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  • 18.03.2017
  • von Enrico Bellin

Ferch: Wo Waldarbeiter wohnten

von Enrico Bellin

Nach Jahren des Verfalls haben Norbert und Sybille Seidel das Waldarbeiterhaus in Ferch hergerichtet. Foto: S. Gabsch

In der Kemnitzer Heide in Ferch können Touristen nicht nur Ruhe genießen, sondern auch Geschichte entdecken – in einem umgebauten Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert.

Schwielowsee - Umgeben von hohen Kiefern steht das geduckte Fachwerkhaus in der Kemnitzer Heide am Rande von Ferch. Nieselregen verschleiert am Freitagvormittag den Blick aus dem Fenster. Im Kamin in der Mitte der geräumigen Wohnküche knistert ein Feuer leise vor sich hin. „Das ist unser Fernseher“, sagt Sybille Seidel mit einem Lachen. Einen echten gibt es in der urigen Wohnung nicht, ebenso wie guten Handy-Empfang.

Sybille und Norbert Seidel haben das denkmalgeschützte Haus aus dem 18. Jahrhundert 2011 gekauft und innerhalb von vier Jahren zu einem Ferienhaus umgebaut. Der Landkreis hat die Geschichte in diesem Monat noch einmal rekonstruiert und als hervorragendes Beispiel dargestellt, wie ein „Denkmal in Not“ gerettet wurde. „Das Grundstück war völlig vermüllt, das Haus verfallen und das Fachwerk an der Straßenseite zugebaut“, erinnert sich Norbert Seidel. „Wir sind oft hier spazieren gegangen und haben Pilze gesucht, da war uns das Haus aufgefallen und irgendwann hing ein ,Zu verkaufen’-Schild am Zaun“, sagt der Bauingenieur, der auch an der Renovierung der Werderaner Bismarckhöhe beteiligt war und mit seiner Frau in Werder wohnt.

So viel wie möglich vom originalen Material wieder verwendet

Öffnet man die Tür des Fachwerkhauses, fällt der Blick auf etwa ein Dutzend Axtköpfe, die im Haus gefunden wurden und nun als Deko an der Wand hängen. Unter ihnen bedecken rote Ziegel den Boden. Sie tragen und das Wappen der Familie von Kaehne und stammen aus deren einstiger Ziegelei im nur wenige Kilometer entfernten Petzow. „Die Ziegel haben wir beim Renovieren in den Wänden gefunden“, so der Bauingenieur. Er habe versucht, so viel wie möglich vom originalen Material wieder zu verwenden.

Wann das Waldarbeiterhaus entstand, ist nicht genau nachzuvollziehen. Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege datiert das Haus auf das 18. Jahrhundert. Die Siedlung Kemnitzer Heide im Wald zwischen Ferch und Klaistow wurde 1745 erstmals urkundlich erwähnt: Die Familie von Brietzke, die das Rittergut im gut 13 Kilometer entfernten Kemnitz besaß, hatte dort Ländereien und deshalb Häuser für ihre Waldarbeiter gebaut, später wohnten dort freie Bauern. In den 20er-Jahren wurde das Haus umgebaut und zu einem Landschulheim für Schülerinnen der Fürstin-Bismarck-Schule in Berlin-Charlottenburg umfunktioniert. „Die Mädchen hatten hier sozusagen Projektwoche im Wald“, so Norbert Seidel. Der Fercher Heimatverein hat die Geschichte des Hauses recherchiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Haus in Gemeindeeigentum über, da der Besitzer aus West-Berlin sich nicht mehr darum kümmern wollte. Schließlich wurde es wieder zum Wohnhaus, teilweise wohnten zwei Familien mit zusammen zehn Kindern dort. „Ich habe nach den Erzählungen der Einwohner inzwischen den Eindruck, dass jeder Fercher in seiner Kindheit mal hier gespielt hat, weil er mit einem der Kinder befreundet war“, so Norbert Seidel. Im Jahr 2007 waren aber die letzten Bewohner aus dem schon lange baufälligen Haus ausgezogen.

Das alte Haus wird mit moderner Technik beheizt

Die Vorbesitzer haben sich Norbert Seidel zufolge kaum um das Haus gekümmert, es nur von innen mit Sperrholz abgedichtet und im Dachgeschoss einfach Lumpen in Lücken gestopft. Wie viel Geld sie in den Umbau investiert haben, wollen die Seidels lieber nicht sagen. Aber aufwendig sei es gewesen: Ein Zimmermann hat zuerst das Dach erneuert, dann die Fachwerkkonstruktion, anschließend hat ein Lehmbauer alle Wände neu verkleidet und gedämmt. Beheizt wird das alte Haus mit moderner Technik: Eine in die Wände eingebaute Heizung wird sowohl durch den Kamin als auch durch eine elektrische Wärmepumpe beheizt, sodass sich die Wärme gleichmäßig verteilt.

In Absprache mit der Denkmalpflege wurden einige Wände weggelassen, um größere Räume zu schaffen. Ausgelegt ist die Wohnung nun für zwei Personen. Gäste, die tagsüber den Wald erkundet haben, können anschließend im Haus auf Entdeckungstour gehen: Ursprünglich bestand es aus zwei Wohnungen mit einer gemeinsamen Schwarzen Küche in der Mitte – einer Küche, in der auf offenem Feuer gekocht wurde und der Rauch ungehindert ins Dachgeschoss zog. Heute steht dort die Heizungstechnik. Eine der früheren Wohnungen beherbergt nun die geräumige Wohnküche. Über dem Herd zeigt ein kleiner blau-weißer Fries, dass schon um 1840 herum Bauern Wert auf schmückende Elemente gelegt haben.

Gemütlichkeit wird großgeschrieben

Auf der anderen Hausseite sind Schlaf- und Badezimmer untergebracht: Eine Badewanne steht frei im Raum, das Wasser strömt aus den wiederverwendeten Rohren der ersten Zentralheizung Ferchs, die beim Umbau zum Landschulheim eingebaut wurde. Gegenüber sind Dusche und Sauna – ein bisschen Luxus mitten im Wald. Wer nach dem Schwitzen noch ein Glas Wein trinken will, muss im Schlafzimmer suchen: Vor dem Bett verdeckt eine Holzklappe eine kurze Leiter zum mehr als einen Meter tiefen Kellerverschlag, in dem der Weinvorrat lagert.

Überhaupt wird Gemütlichkeit im früheren Waldarbeiterhaus großgeschrieben: Dem Kamin gegenüber steht eine riesige Couch. Auf dem Fundament eines früheren Anbaus steht eine mit alten Holzdielen ausgelegte Terrasse mit Blick auf den Wald. „Meist kommen Pärchen her, die einfach die Ruhe genießen wollen und mehrere Tage bleiben“, so Sybille Seidel. 50 Euro kostet die Übernachtung pro Person, bei mehrtägigem Aufenthalt gibt es Rabatte. Einige Gäste buchen lange im Voraus: Für die Feier zum 700. Ortsjubiläum im Juni ist die Wohnung seit Langem gebucht. Führungen durch das alte Haus können deshalb nicht angeboten werden. Passanten können sich aber trotzdem über die Geschichte eines der letzten Fachwerkhäuser im Ort informieren: „Schon jetzt werden wir oft von neugierigen Wanderern oder Radfahrern angesprochen, das geht dann natürlich auch“, so Norbert Seidel. Denn trotz der abgeschiedenen Lage führen der Europawanderweg 11 von der holländischen Küste nach Litauen und der Radfernweg 1 vom Ärmelkanal nach St. Petersburg direkt am Waldhäuschen vorbei durch die Kemnitzer Heide.

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