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  • 13.07.2018
  • von Thomas Wegmann

Clemens J. Setz' neues Buch "BOT": Interview mit einer Maschine

von Thomas Wegmann

Ein Junger Mann aus Graz. Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat ein Faible für Abseitiges und Eigenartiges – das zeigt sein neues Buch. Am Freitag liest er in Berlin. Foto: Max Zerrahn

Abwesend anwesend: Schriftsteller Clemens J. Setz lässt sich im Band „BOT - Gespräch ohne Autor“ von einem Computerprogramm vertreten.

Es ist nun schon zwei Jahrzehnte her, dass der US-amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace seinen Erzählungsband „Kurze Interviews mit fiesen Männern“ veröffentlichte. Einerseits hielt das Buch, was der Titel versprach, weil es tatsächlich mit Scheißkerlen der alten Schule aufwartete, die darüber sprechen oder stammeln, worüber sie sonst meist schweigen. Andererseits verdankt sich ihre Authentizität der Kunstfertigkeit ihres Autors, denn die Interviews sind allesamt fiktiv. Für ein ähnliches Verfahren wurde fast zur gleichen Zeit Tom Kummer medial abgestraft; allerdings hatte er seine aus bereits vorhandenem Material montierten oder frei erfundenen Gespräche mit Hollywood-Stars auch nicht als „Storys“ deklariert, sondern dafür Spesen in Rechnung gestellt. Der Grat zwischen Fake und Fiction bleibt in beiden Fällen schmal.

Der österreichische Autor Clemens J. Setz wiederum, der zuletzt mit seinem 1000-Seiten-Roman „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ aufmerken ließ, interessiert sich weniger für miese Typen oder glamouröse Granden als für Wissenstrouvaillen und künstliche Intelligenzen. Und neuerdings auch für Schriftstellerinterviews, zumal sich diese im Literaturbetrieb wachsender Beliebtheit erfreuen. Beides zusammen bildet den Nährboden für seinen kürzlich erschienenen Band „BOT – Gespräch ohne Autor“.

Die Antworten generiert eine Maschine

Bots sind Computerprogramme, die selbstständig bestimmte Aufgaben abarbeiten. Unter Umständen kann man mit ihnen kommunizieren, ohne zu merken, dass gerade kein menschliches Wesen antwortet. Und so soll auch das Buch von Setz funktionieren. Weil sich dieser Interviewunfähigkeit bescheinigt, aber eine entsprechende Anfrage nicht ausschlagen mag, hat er sich etwas ausgedacht: Er übergibt der Herausgeberin Angelika Klammer seine Journale, gesammelt in einer elend langen Worddatei, die so etwas wie eine ausgelagerte Seele bildet. An sie solle die Interviewerin ihre Fragen stellen und nach passenden Antworten suchen, Zufallstreffer eingeschlossen. Bei dem auf diese Weise entstehenden Gespräch, so Setz im Vorwort, fehle der Autor und werde durch sein Werk ersetzt, durch „eine Art Clemens-Setz-Bot“.

Der Befragte - ein Synästhet, der leicht zu demütigen ist

Das kann man machen, aber warum man um dieses Verfahren unbedingt und wortreich Girlanden von künstlicher Intelligenz winden muss, bleibt ein Geheimnis, womöglich das des fehlenden Autors. Herausgekommen bei dem Gespräch mit diesem, das ganz konventionell unter dem Autornamen Clemens J. Setz erscheint, sind Antworten, die mal mehr, mal weniger zu den Fragen passen, was aber keine große Rolle spielt. Ganz wie in „richtigen“ Interviews geht es vor allem darum, jemanden zum Sprechen zu bringen: „Sie sehen C-Dur grasgrün, den Farbton einer Pause als feines Silbergrau – und sonst? Ich bin Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt.“ Außerdem erfährt man viel über Mensch und Tier, vor allem Ungewöhnliches aus den Randgebieten des Wissens. Etwa über den Elefanten Batyr, der 24 Jahre in einem kasachischen Zoo lebte, ohne je einen anderen Elefanten gehört oder gesehen zu haben, dafür aber wie auf einem Musikinstrument einige russische Wörter auf seinem Rüssel nachspielen konnte. Oder über Franz Gsellmanns Weltmaschine, die in der Steiermark jedes Kind kennt und an der sein Schöpfer, ein tiefgläubiger und anrührender Bauer („Gott wirt mich in der antern Welt eine schönere Arbeit geben“), über 20 Jahre besessen bastelte und die am Ende scheunengroß wurde. Zusammengesetzt aus höchst unterschiedlichen Materialien und angetrieben von zwei Dutzend Elektromotoren, kann die Maschine blinken und leuchten, dröhnen und beben, ohne dass ein Ziel im herkömmlichen Sinne zu erkennen wäre. Sie ist einfach da: bunt, gewaltig und zweckfrei.

Die Beichte als Ursprung des Erzählens

Man kann sie durchaus als Master Copy für den vorliegenden Band sehen, der bei seinem Frage-Antwort-Spiel eine Vielzahl an Themen und Zusammenhängen streift, die er zu kurzer und kürzester Prosa, zu deutschen und englischen Gedichten verarbeitet, Fotos und Illustrationen inklusive. Und während Gsellmann nach eigener Überzeugung seine Maschine dem Allerhöchsten verdankt, räsoniert der Clemens-Setz-Bot über die „Geburt des erzwungenen Geschichtenerfindens im katholischen Schulunterricht“, namentlich bei der Beichte, wo er als reuiges, aber unschuldiges Kind erzählt, er habe eine Blume ausgerissen und damit jemanden verdroschen: die Erfindung der Sünde als Ursprung allen Erzählens, es gibt kulturgeschichtlich kaum einen besseren.

Setz’ Sätze zu lesen, gleicht dabei dem Fahren über Feldwege. Es rumpelt immer ein wenig. Das wiederum passt zu seinem Faible für Abseitiges und Eigenartiges, für Sonderlinge und Nerds, die weniger durch Eleganz als durch Originalität auffallen. Und wie Roboter und Bots sich Fragen nach ihrer Identität verweigern müssen, wenn sie den Turing Test bestehen wollen, verweigert sich der Autor dem Gespräch, indem er nicht spricht, sondern Auszüge aus seinen Aufzeichnungen sprechen lässt.

Der Autor ist ganz abwesend

Dabei existieren durchaus Interviews mit Clemens J. Setz, gar nicht wenige sogar, nur eben nicht hier, nicht in diesem Band – obwohl dieser in fünf Tage aufgeteilt ist, mithin so tut, als hätte tatsächlich ein mehrtägiges Interview stattgefunden. Hat es aber nicht, und so ist der Autor darin, was er stets auch in „echten“ Interviews ist, sofern sie gedruckt vorliegen: erstens ganz Text und zweitens ganz abwesend. Wobei die erfundenen Interviews die poetologisch interessanteren sind, weil sie ihr eigenes Genre im besten Sinne fragwürdig werden lassen.

Clemens J. Setz: Gespräch ohne Autor. Hrsg. von Angelika Klammer. Suhrkamp, Berlin 2018, 166 Seiten, 20 €. Unter dem Motto „Glückskeks trifft Heimorgel“ findet heute Freitag, 19.30 Uhr, im Literarischen Colloquium Berlin eine Open-Air-Lesung mit dem Autor und dem Ersten Wiener Heimorgelorchester statt. Die Band hat auf ihrem Album „Die Letten werden die Esten sein“ auch zwei Setz-Texte vertont.

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