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Werder

  • 18.04.2017
  • von Julia Frese

Petzow: Ein Dorf von relativ absoluter Schönheit

von Julia Frese

Anziehungspunkt. Das Schloss Petzow liegt mitten im von Lenné angelegten Park am Ufer des Schwielowsees. An den Wochenenden fährt dort alle zwei Stunden ein Bus hin, in der Woche noch unregelmäßiger. Parkplätze für Besucher gibt es aber kaum. Auch sind die Sichtachsen nicht immer freigeschnitten. Foto: Andreas Klaer

Karl-Heinz Friedrich hat ein Buch über die Geschichte Petzows geschrieben. Heute fehlen ihm Sichtachsen.

Werder (Havel) - Wer im Schlosspark Petzow um den Haussee spaziert, fühlt sich an vielen Stellen zurückversetzt in vergangene Jahrhunderte. Das Andenkenhaus erinnert an die Gutsherren Karl und August Kaehne, die die Gestaltung des Parks durch Peter Josef Lenné im 19. Jahrhundert förderten. Das alte Waschhaus mit dem rötlich-gelben Mauerwerk ist Zeugnis dessen, wie viel Aufwand es einst erforderte, die Kleidung des Adels sauber zu halten. Über all dem thronen die Kirche und das Schloss, in dem die Gutsherren Kaehne seit 1814 residierten. Karl-Heinz Friedrich ist der Geschichte Petzows nun auf den Grund gegangen. Der Vorsitzende des Heimatvereins hat in dem Buch „Petzow: Relativ absolut“ zusammengetragen, was die Archive zur Ortsgeschichte hergaben. Vor drei Jahren hat Friedrich bereits ein Buch über die Gutbesitzerfamilie Kaehne geschrieben.

„Es ist erstaunlich, was so ein kleines Nest an deutscher Geschichte in sich vereinigt“, sagt Friedrich. Über Jahrhunderte war Petzow ein eigenständiges Dorf mit nur wenigen Hundert Einwohnern, erst 1929 wurde es zu einem Ortsteil Werders. „Petzow war sehr beliebt bei den Preußenkönigen, viele machten hier auf ihren Reisen Rast, um sich in der schönen Umgebung zu erholen“, sagt Friedrich. Besonders angetan von dem Dorf Petzow war auch der Schriftsteller Theodor Fontane, der auch die Titelinspiration für Friedrichs Buch lieferte. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ schrieb Fontane über Petzow: „Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil; nicht von relativer Schönheit, sondern absolut.“

Die nichtadligen Bewohner des Ortes arbeiteten im 19. Jahrhundert zumeist in Ziegeleibetrieben, etwa jenem des Rittergutbesitzers Emil Müntmann. Im 20. Jahrhundert wurde die ehemalige Ziegelei zur Villa Berglas. Eigentlich für einen Filmproduzenten erbaut, musste das Gebäude bald zwangsversteigert werden. Der jüdische Fabrikant Alfred Berglas aus Berlin bekam 1932 den Zuschlag für rund 80 000 Reichsmark.

Im Jahr 1938 dann enteigneten die Nationalsozialisten den Besitzer. Berglas schafft es immerhin noch, mit seiner Familie zu fliehen. Über Umwege gelang das Haus schließlich nach dem 2. Weltkrieg an den DDR-Schriftstellerverband, der die Villa als Arbeits- und Erholungsstätte für Schreiber nutzte. Christa Wolf, Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann gehörten in jener Zeit zu den Gästen.

Karl-Heinz Friedrichs Interesse an der Historie Petzows kommt nicht von ungefähr. Bis vor wenigen Jahren hat der 67-Jährige als Archivar gearbeitet, zuletzt im Militärarchiv in Potsdam, bis zur Wende im Bundesarchiv in Berlin. „Mein Beruf hat mich bis zum letzten Tag fasziniert“, sagt Friedrich. Einfach aufgeben wollte er seine Tätigkeit darum als Rentner nicht. Da er bereits seit einigen Jahren im Heimatverein Petzow tätig ist, der im Waschhaus ein historisches Museum betreibt, entschloss sich Friedrich zu seinen Recherchen. „Wir wollten im Museum mehr als nur das Übliche erzählen können und auch mal tiefer in die Themen einsteigen“, so der frühere Archivar. Die Erlöse aus den Buchverkäufen fließen ausschließlich der Vereinskasse zu.

Seit einigen Jahren wohnt Friedrich auch selbst im Ort. Die malerische Schönheit Petzows habe ihn überzeugt – weniger dagegen die Verkehrsanbindung. Da Busse von Petzow aus nur sporadisch verkehrten, sei man auf das Auto angewiesen. Parkplätze für Touristen gebe es aber kaum. Auch mit dem Zustand des Schlossparks ist Friedrich unzufrieden. Seit einer Gehölzkartierung Ende der 1980er sei nicht mehr viel passiert, um den Park in Stand zu halten. „Selbstverständlich gibt es einen Gärtner, der hier nach dem Rechten sieht und das Gröbste erledigt“, so Friedrich. Aber für nur eine Person sei es eine nahezu unmögliche Aufgabe, das einst so prachtvolles Kunstwerk Lennés zu erhalten.

Der preußische Gartenkünstler ist als Büste am Ufer des Haussees verewigt. „Er würde bei diesem Anblick aber vermutlich bittere Tränen weinen“, so der Vorsitzende des Petzower Heimatvereins. Lenné habe viel Wert auf Sichtachsen gelegt. „Aber davon ist heute nicht mehr viel übrig.“ Die Kirche sei von fast jeder Position am Hausseeufer aus in Teilen von Zweigen verdeckt, ebenso versperrt sei die Sichtachse auf den Schwielowsee. Bäume würden gefällt und als Stümpfe stehen gelassen, ohne dass ein Plan erkennbar sei, was langfristig mit ihnen geschehen solle. Kurz: Es ließe sich nach Friedrichs Meinung optisch deutlich mehr aus dem geschichtsträchtigen Ort herausholen. „Petzow braucht eigentlich gar keine Werbung, seine Schönheit zieht Besucher von ganz allein an.“ Umso wichtiger sei es jedoch, dieses Potenzial in die richtigen Bahnen zu lenken.

Karl-Heinz Friedrich: Petzow. Relativ absolut. Eine historische Zeitreise. Paperback, 216 Seiten, BoD-Verlag, Norderstedt 2017, ISBN 978-3-7431- 9258-4. 18,90 Euro, im Handel und im Waschhaus Petzow erhältlich

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