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  • 14.06.2018
  • von Benjamin Paul

Fotografien von Luigi Ghirri: Kleinbürgerliche Träume von Glanz und Gloria

von Benjamin Paul

Die Medialisierung der Welt. „Salzburg“, 1977. Foto: Eredi Luigi Ghirri

Wirklichkeit als Abbild eines Abbildes: Die Fotografien von Luigi Ghirri im Essener Museum Folkwang zeigen das vergnügungssüchtige Italien der Nachkriegszeit.

Seit der deutsche Künstler Thomas Demand in einer von ihm 2010 kuratierten Ausstellung die Bilder von Luigi Ghirri erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte, gibt es einen regelrechten Boom um den italienischen Fotografen. Nach Ausstellungen auf der Venedig Biennale 2011 und dem Maxxi in Rom 2013 zeigt nun das Museum Folkwang in Essen Ghirris Arbeiten aus den 70er Jahren, dem ersten Schaffensjahrzehnt des bereits 1992 verstorbenen Künstlers.

Gründe für diese Wiederentdeckung gibt es genug, ist Ghirri doch nicht nur ein Chronist des (klein)bürgerlichen Nachkriegsitalien, sondern auch ein Wegbereiter der Farbfotografie in Europa. Dass gerade Demand sich so für Ghirri einsetzte, liegt sicherlich an der Beschäftigung mit einer zum Abbild transformierten Wirklichkeit, die beide Künstler gemein haben. Ähnlich wie bei Demand, der eine aus Bildern bekannte Realität (wie etwa Barschels Badewanne) in Papier nachbildet, nur um sie dann nochmals abzufotografieren, wird auch bei Ghirri die Wirklichkeit zum Abbild eines Abbildes. Ghirris Fotos duplizieren nie einfach nur das Gegebene, sondern veranschaulichen, wie das Reale selbst bereits zum Bild geworden ist.

So zeigt beispielsweise das Werk „Modena 1971“ den weiten Horizont des ruhigen Meeres, auf dem sich weiche Lichtreflektionen spiegeln. Zarte vertikale Schlieren und ein schwacher Stempelaufdruck verdeutlichen jedoch, dass es sich um eine Detailaufnahme von einem Plakat handelt. Ghirri hat also ein Bild aus einem Bild vom Meer gemacht. Durch Ghirris Foto wird die Wirklichkeit, die sich mit dem Stempel und den Schlieren auf das Plakatbild gelegt hat, auch wiederum zum Bild. In diesem Mise en abyme, einem Bild im Bild, entschwindet die Wirklichkeit in einen Palimpsest von Bildern. Das Reale wird zum Simulakrum seiner selbst.

Ghirris Bilder sind nie pessismisitsch oder zynisch

Egal ob es sich um Werbeplakate handelt oder Aufnahmen von Touristen, die sich die Welt anschauen, als wäre sie bereits eine Postkarte – sei es nun das tatsächliche Panorama von Venedig oder eine Orientierungstafel für Wanderer –, immer zeigt Ghirri die Wahrnehmung als eine von Bildern medialisierte und damit als eine um wirkliche Erfahrung beraubte. In vieler Hinsicht fügen sich Ghirris Fotografien also in den für die 60er und 70er Jahre typischen Kulturpessimismus, der eine zur bloßen konsumierbaren Ware gewordene Welt beklagte und in Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ und später in Jean Baudrillards „Simulakrum-Konzept“ seine theoretischen Ausformulierungen fand. So behauptet Ghirri, dessen umfangreiche Schriften ein veritabler Beitrag zur Fototheorie sind, 1978 im Vorwort zu „Kodachrome“: „Zu großen Teilen verwandelt sich die Wirklichkeit zunehmend in eine Fotografie gigantischen Ausmaßes, und die Fotomontage hat bereits stattgefunden: Sie besteht in der realen Welt.“

Dennoch sind Ghirris Bilder nie pessimistisch oder gar zynisch. Sie charakterisieren mit warmer Ironie und Liebenswürdigkeit die kleinbürgerliche Welt des Nachkriegsitalien mit ihrer Vergnügungssucht, die dem Versprechen von Glanz und Gloria erlegen ist. Das naive Gefallen an täuschenden Simulakra wird besonders deutlich in der Serie „In Scala“ über einen Vergnügungspark in Rimini mit Modellen von touristischen Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm und dem Palazzo Vecchio in Florenz. Auf subtilere Weise schimmert es durch in Aufnahmen von Bonbonpapier, das mit einem blauen Sternenhimmel bedruckt ist, oder einer mit Michelangelos David verzierten Schale.

Heute passen Menschen die Realität dem Bild an

Gerade in diesen Kitschprodukten offenbart sich das umfassende Eindringen der Bilder in die moderne Welt, in der sie zur konsumierbaren Ware geworden sind. Das Versprechen dieser Bilder nach Illusion hält sich jedoch nicht, gerade weil sie als Konsumprodukte durch Benutzung ständig der Wirklichkeit ausgesetzt werden. So wird der Sternenhimmel beim Auspacken des Bonbons zerknittert und David pietätlos von Zigarettenstummeln und Asche verunstaltet – nur, um von Ghirri wiederum zum Bild gemacht zu werden.

Vielleicht wirken Ghirris Fotos jedoch nur aus heutiger Sicht so liebenswürdig. Die von ihm beschriebene „Destruktion direkter Erfahrung“ und Transformation der Realität in Simulakra hat im digitalen Zeitalter Ausmaße angenommen, die wohl selbst Baudrillard nicht für möglich gehalten hätte. In Anbetracht einer Instagram und Facebook angepassten Wirklichkeit, in der sich Menschen ihre Nasen operieren lassen, weil sie wissen, dass diese 30 Prozent größer aussehen in Selfies, sie die Realität also dem Bild anpassen, erzeugen Ghirris Fotos ein geradezu nostalgisches Sehnen nach den scheinbar harmlosen und naiven Anfängen dieser Medialisierung von Realität

Museum Folkwang Essen, bis 22. Juli

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