung wird es im Mai 2018 geben, Gruppen können sich aber jederzeit unter www.suedwestkirchhof.de anmelden

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