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Werder

  • 13.03.2017
  • von Klaus Büstrin

Werder (Havel): Neues Gedenkbuch über „Jüdische Schicksale“

von Klaus Büstrin

Werder (Havel) - Immer häufiger verschwanden Juden zur Zeit des Nationalsozialismus auch aus Werder und Umgebung. Die Arbeitsgruppe „Werderaner Verfolgtenschicksale“ hat nun Biografien und Schicksale von jüdischen Einwohnern der Stadt Werder sowie Glindow und Petzow in einem soeben erschienenen Gedenkbuch dokumentiert, „Jüdische Schicksale“ lautet der Titel. Der Lukas Verlag Berlin hat die eindrucksvolle und wichtige Recherchearbeit der Arbeitsgruppe um Herausgeber Hartmut Röhn zur dunklen Geschichte Werders veröffentlicht.

Bevor sich das Gedenkbuch einzelnen Biografien von jüdischen Bürgern widmet, werden Grundzüge der nationalsozialistischen Judenverfolgung und des Verlaufs des Pogroms im November 1938 verdeutlicht. Verhaftungen fanden statt, Geschäfte wurden geplündert und demoliert. Auch Privatwohnungen verschonte man nicht. Ein Zeitzeuge berichtete über die Zerstörungswut von sieben Nationalsozialisten im Haus des Bank-Prokuristen Oscar Fleck, Am Zernsee 5: „Der Pöbel startete um 6 Uhr morgens. Da war das große und kleine Schlafzimmer, in welchem die Jungen schliefen, in welchem sie Gardinenstangen und Vorhänge heruntergerissen und zerkleinert hatten. Die Betten zerhackt und die Matratzen. Dann war alles in dem Badezimmer zerschlagen …“ Manche der Opfer versuchten, sich während des Pogroms zu verstecken, im Schilfgürtel des Plessower Sees oder in einem Boot auf dem Glindower See. Wer es vor dem November 1938 nicht geschafft hatte zu emigrieren, über dem schwebte die ständige Angst, deportiert zu werden. Berichtet wird auch über die Zwangsarbeiter der Ziegelei Glindow – und über mehr als 100 Einzelschicksale. So wird der deportierten und ermordeten oder durch Freitod aus dem Leben geschiedenen Juden gedacht und ihre Namen den Wohnadressen zugeordnet. In dem Buch geht es aber auch darum, dass einige mutige Werderaner leidende Mitbürger vor den nationalsozialistischen Häschern verstecken konnten. So kam Susanne Kuznitzky bei dem Ehepaar Christiane und Hans Mildner in der Kemnitzer Straße 33 unter.

Für solche Details wurde die besagte Arbeitsgruppe in den Stadtarchiven Werder und Potsdam, im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, im Centrum Judaicum Berlin, Domstiftarchiv Brandenburg oder im Kreisarchiv Potsdam-Mittelmark fündig, sie sammelten Zeitzeugenberichte, Briefe, Fotos, Biografien und Aktenauszüge. Im Vorwort des Buches liest man, dass das Land Brandenburg das Erscheinen intensiv unterstützt habe, dagegen kamen von der Stadt Werder sowie von der evangelischen Kirchengemeinde Absagen hinsichtlich einer finanziellen Förderung. Das hinterlässt einen schalen Geschmack. Das Fazit zu dem Buch: Diese bewegend-individuelle Hinwendung zu dem Leben der Opfer sollte zugleich ein Bestandteil der öffentlichen Gedenkkultur der Stadt Werder sein.

Das 178-seitige Buch kostet 14,90 Euro (ISBN 978-3-86732-240-9)

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