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Werder

  • 17.03.2017
  • von Holger Catenhusen

700 Jahre Werder (Havel): „Unter dem Krieg enorm gelitten“

von Holger Catenhusen

Wein, Wasser, Werder. Die Blütenstadt feiert in diesem Jahr ihr 700. Jubiläum. Foto: Lutz Hannemann

Klaus Neitmann, Chef des Landeshauptarchivs, spricht im PNN-Interview über die Anfänge von Werder, einen getreuen Vasallen und den Fischzoll.

Herr Neitmann, in diesem Jahr feiert Werder (Havel) den 700. Jahrestag seiner urkundlichen Ersterwähnung. Woher hat die Stadt ihren Namen? Was bedeutet er?

Werder ist ein Begriff, der ursprünglich aus dem Slawischen kommt und Insel meint – in der Regel eine Insel in einem größeren Fluss.

Stichwort Insel: Heute lebt der größte Teil der Werderaner nicht auf der Insel, sondern auf dem Festland. Wie war das wohl vor 700 Jahren?

Für das Jahr 1317, in dem Werder das erste Mal urkundlich erwähnt worden ist, wird man davon ausgehen können, dass alle Werderaner nur auf der Insel gelebt haben. Eine Besiedlung des Festlandes in größerem Ausmaß hat in Werder am westlichen Havelufer erst im 18. Jahrhundert eingesetzt.

Wem gehörte Werder vor 700 Jahren?

Aus einer Urkunde vom 26. August 1317, in der die Verhältnisse Werders relativ ausführlich beschrieben werden, geht hervor, dass der Ort und die Insel bis dahin im Eigentum des Markgrafen von Brandenburg standen. Er hatte die Insel jedoch mit allem Zubehör einem seiner getreuen Vasallen, einem Mann namens Sloteko, verliehen. Wie man anhand seiner häufigen Erwähnung in Urkunden ersehen kann, hatte Sloteko dem Markgrafen Woldemar als treuer Ratgeber gedient.

Und wer von beiden – der Markgraf oder Sloteko – hat 1317 Werder an das Kloster Lehnin verkauft?

Aus der Urkunde geht hervor, dass Sloteko den Ort mit allem, was dazugehörte, also auch mit 46 Hufen Land, dem Kloster Lehnin verkauft hat. Aber da sich der Ort im Obereigentum des Markgrafen befand, war dessen Zustimmung erforderlich. In der Urkunde vom 26. August 1317 hat Markgraf Woldemar dieses Einverständnis erteilt. Man wird aber annehmen dürfen, dass die Initiative zu diesem Kaufgeschäft vom Kloster Lehnin ausgegangen ist.

Warum?

Das kann man sich indirekt aus der Urkunde erschließen. Es sollte offenbar ein anderes Geschäft abgerundet werden, das zwischen dem Markgrafen und dem Lehniner Kloster wenige Monate zuvor, im April 1317, abgeschlossen worden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Kloster große Gewässer vom Markgrafen erworben, also die Havel von Potsdam über den Schwielowsee bis nach Marquardt im Norden. Auch weitere im Umfeld liegende Seen gehörten dazu. Aber der wirtschaftlich entscheidende Punkt dabei war: Das Kloster erwarb zugleich die Fischereirechte in diesen Gewässern. Und Werder, das der Abt und die Mönche im August 1317 dazukauften, lag mittendrin in diesem Gebiet. Hier mussten jetzt die Käufer von Fisch auf dem Markt den Fischzoll für das Kloster entrichten.

Wie viele Einwohner hatte Werder zur Zeit der urkundlichen Ersterwähnung 1317?

Genauere Aufstellungen über die Einwohnerzahl gibt es erst aus dem frühen 17. Jahrhundert. In den 1620er-Jahren wird man wohl von ungefähr 300 Einwohnern ausgehen dürfen.

Wie erging es den Werderanern unter den Markgrafen, bevor der Ort an das Kloster verkauft wurde?

Was sich vor 1317 abgespielt hat, entzieht sich unserer Kenntnis. Wir haben nur archäologische Funde, aus denen hervorgeht, dass es dort schon seit Längerem eine Siedlung gegeben hat, aber unter welchen genauen Umständen die Menschen gelebt haben, wissen wir nicht.

Was änderte sich für die Werderaner mit dem Verkauf ihrer Insel an das Kloster?

Der Abt und die Mönche wurden die neuen Grundherren Werders. Das heißt, die Bewohner des Ortes waren fortan verpflichtet, ihre Dienste und Abgaben dem Kloster zu erbringen. Dazu gehörte beispielsweise der sogenannte Wortzins. Das ist eine Abgabe, die gemeinhin in Städten von den Grundstücks- und Hausinhabern dem jeweiligen Stadtherrn entrichtet werden musste.

Wann wurde Werder das Stadtrecht verliehen?

Es ist eine falsche Vorstellung, anzunehmen, dass es in mittelalterlichen Jahrhunderten, also in dem Zeitraum vom 12. bis zum 15. Jahrhundert, einer förmlichen Stadtrechtsverleihung bedurft hätte. Es gibt in der Mark Brandenburg oder auch in anderen benachbarten Ländern nur sehr wenige Städte, die tatsächlich über eine Urkunde mit Stadtrechtsverleihung verfügen. Prenzlau in der Uckermark ist eines der insgesamt ziemlich seltenen Beispiele dafür.

Was aber machte einen Ort dann auch ohne Urkunde zur Stadt?

Man muss einfach davon ausgehen, dass ein Ort den Charakter einer Stadt gewonnen hatte auch ohne eine förmliche Anerkennung des Landesherrn, wenn bestimmte Eigenschaften erfüllt waren. Dazu gehörte, dass es einen Markt und Gewerbe in dem jeweiligen Ort gab. Und die Einwohner mussten als Bürger mit bestimmten bürgerlichen Rechten anerkannt worden sein. An der Spitze der Bürgerschaft stand ein Rat mit – in der Regel – mehreren Bürgermeistern. Das sind die entscheidenden Merkmale einer mittelalterlichen Stadt. Und die kann man eben auch für Werder nachweisen.

Heute wird in Werder wieder Wein angebaut. Seit wann gibt es hier Weinbau?

Auf jeden Fall gab es ihn bereits im 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wird das Haus eines Adligen in Werder erwähnt, zu dessen Zubehör unter anderem ein Weinberg gehörte.

Wie erlebte Werder den 30-jährigen Krieg?

Werder zählt wie viele andere Orte in der Mark Brandenburg zu den Städten, die unter dem Krieg enorm gelitten haben. Man muss sich das immer so vorstellen, die Menschen litten ja nicht in erster Linie unter den Kampfhandlungen, sondern darunter, dass die Soldaten in ihren Häusern einquartiert wurden und sie das Militär versorgen mussten. Sicherlich haben sich die Soldaten auch oftmals selber bedient. Und die allgemeinen Verhältnisse führten dann zu einer mangelhaften Ernährung und so zogen Krankheiten in die Orte ein. In Werder gab es nach dem Krieg deutlich weniger Einwohner als zuvor.

Das Gespräch führte Holger Catenhusen

ZUR PERSON: Klaus Neitmann (62) ist seit 1993 Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Der Historiker lehrt auch als Privatdozent an der Universität Potsdam.

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