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  • 13.06.2018
  • von Andreas Busche

Im Kino: "Aus einem Jahr der Nichtereignisse": Spuren der Zeit

von Andreas Busche

Entschleunigt euch. Willi, der alte Bauer, in "Aus einem Jahr der Nichtereignisse". Foto: Steppenwolf

Willi ist 90 und lebt auf dem Land: „Aus einem  Jahr der Nichtereignisse" heißt der ungewöhnliche, liebevolle Dokumentarfilm von Anna Carolin Renninger und René Frölke.

Es geht ums Detail, nicht um das große Ganze. Die erste Einstellung ist auf das Fell einer Katze gerichtet, ein extremer Close-up. Gleichmäßig hebt und senkt sich der Brustkorb, man braucht ein paar Sekunden, um zu verstehen, auf was man da eigentlich blickt. Ebenso ergeht es einem mit dem Quietschen auf der Tonspur, dessen Ursprung sich nicht sofort erschließt. Es stellt sich dann als das Geräusch des Rollators heraus, den der 90-jährige Willi gemächlich vor sich herschiebt. Die Gehhilfe ist sein steter Begleiter, der andere ist die Katze, die ihm abwechselnd mit den Hühnern des heruntergekommenen Bauernhofs ständig zwischen den Beinen herumläuft.

„Aus einem Jahr der Nichtereignisse“ trägt sein Programm bereits im Titel. Er klingt ironisch, doch die Filmemacherin Ann Carolin Renninger und ihr Ko-Regisseur René Frölke meinen ihn liebevoll. Renninger kennt den Protagonisten ihres Films noch aus der Kindheit, ihm gehört der Bauernhof in ihrem norddeutschen Dorf. Von dieser Erinnerung ist nicht viel übrig geblieben.

Die Zeit hat unwiederbringlich ihre Spuren hinterlassen, nicht nur beim robusten Willi, sondern auch auf seinem Hof. Die Holzbank ist überwuchert mit Unkraut und Pusteblumen, das Gartenzaun verrostet. Die düstere Wohnung: vollgestellt mit Relikten der Vergangenheit – nicht wie bei einem Messie, sondern eher, als hätte jemand der Zeit einfach freien Lauf gelassen. Biografische Ablagerungen sozusagen.

Renninger und Frölke haben dieses Leben ein Jahr lang gefilmt, auf 8mm-Material, dessen kurze Rollen ihrem Dokumentarfilm eine Struktur geben. Der Schwarzfilm am Ende jeder Rolle ist ebenso Zeugnis der Vergänglichkeit wie die Gespräche unter Nachbarn. Der eine hatte gerade einen Herzanfall. „Was willst du denn damit?“ meint Willi mit typisch norddeutscher Stoik. Die alten Männer kann nichts erschüttern, „Aus einem Jahr der Nichtereignisse“, der 2017 im Forum der Berlinale Premiere feierte, setzt ihnen ein Denkmal, ohne auf die große biografische Erzählung hinauszuwollen. Die Filmemacher verzichten auf Erinnerungen und Anekdoten, sie bleiben in der Gegenwart verhaftet mit einer obsessiven Hingabe für die Schönheit des Alltäglichen. Das Fell einer Katze, Blumen auf der Sommerwiese, das Licht, das in die dunkle Bauernstube fällt, der flirrende Staub in der Luft. Und immer wieder der brabbelnde Willie zwischen Selbstgespräch und Lebensauskunft.
In Berlin ab Donnerstag in den Kinos Acud, City Wedding, Tilsiter, Wolf

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