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  • 11.07.2018
  • von Ernest Wichner

Korruption in Rumänien: Bewunderung der Bluse

von Ernest Wichner

Tausende Rumänen und Rumäninnen feiern in Bukarest die Verurteilung des Politikers Liviu Dragnea wegen Korruption. Foto: AFP/Adrian Catu

Dier verbrecherische herrschende Klasse in Rumänien zelebriert bestickte Bauernblusen. Eine Glosse über Korruption und Traditionspflege.

Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Parlamentsabgeordnete aller im rumänischen Parlament vertretenen Parteien einen Gesetzentwurf ausgearbeitet haben, der „antirumänische Umtriebe sowie die Schmähung oder Verächtlichmachung des Rumänentums“ unter Strafe stellen soll. Solche Gesetze, neuerdings auch aus dem EU-Mitgliedsland Polen bekannt, schützten in der Regel Diktatoren und deren Clans vor der Wahrheit über ihr verbrecherisches Treiben. Sie sind allgemein symptomatisch für den Grad an Verkommenheit einer Gesellschaft oder herrschenden Klasse.

Nicht ganz falsch liegt in diesem Fall, wer an die Korruption der politischen Amtsträger Rumäniens denkt, über die Mircea Cartarescu, der wohl bekannteste Schriftsteller des Landes, sagt, sie seien ausnahmslos korrupt. Gerade erst musste sich Präsident Klaus Johannis dazu erpressen lassen, seine leitende Korruptionsermittlerin zu entlassen. Wir mögen zwar allesamt korrupt sein, scheint uns dieses neue Gesetz sagen zu wollen, aber wir sind und bleiben gute Rumänen, die sich den Stolz auf ihr „Tum“ nicht nehmen lassen. Von dieser Überlegung ist es tatsächlich nicht mehr weit bis zur Verkündung eines Katalogs nationaler Kulturgüter, die ihren besonderen ästhetischen, kulturgeschichtlichen und zivilisatorischen Wert in die Welt hinaustragen sollen, um dem Rumänentum Achtung, Ehre und Bewunderung einzutragen.

Farbenfrohe Einfalt

Beispielsweise die Geschmacklosigkeit namens Ïe, eine bunt bestickte Frauenbluse, ein Stück folkloristisch zweifelhafter Damenoberbekleidung, das – aus den hintersten Karpatentälern in die Städte geholt – von farbenfroher Einfalt und ästhetischer Verirrung kündet. Dieser „Fetzen“, wie man nicht nur in Österreich so etwas treffend nennt, hat es nun auf dem immerwährenden rumänischen Kulturkalender zu einem eigenen Tag gebracht. Der Welttag der bestickten Bauernbluse – „Ziua Universala a Iei“ – wird am 24. Juni begangen. Und die Zentrale des Rumänischen Kulturinstituts Bukarest (geleitet von einer Modistin, deren Geschäftsgrundlage daraus bestand, solche Bauernblusen in verkitschter Gestalt in den städtischen Alltag zu überführen) hat alle seine 18 weltweit tätigen Filialen angewiesen, diesen Tag in ihren Veranstaltungsprogrammen gebührend zu begehen, was die Leiterinnen und Leiter dieser beklagenswerten Institute offenbar auch willens sind, zu tun. In Berlin setzte das Institut „Titu Maiorescu“ am 5. Juli in den Botschaftsräumen eine Show unter dem Titel „Rumänische Wurzeln, folkoristisch gespiegelt“ an.

Es ist, als stellte hier die Seehofer-CSU nicht nur den Innen- und Heimat-, sondern damit auch den Kulturminister und ordnete den Goethe-Instituten an, im Ausland den Tag des Gamsbarts oder des Trachtenjankers zu begehen.

Hinwiederum, wir sollten solche Entwicklungen nicht beklagen oder höhnisch kommentieren, sondern die rumänischen Kulturinstitute stürmen, uns mit bunten Damenblusen eindecken, dazu CDs mit authentischer rumänischer Folkloremusik (bitte ohne ziganistische Einflüsse) erwerben und die dort gebotenen süßen Weine trinken. Auf dass das ferne Balkanland prosperiere und keinerlei Rückschlag hinzunehmen habe in seinem Bemühen, auch noch die korrupteste Modistin zur nationalen Kulturträgerin umzuwidmen.

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