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Werder

  • 20.03.2017
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Bismarckhöhe zeigt Werke von Claudia von Rohr: Weltkalt und farbwarm

von Gerold Paul

Werder (Havel) - In Zeiten, wo Welt und Mensch immer gläserner werden, möchte eigentlich keiner ungefragt im Blitzlicht stehen. Und doch geschieht es, mal nach Paparazzi-Art, oder noch ganz anders. Die Hannoveraner Malerin Claudia von Rohr hat dieses unangenehme Phänomen zu ihrem eigenen Fokus gemacht, denn dies gläserne Zeitalter biete ja „immer weniger Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre“. Mit der Ausstellung „Im Fokus“ ist ihr jüngst die Ehre zuteilgeworden, die neue Saison im Turm der Werderaner Bismarckhöhe zu eröffnen, bevor man dort mit einem Dreierpack in die Feierlichkeiten zum 700. der Stadt geht.

Für die Besucher hat die Malerin sicherheitshalber ein altes und ein neues Statement hinterlegt, zu lesen inmitten einer kompakten und trotzdem stimmigen Hängung. Sie stellt Fragen an sich, an Umwelt und Gesellschaft, denn jeder spürt längst, dass nichts so bleibt, wie es mal war. Was erwarten wir, was erwartet uns, fragt sie, immer wieder das erste Pluralis-Pronomen nutzend: „Man wird zunehmend beobachtet, ungefragt abgelichtet und gar überwacht...“ Warum nur? Von diesem Fragen und Antwortsuchen nach heutiger und der späteren Humanität handeln alle ausgestellten Exponate, gemalt oder gezeichnet, oder beides. Sie erzählen vom Menschen, und sie zeigen Menschen, das ist besonders erwähnens- und schätzenswert am Ende der Moderne.

Das Alltägliche also „im Fokus“, im eigenen wie im Fokus der Macht. Da ist zum Beispiel ein Platz, auf dem laufen Leute hin und her. Sie werden durch die Jalousien eines Fensters beobachtet, längst hat ein Spot sie fixiert. Bei einem anderen Bild dasselbe Raster, nur senkrecht diesmal nach Art eines Gitters. Im Fokus oder Visier sieht die Malerin auch fliehende Familien aus einer flammenden Welt. Zwei Richtungen sind möglich: Hier bewegen sich die Figuren auf den Betrachter zu, auf anderen Arbeiten sieht man sie zum Horizont hin streben. Die Bildgründe sind präpariert und gemalt, die Menschen mit Kreiden oft nur als Umriss hineingezeichnet. Das gibt den meist fahl gehaltenen Bildern etwas Vorläufiges, Schemenhaftes, Fugales, dazu eine deutlich unterkühlte Temperierung.

Spots sind kreisrund. Es scheint wie eine Spielerei, wenn Claudia von Rohr genau diese Form zu fliegenden Ballonen oder Blasen macht. Ballone tragen leise und heimlich davon. Sie sind in vielen ihrer Werke zu finden, oft mit Fragen nach Wegen und Ziel verbunden, manchmal flammrot und riesig. Bei „ich bin dann mal weg“ sieht man nur noch zwei Beine, den Rest hat die Blase bereits in sich hineingezogen. „Frei sein“, den argusäugigen Verhältnissen entfliehen, das möchten jene Gruppe Weißgehöhter, die dem Betrachter just ins Ungewisse davonspringt. Alltag ist eben überall im Momente-Rhythmus des Lebens. Neben den eher gedanklich aufgebauten Werken gibt es noch eine Gruppe von Acrylbildern mit bedeutsamer Unschärfe in Sinn und Sein. Hier sind die Farben kräftig, Bewegungen fließend, die Sujets vielsagend und ziemlich dynamisch. Sie sind wärmer, weiträumiger, vieldeutiger.

Auffällige Lebens- und Malkoordinaten also, eine wache Sicht auf die Welt. Experimentelle Ästhetik, Verkopft-Unterkühltes und Herzwarmes dicht beieinander, 21 Bilder im Ganzen. Leider fehlen dem Freundeskreis als Veranstalter noch helfende Hände, um Ausstellungen solchen Formates jedes Wochenende zu bringen. Mitstreiter sind willkommen. Gerold Paul

„Im Fokus!“, bis zum 17. April jeden 1., 3. und 5. Sonntag im Monat, immer ab 14 Uhr; Ostern jeweils 14 bis 18 Uhr

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